Wiese als Wrestler Ich habe mit ihm gerungen

Als Werder-Fan hatte es Lukas Rilke nicht immer leicht mit Tim Wiese. Die Leistung des Torhüters stimmte, der Rest störte. Jetzt ist Wiese als Wrestler aufgetreten. Gratulation!


Offiziell ist heute Welt-Toleranztag, die größte Veranstaltung dazu fand aber schon gestern statt, in Frankfurt. Tim Wiese zeigte bei einer Wrestling-Show, dass er es Ernst meint mit der neuen Karriere im Ring. Ich bin Werder-Fan, für mich war sieben Jahre lang jeden Tag Toleranztag. Vom 1. Juli 2005 bis zum 1. Juli 2012 spielte Wiese für Werder. Es war nicht immer leicht.

Meine Helden waren Rune Bratseth und Wynton Rufer, Johan Micoud, Per Mertesacker und Mesut Özil. Wiese war nicht mein Held, aber er war ein guter Torhüter. Er war nunmal einer von uns. Manche Spiele hat er fast alleine gewonnen, nur eins, gegen Juventus, hat er fast alleine verloren. Eins von 194 Spielen, was für eine Quote.

Weil Wiese gut war, ließen sich auch seine Sprüche, sein Gehabe auf dem Platz, sein Stil ertragen. Manchmal dachte ich: wie peinlich. Aber Wiese war der eine lustige Proll bei einem eher unprolligen Verein. Auch eine gute Quote.

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Ex-Torhüter beim Wrestling: Hier blickt Tim Wiese in die Zukunft
Mit dem tollen Offensivfußball und den sympathischen Spielern bot Werder relativ wenig Angriffsfläche. Bremen war damals der Klub, auf den sich fast alle einigen konnten. Einzig Wiese stach heraus. Als er in Pink spielte, sangen die gegnerischen Fans "Wiese ist die geilste Frau der Welt". Schön war es nicht, das Trikot. Schön war sie nicht, die Häme. Aber über dummen Gesängen steht man drüber, Wiese tat mit seiner Art ja auch niemandem wirklich weh.

Mann, Tim, halt doch einfach erst die Bälle und dann die Klappe

Das änderte sich im Mai 2008 mit seinem Tritt gegen Hamburgs Ivica Olic. Der Kroate blieb relativ unversehrt, im Nachhinein wirkt Wieses Aktion wie eine vorweggenommene Bewerbung für seinen neuen Job als Wrestler. Der Kung-Fu-Sprung auf Kopfhöhe wäre aber wahrscheinlich gar kein guter Finishing Move beim Catchen - zu gefährlich.

Diesen Tritt ausgenommen habe ich Wiese immer in Schutz genommen, wenn sich mal wieder ein Kumpel über ihn lustig gemacht hat. Und das war immer öfter der Fall, Wiese hechtete irgendwann von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen. Als er dann 2012 angeblich schon fast bei Real Madrid unterschrieben hatte und letztlich in Hoffenheim landete, dachte ich nur: Mann, Tim, halt doch einfach erst die Bälle und dann die Klappe.

In Sinsheim ging es für Wiese dann nur noch bergab, mit der legendären "Trainingsgruppe II" war die Talsohle erreicht. Suspendierung, Trainingsverbot, Zoff beim Karneval in Mainz. Wiese reagierte sich an den Hanteln im Hoffenheimer Kraftraum ab. Von einst 86 Kilogramm hat er sich auf 120 Kilogramm aufgepumpt. Zum Vergleich: Schwergewichtsweltmeister Wladimir Klitschko ist mit 1,98 Metern fünf Zentimeter größer und wiegt 110 Kilogramm.

Als ich die ersten Fotos von Muskel-Wiese sah, war ich erschrocken. Und das nicht, weil Bodybuilder schlimm sind. Sondern weil sich Wiese, der immer von seinen Comeback-Plänen geredet hatte, mit seinem neuen Körper von seinem alten Leben als Fußballer endgültig verabschiedet hatte.

Als ich die Videos von Samstagnacht sah, wie Wiese in den Ring kletterte, dachte ich nicht: wie peinlich. Ich habe mich für ihn gefreut, dass er einen Platz gefunden hat, wo er alles andere als fehl am Platz wirkt.

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insgesamt 21 Beiträge
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knochenhaus 16.11.2014
1. Wiese KEIN Wrestler
Ich kann es bald nicht mehr hören, bzw. lesen. Herr Wiese ist kein Wrestler, nur weil er mal kurz im Ring herumhüpfen durfte. In den USA ist es normal, das Promis aus Sport, TV oder Hollywood in den Sendungen auftauchen. Auch Hugh Jackman war schon dort, genauso wie Jerry Springer. Und ich denke, diese beiden würde auch keiner "Wrestler" nennen!
jupiter_jones 16.11.2014
2. wiese bashing
Wir leben in einem Land, in dem man machen kann was man will. Wiese lebt diese Freiheit. Ausserdem ist es selten, dass sich ein Profisportler in einer gänzlich anderen Disziplin etablieren kann. Ich finds cool, dass Wiese macht, was er will. p.s. beim Wrestling gehört nun mal die Show dazu. Also Leutz, haltet mal die Füsse still und nehmt das ganze Gehabe der Leute in diesem Sport nicht immer 100 Prozent genau! (darüber zu lästern, fänd ich sogar ein wenig spiessig)
Greed 16.11.2014
3.
Abwarten wie sich das ganze entwickelt. Technisch wird er, wenn es überhaupt zu einem festen Engagement reicht, natürlich keinen vom Hocker hauen. Trotzdem hat er bereits viel für Wrestling in Deutschland geleistet, alleine durch die Berichterstattung über ihn. Von Spiegel bis Bild, Berichte über die WWE sind doch eher selten, über die Verbindung WWE/Wiese gab es ungleich mehr Presse. Die WWE täte gut daran dieses Interesse weiter zu nutzen (danach sieht es derzeit ja auch aus). Die TV Shows Smackdown oder Raw "verstecken" sich nicht mehr im PayTV, sondern bringen ordentlich Quoten, das Umfeld könnte nicht besser sein.
sportfanatik 16.11.2014
4. mhh
ich denke aber nicht, dass eben von ihnen genannte Promis ein Angebot von der WWE vorliegen haben..
zauselfritz 16.11.2014
5. Ist doch beneidenswert!
Wenn jemand, gegen alle dummen Sprüche und (grundlose) Anfeindungen, das tut was er tun möchte und der ist der er sein will. Wenn er diese Wrestling Nummer wirklich durchzieht, dann kann man das durchaus respektieren, egal wie man zu der Show steht. Das wird schwer genug für ihn sein auf die ganz grosse Bühne zu kommen. Allerdings sollte er sich dann einen anderen Haarschnitt zulegen, passt besser zu seinen monumentalen Schultern und er wird dann auch nicht so schnell auf die schmierige Badguy Nummer abonniert. :P
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