Von Frederik Schäfer
Sechs Jugendliche, acht Stangen, ein Ball. "Çüs, ich werd der Kicker-König, Digga", ruft der zwölfjährige Mehmet seinen Kumpels am Kickertisch zu. "Halt's Maul, Alter. Du kannst gar nichts", bekommt er als Antwort. Der Umgangston ist genauso rau wie die Umgebung: die Lenzsiedlung im Hamburger Stadtteil Lokstedt. Hier erhebt sich eine der letzten Hochhaussiedlungen der Stadt. 3000 Menschen aus über 60 Nationen wohnen in den 13-stöckigen Gebäuden. Jeder dritte Bewohner bezieht Sozialleistungen, die Kriminalitätsrate ist hoch.
Im Jugendhaus, der Anlaufstelle für die zwölf- bis 16-Jährigen, wird gekickert, jeden Tag, die ganze Zeit, und einmal im Monat spielen die Jugendlichen ein Turnier aus. So wie heute.
Jan Dreyling-Eschweiler ist völlig relaxed. Der 29-Jährige ist Vizepräsident und Jugendwart des Deutschen Tischfußball-Bundes (DTFB). Jede Woche kommt er hier ins Jugendhaus, um mit den Kids zu kickern. Er trägt ausgewaschene Jeans, ein lockeres T-Shirt und Ziegenbart. Mit seiner ruhigen Art hat er Schwierigkeiten, die Regeln für das Tischfußball-Turnier zu verkünden. Die Kinder rennen durcheinander, schreien, bewerfen sich mit den Kicker-Bällen. Nicht schlimm, sagt er: "Ich muss hier nicht andauernd Input geben. Die Kinder sollen sich gehen lassen können."
"Kickern ist Hochgeschwindigkeitsschach"
Doch als das Turnier beginnt, verändert sich die Atmosphäre. Die jungen Spieler konzentrieren sich, schließlich gibt es einen Pokal zu gewinnen. Außerdem werden Pöbeleien beim Spiel mit einer Gelben Karte bestraft. Auf die Gelbe könnte, wie im Fußball, die Rote Karte folgen, was zu einem Turnierausschluss führen würde. Das will niemand riskieren. "Mein Ziel ist, dass sich die Jugendlichen gegenseitig mitziehen", sagt Dreyling-Eschweiler. Deshalb achtet er penibel darauf, dass sich die Gegner vor und nach der Partie die Hand geben und sich im Rahmen des Spiels respektvoll behandeln.
Tagsüber schreibt er an seiner Doktorarbeit in Physik, die Abende gehören dem Tischfußball. Er spielt in einer Ligamannschaft, kickert mit den Kids und will nun für den DTFB eine deutschlandweite Jugendarbeit aufbauen. Zur Zeit sind lediglich 169 Jugendspieler beim DTFB für offizielle Turniere gemeldet. Das soll sich ändern. Dafür will er das Spiel von seinem Kneipenruf trennen - und das, obwohl er seine Freundin an einem Kickertisch in einer Bar kennengelernt hat.
Vor allem geht es ihm aber um die Schulung sozialer Kompetenzen, motorischer Fähigkeiten und die Entdeckung und Heranführung junger Talente an den Sport. Bald sollen diese dann bei Turnieren wie der Deutschen Meisterschaft, die am kommenden Wochenende im Sauerland stattfindet, antreten.
Egal ob im Kampf um den Meistertitel oder im Jugendheim, Tischfußball fasziniert ihn jeden Tag aufs Neue. "Kickern ist Hochgeschwindigkeitsschach", sagt er in Anlehnung an ein Zitat der Tischfußball-Legende Jim Stevens.
Ausgestattet mit Handschuhen und Möbelpolitur
Eine ganz andere Atmosphäre herrscht einige Kilometer weiter südlich, in einer schummrigen Bar auf dem Kiez in Hamburg-St. Pauli. Es riecht nach Bier und Schweiß, Rauchschwaden liegen in der Luft, es tropft von der Decke. Etwa zehn Personen haben sich um einen kleinen Kickertisch versammelt, einer rülpst, einige grölen. Die beiden Herausforderer spielen mit vollem Körpereinsatz, geben alles und haben letztendlich keine Chance. Ihre Gegner, die "Champs", wie sie sich selber nennen, sind nach eigener Aussage beim Kickern auf dem Kiez nicht zu schlagen.
Ein gesundes Selbstbewusstsein, angesichts der hohen Zahl an Konkurrenten: Jeden Abend bevölkern tausende Kickerfreunde die Kneipen des Landes. In verqualmten Bars geboren, wird Tischfußball aber mittlerweile sogar als Leistungssport betrieben.
Die "Champs" sehen sich ebenfalls als Leistungssportler. Ihnen kommen dabei die ungeschriebenen Kneipen-Kicker-Gesetze zu Gute: Jedes Duo, das spielen will, hat das Recht zu fordern. Die Gewinner bleiben am Tisch, die Verlierer werden ausgetauscht. Die "Champs" stehen bereits seit Stunden hier, ausgestattet mit Handschuhen und Möbelpolitur, um die Stangen besser gleiten zu lassen. Die Partygäste, die des Spaßes wegen auch mal eine Runde spielen wollen, verlieren in kürzester Zeit 0:6. "So macht das doch keinen Bock", sagt einer der Geschlagenen.
Auch in der Bar nebenan konzentriert sich die Menge um die Kickertische. Der Leistungsaspekt scheint hier jedoch nicht so im Vordergrund zu stehen: Zwei Männer, beide mit langen schwarzen Haaren und riesigen Bäuchen, halten sich lediglich an den Stangen fest, um dem Alkohol-Schwindel entgegenzuwirken. Sie spielen gegen zwei Punks, die auf Nachfrage Kickern als "Spiel des Proletariats" bezeichnen.
Im Jugendhaus ging es an diesem Abend nicht um eine politische Aussage, sondern um Spaß - und den Turniersieg. Der 14-jährige Soheil war letztlich nicht zu schlagen. Seine Schusstechnik war der seiner Konkurrenten deutlich überlegen. Außerdem blieb er, auch wenn es mal eng wurde, nervenstark. "Den Pokal zeig ich erstmal meiner Mutter", sagt der Deutsch-Afghane stolz. Soheil geht es jedoch nicht nur um den Erfolg. "Kickern ist cool. Wir sind dabei wie Brüder", sagt er.
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