THW-Profi Narcisse Der letzte Straßenhandballer

Während der THW Kiel mit dem Trainingslager auf La Réunion neue Wege beschritt, war der Trip für Daniel Narcisse eine Reise in seine Vergangenheit. Das "Handball Magazin" begleitete ihn bei der Spurensuche auf Asphaltplätzen im Ghetto Moufia.

Handballer Narcisse (Mitte): Nach dem Basketball stets noch zum Handball
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Handballer Narcisse (Mitte): Nach dem Basketball stets noch zum Handball


Misstrauische Blicke empfangen Daniel Narcisse, als er den Geländewagen am Straßenrand in St. Denis parkt. Argwöhnisch beäugen ihn die vier Jugendlichen, auf schweren Steinbänken hockend. Dann steht der Anführer der Clique auf, nähert sich dem Luxusgefährt. Seine Augen sind glasig. "Wollt Ihr Cannabis?", fragt er.

Der Dealer erkennt Narcisse nicht, den bekanntesten Sohn der Stadt. "Hi, wie geht's?", entgegnet der. Und dann: Nein, wir möchten uns nur den Sportplatz anschauen. Vielleicht ein paar Fotos machen. Narcisse redet die Sprache des Teenagers, der vielleicht gerade 16 Jahre alt ist. Er nimmt ihn trotz seines Zustandes ernst. Auf diese Art kommt es an im Viertel Moufia.

Narcisse hat hier seine Jugend verbracht. Hier startete die Karriere des Handballers, die bislang einen Olympiasieg ziert, dazu Triumphe bei Welt- und Europameisterschaften, in der Champions League und auch in der Bundesliga, der besten Liga der Welt.

Im Erdgeschoss seines ehemaligen Wohnhauses ist heute ein Erotik-Shop

Im Juli, als der THW Kiel auf La Réunion weilte, zeigte der 31-jährige Narcisse seinen Mitspielern die pittoresken Plätze der Insel. Moufia ist ein Ghetto. Manch Einheimischer hat vorher eindringlich gewarnt, auf keinen Fall hier anzuhalten, weil es in diesem Viertel zu gefährlich sei. Narcisse zeigt auf den Quader an der Avenue Hippolyte Foucque, in dem seine Familie damals lebte. "Wir wohnten ganz unten", erzählt Narcisse, sein Vater hielt als Hausmeister das Hochhaus in Ordnung. "Es ist gestrichen worden", sagt er, "und ein bisschen bunter als früher." Im Erdgeschoss befindet sich heute ein Erotik-Shop.

Das College "Les Alizés", das Narcisse im Alter von zehn bis 14 Jahren besuchte, liegt verlassen da. Es ist Ferienzeit. Ein Blick in die Klassenzimmer lohne sich ohnehin nicht, erzählt Narcisse, denn die meiste Zeit habe er auf dem angrenzenden Basketballfeld verbracht. Auf Asphalt spielten sie hier, Stunden, Tage, Monate. Narcisse wechselte in seiner Jugendzeit stets vom Basketballplatz auf das Handballfeld. "Wenn wir anderen nicht mehr konnten, dann ging Daniel noch zum Handball", erzählt Daniels ältester Bruder Eric. "Er hatte so viel Energie, so viel Kraft, so viel Spaß."

In der Halle zu spielen war eine Belohnung

Das Feld auf dem sich Narcisse austobte, ist noch immer ein tristes Rechteck aus Asphalt, ein Käfig. Handball auf Teer. Der harte Grund war nicht das Problem, meint er, Körper und Geist stellten sich darauf ein. "Meine Knochen sind nicht hier kaputtgegangen, sondern in der Bundesliga". Als er das erste Mal Handball in einer Halle spielte, war er schon 15. "Das war wie eine Belohnung für mich, das war super."

Vincenz Nagi, seinen ersten Trainer, verehrt Narcisse bis heute. "Er war nicht nur ein Trainer für mich. Er war Lehrer und Pädagoge für uns Jugendliche", erzählt er. "Er hat uns das Leben gelehrt, Fair Play, den Umgang miteinander." Nangil nahm sich auch nach dem Handballspiel Zeit für die Kinder, brachte ihnen im Clubhaus das Schachspielen bei. Die Hauptsache war, dass sie die Langeweile nicht zu Dingen trieb, für die sich die Polizei interessiert.

Die Zeit zwischen neun und 18 Jahren sei so enorm wichtig, sagt Narcisse, und das gelte noch mehr in dieser Gegend. "Auch ich habe viel Mist gebaut, aber ich hatte Glück", sagt er. "Ich hatte Nangil, und ich hatte meine Familie." Sie wohnten auf engstem Raum. "Ein Zimmer war für die Eltern, eines für meine beiden Schwestern, eines für uns drei Jungen. Ich fand das normal." Seine Mutter führte das Zepter in der Familie. "Wenn sie etwas sagte, dann galt das Wort", sagt Narcisse, daran habe sich bis heute nichts geändert. Und: "Meine Familie war immer für mich da."

"Handball konnte ich immer am besten"

"Er war damals so zappelig", sagt die Mutter über ihn nachdem der THW Kiel ein Testspiel in St. Denis absolviert hat. Stolz lehnt sie an der Wand vor der Spielerkabine, eine in sich ruhende Frau. "Schon mit zwölf Jahren wollte der Sportlehrer, dass Daniel nach Frankreich geht, in ein Sportinternat", erinnert sich Marysa Narcisse. Sie lehnte ab. Daniel sollte erst die Schule machen. So wechselte das Riesentalent erst mit 18 Jahren nach Chambery. Der Sport gab ihm die Chance aus Moufia auszubrechen. "Handball konnte ich immer am besten", sagt Narcisse.

Dass er mit seinem Sport heute seine gesamte Familie ernähren kann, betrachtet er als großes Geschenk. Das er allerdings auch als Verpflichtung begreift. Er hat schon mit dem Bürgermeister der Stadt darüber gesprochen auf der ganzen Insel soziale Projekte zu installieren. "Ich will unbedingt allen Jugendlichen, die meinen Weg einschlagen wollen, die aber vielleicht nicht die finanzielle Chance dazu haben, dabei helfen", sagt Narcisse. Es ist seine Art, sich zu bedanken. Bei Vincent Nangil, dem verehrten Trainer. Bei seiner Familie. Und beim Handball, der ihm das Tor öffnete in die Welt des Profisports.

Lesen Sie den gesamten Text im aktuellen Handball-Magazin.



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