THW-Kiel-Star Karabatic Der Gott des Handballspiels

So soll, so muss ein Handballer sein: Nikola Karabatic vom THW Kiel ist in Angriff und Abwehr gleichermaßen stark, sammelt Titel - und denkt dabei auch noch ans Marketing. SPIEGEL ONLINE hat den Franzosen vor dem Champions-League-Finale getroffen.


Der Mann ist der vielleicht beste Handballer der spanischen Liga: ein Koloss, ein Scharfschütze, ein großer Stratege. Doch nach dem Abpfiff des Champions-League-Halbfinales gegen den THW Kiel vor drei Wochen mutierte Iker Romero, der Rückraumstar des FC Barcelona, zum ehrfürchtigen Fan.

Da stoppte Romero plötzlich Nikola Karabatic auf dem Gang in die Spielerkabine des Palau Blaugrana, der Halle des FC Barcelona. "Darf ich dein Trikot haben?", fragt Romero, beinahe unterwürfig. Er darf, bedeutet ihm Karabatic. "Welches Trikot möchtest du dafür haben? Das spanische Nationaltrikot? Oder das vom FC Barcelona?", fragt Romero weiter. "Mir egal", sagt Karabatic in fließendem Spanisch, "welches du magst". Trikots sind dem 24-Jährigen Rückraumspieler nicht so wichtig.

Karabatic will nur eins: "Titel, Titel, Titel." Und zwar möglichst viele. Dass er mit dem THW Kiel in den nächsten 14 Tagen eine historische Leistung abliefern kann, sollten sie das "Triple" aus Meisterschaft, Pokal und Champions League in diesem Jahr wiederholen, ist ihm dabei "scheißegal". Er kämpfe genauso um einen Ligapokal. Das Triple sei, sagt er lächelnd, "nur gut für das Marketing".

Der Rechtshänder hat schon so viele Pokale in die Höhe gereckt wie nur wenige Handballer vor ihm: Viermal ist er mit Montpellier in Frankreich Meister geworden, viermal gewann er den Pokal, zweimal den Ligapokal, einmal die Champions League (2003). Als er im Juli 2005 zum THW Kiel wechselte, zu seinem Lieblingstrainer Noka Serdarusic, wurde die Bilanz nicht schlechter. Europameister mit Frankreich (2006), zwei Deutsche Meisterschaften, zweimal Pokalsieger, zweimal Supercup-Gewinner, einmal Champions League-Sieger (2007), dazu die Champions Trophy (2007). Macht 20 Titel. Im Alter von gerade einmal 24 Jahren.

Ein Handball-Laie könnte den Eindruck haben, Karabatic' Hunger auf Titel sei irgendwann einmal gestillt. Aber er zeigt sich vor dem anstehenden Champions-League-Finale gegen den spanischen Meister BM Ciudad Real (Hinspiel; Sonnntag, 19 Uhr) weiterhin gefräßig. "Es gibt nichts Schöneres als solche Endspiele", sagte er strahlend am vergangenen Mittwoch. Da lag gerade der 34:24-Sieg gegen die HSG Nordhorn hinter ihm, der die Chancen auf die Deutsche Meisterschaft erhält. Bis 2012, solange hat er beim THW Kiel unterschrieben, sollen noch viele Titel folgen.

Freilich macht sich der Trainer einige Sorgen. Karabatic nämlich ist etwas angeschlagen, beide Sprunggelenke schmerzen, er trainiert deshalb in den letzten Wochen kaum noch, und nach der langen Saison sind seine Bewegungen etwas weniger dynamisch als gewöhnlich. Gegen Nordhorn protestiert er, der vor Ehrgeiz nur so brennt, nicht einmal gegen seine Auswechslung. "Heute ist er ohne zu Murren auf die Bank gekommen – das sagt alles über seinen momentanen Fitnessstand. Er ist ausgepowert", erklärt Serdarusic. Was sagt Karabatic? "Natürlich bin ich müde. Aber andererseits ist dies die beste Saison, seitdem ich Handball spiele. Wenn das Resultat so ausfällt, dann will ich immer müde sein", sagt er trotzig. Er wird also spielen in der Provinz La Mancha, und auch im Rückspiel am 11. Mai in Kiel, wo ihn die Fans der "Zebras" wie einen Gott verehren.

Man mag den Handballstil, den Karabatic verkörpert, nicht schön finden. Er hat zwar auch ein feines Händchen, timet sein Heber über den gegnerischen Torwart nahezu perfekt, auch sein Passspiel ist exzellent. Doch was ihn auszeichnet, ist die maximale Wucht, mit der sich der 102 Kilogramm schwere Modellathlet in die Schlacht wirft. Wie eine Abrissbirne schlägt er dann gegen die gegnerische Abwehr, so lange, bis diese Abwehr endlich auseinanderbröselt und der Weg zum Tor frei ist. Karabatic ist dabei ungeheuer effektiv, das Duell Mann gegen Mann endet meist mit einem Tor oder einem Siebenmeter.

Was ihn aber zu einem perfekten Handballer macht, ist sein komplettes Spiel: Auch in der Abwehr, wo er meist in der Zentrale postiert ist, gehört er zu den Allerbesten. Es gibt vielleicht ideenreichere Angreifer, etwa den kroatischen Genius Ivano Balic, oder das französische Sprungwunder Daniel Narcisse. Aber kein Handballer ist in der Lage, fast alle Ansprüche des modernen Handballs so auszufüllen wie Karabatic. Diese Vielseitigkeit macht ihn zu dem, der er schon im Alter von sieben Jahren werden wollte: zum aktuell besten Handballer der Welt.

"Für dieses Team würde ich sterben"

Zudem verströmt er das, was nur Superstars auszeichnet: Charisma. So kraftvoll und wuchtig sein Handballstil, so feinsinnig, distinguiert und charmant ist sein Auftreten abseits des Feldes. Die Liebe zur Kunst, zur Malerei, hat er von seiner Mutter geerbt. Fünf Sprachen spricht er fließend. Und wenn er seine Argumente etwa gegen die Überbelastung ins Feld führt, dann sind seine Antworten stets intelligent und hintergründig, ohne dass sie dabei kalkuliert oder gar opportunistisch wirken. Selbst pathetische Formulierungen ("Für dieses Team würde ich sterben") wirken aus seinem Munde nicht peinlich.

Karabatic ist eine Persönlichkeit, die Marketingstrategen gar nicht erfinden könnten. Ein Phänomen, das auch einen Star wie Iker Romero zu einem Fan werden lässt.



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