Thomas Haas' Abschiedstour Leerer Tank

Tennisprofi Thomas Haas ist auf seiner Abschiedstournee. Bei den Australian Open streikt sein Körper, warum quält sich der 38-Jährige noch? Weil er sich unbedingt einen Traum erfüllen möchte.

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Aus Melbourne berichtet Philipp Joubert


Die Stadtbahn rattert hinter einem Zaun, Menschen johlen, eine Fahne wird geschwenkt. Wer von den grünen Plastiksitzen aufblickt, der sieht Hochhäuser schimmern in der schwülen Frühabendhitze von Melbourne. Das ist die Kulisse für das wohl letzte Comeback des Tennis-Profis Thomas Haas bei den Australian Open.

Die Zuschauer rufen seinen Namen bereits, da hat der Hauptdarsteller den Platz am nördlichen Ende des Melbourne Park noch gar nicht betreten. "Tommy, Tommy, Tommy" - der Chor verdichtet sich und hält mehr als eine Minute an, bis Haas seine Schlägertasche ablädt. Die lokale Boulevardzeitung hatte seinen Auftritt als eines der "Matches des Tages" angekündigt. Sein Name zählt hier etwas, immerhin stand der 38-jährige Haas schon drei Mal im Halbfinale.

Bei seinem ersten Vorstoß 1999 war der jüngste Spieler im diesjährigen Tableau, der Australier Alex de Minaur, noch nicht mal geboren worden. Es folgten die Halbfinals 2002 und 2007. Mit Zahlen wie diesen wurde Haas in den vergangenen Tagen immer wieder konfrontiert, sie bringen ihn zum Schmunzeln.

Warum quält sich Haas?

Der "ewige Haas" beschäftigt die Tennisbeobachter. Ist er unvollendet, gar tragisch oder ist sein stoizistischer Umgang mit den physischen Problemen einfach bewundernswert? Warum quält Haas seinen geschundenen Körper trotz mittlerweile neun Operationen? Wirklich nur, um den Abschied erhobenen Hauptes zu schaffen, wie er stets betont, oder kann er einfach nicht loslassen?

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Thomas Haas: Comeback zur Abschiedstournee

Haas' Gegner am Dienstag heißt Benoît Paire. Der Franzose hat viele Haare auf dem Kopf, noch mehr im Gesicht und verzieht keine Miene. Das passt perfekt zu seinem Spiel. Mit viel Handgelenkeinsatz schiebt der Franzose Bälle übers Netz und drückt seinen elf Jahre älteren Gegner in die Ecken. Haas wehrt sich von Beginn tapfer, in manchen Ballwechseln blitzt die technische Klasse auf. Seine elegante und doch kraftvolle Rückhand begeistert die Zuschauer.

Doch in Bedrängnis kann Haas seinen an Nummer 47 der Weltrangliste notierten Gegner nicht bringen. Er ist häufig einen Schritt zu spät und wird lediglich von den Fehlern Paires im Spiel gehalten. Haas kann gegen Paire spielerisch mithalten, aber nicht körperlich. Am Ende des zweiten Satzes gibt er beim Stand von 6:7(2), 4:6 auf. Auch wenn Haas sich in den Minuten vorher sichtlich quälte, das Ende kommt überraschend. Er tritt noch einmal auf den Platz. Die Zuschauer klatschen, Paire klatscht, der komplett verschwitzte Haas bedankt sich, wirft das Trikot ins Publikum - und geht.

"Ich habe mich einfach leer gefühlt"

Drei Stunden später sitzt Haas im grünen Trainingsanzug im Pressekonferenzraum der Anlage. Er spricht klar, präzise und laut. Die Antworten sind ausführlich, erklären aber letztlich nicht, was da auf dem Platz passiert ist. "Ich habe mich einfach leer gefühlt - da war nichts mehr im Tank", sagt Haas. "Ich war schon im ersten Satz von den Emotionen und Gedanken müder als ich mich je erinnern kann. Mitte des zweiten Satzes hatte ich dann das Gefühl, nicht mehr gerade stehen zu können, ich konnte nicht mehr richtig zum Aufschlag hochkommen."

Den Start bei den Australian Open bereut er nicht, hier hat er schließlich seine größten Erfolge gefeiert, hier musste er einfach noch einmal antreten. Das Ende seiner Karriere war das Turnier noch nicht, allerdings bestreitet er in diesem Jahr seine letzte Tour, sagt der 38-Jährige: "Ich hoffe, dass der Körper noch einmal mitmacht, um die Turniere zu spielen, die mir wirklich am Herzen liegen und ich dementsprechend gutes Tennis bieten kann."

Vor der Tochter aufschlagen

Wie es nun weitergeht? Michael Stich hatte in den vergangen Tagen schon angekündigt, Haas für das Turnier am Hamburger Rothenbaum im Juli verpflichten zu wollen. Der Auftritt in seiner Geburtsstadt dürfte Teil der Tennis-Abschiedstour von Haas in Deutschland werden - auch beim Rasenturnier in Stuttgart will er antreten.

Der Wahlamerikaner spricht außerdem davon, wie viel es ihm bedeuten würde, wenn seine sechsjährige Tochter die Chance bekäme, den Vater live spielen zu sehen: "Es ist ein Traum von mir, den Blick in die Box zu werfen und meine Tochter dort zu sehen, wie sie mich anfeuert. Das sie das noch mal mitnehmen kann für den Rest ihres Lebens und nie vergisst."

Insgesamt redet Haas fast 15 Minuten. Es ist ein Eindruck, der bleibt: Haas sucht - nicht nur nach den richtigen Worten, sondern nach dem perfekten Abschied. Dem einen Moment, in dem alles zusammenkommt, alles passt. Man wünscht ihm, dass er ihn erlebt.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
ludna 17.01.2017
1. Das klingt alles nach einer künstlichen Hüfte
und vielleicht auch künstliche Kniegelenke. Wahrscheinlich schon bald. Siehe Becker, Connors, Lendl etc.
htapk 17.01.2017
2. Geld
Dass er nicht schon vor vier Jahren aufgehört hat, liegt wohl an finanziellen Problemen und daran, dass er nichts als Tennis gelernt hat.
kopi4 17.01.2017
3.
Man sollte wissen wann Schluß ist. Das Haas nach seinen zahlreichen Verletzungen und mit 38 im Hauptfeld eines Grand Slam nicht zu suchen hat war klar. Vergangene Erfolge schön und gut aber die sollten keine Rolle spielen. Sonst könnten ja auch Agassi oder Sampras drauf pochen nochmal einzusteigen.
Sibylle1969 17.01.2017
4.
Von seinen technischen und spielerischen Möglichkeiten hätte Haas dauerhaft in die Top 10 gehört. Schade, dass sein Körper den Belastungen des Spitzensports nie gewachsen war. Dass er sich mit 38 noch mal ein Comeback antut, verstehe ich aber nicht. Auch wenn er das Tennisspielen nicht verlernt hat, so dürfte die Fitness kaum reichen, um mit der Weltspitze mitzuhalten.
larry1137 17.01.2017
5. Haas ist
...ein Getriebener. Respekt vor so viel Biss und Willensstärke. Ich hoffe er bekommt den Abschluss, den er sich gewünscht hat.
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