Tischtennis-Gastarbeiter Legionäre in der Bezirksliga

Sie spielen grandios Tischtennis. Aber dennoch können sie davon nicht leben. Deshalb reisen ungarische und tschechische Schmetterkünstler hunderte Kilometer gen Deutschland. Hier verdienen sie ein paar Euro. Viele Provinzvereine profitieren von ihren Billig-Legionären.

Von Klaus Teichmann


An den Unfall denkt Günther Pock mit Schaudern zurück. "Am Sonntag habe ich unseren ungarischen Spitzenspieler nach dem Spiel zu einem Treffpunkt gefahren, an dem sich alle Spieler gesammelt haben", erinnert sich der ehemalige Trainer des württembergischen Clubs TG Donzdorf, "dann habe ich länger nichts von ihm gehört. Da wusste ich schon, dass was nicht okay ist." Später kam die Bestätigung: "Kurz vor Budapest ist der Wagen verunglückt, ein Toter, ein Schwerverletzter, einer kam unverletzt davon, unser Mann war am Steuer und lag mit einem Schock im Krankenhaus." Allesamt ungarische Tischtennisspieler, die am Wochenende für ihre Clubs in der Region Stuttgart an der Platte standen. Nicht unüblich.

Tischtennisspieler: Bis zur totalen Erschöpfung
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Tischtennisspieler: Bis zur totalen Erschöpfung

Heutzutage hat fast jeder Verein seinen Tschechen oder Ungarn. Manche Clubs haben sogar mehrere. Jenseits der Kreisklasse fängt es schon an, man lässt zu jedem Punktspiel "einen starken Ausländer einfliegen", wie es heißt. "Wir waren damals in der Bezirksliga", erzählt Pock. In der achthöchsten Pingpong-Klasse ging es los: "Wir mussten aufsteigen, um unseren eigenen Nachwuchs halten zu können. Wir hatten gute Jugendspieler und für die lagen schon Angebote von anderen Vereinen auf dem Tisch. Da haben wir einen starken Tschechen geholt, der dort schon in der ersten Liga gespielt hatte. Ohne eine starke Nummer eins kommt man nicht hoch. Wir sind prompt aufgestiegen, das ging bis zur Oberliga."

In Donzdorf betont man, sich stets um seine Stars gekümmert zu haben. Vereinsmitglieder fungierten als Gastfamilien - Kost und Logis frei. Noch heute besucht man sich gegenseitig, obwohl der Unglücksfahrer von einst nun wieder in Ungarn lebt und spielt. In anderen Clubs geht es weniger heimelig zu. Die Bosse bieten ihren Punktegaranten oft nicht einmal eine Übernachtungsgelegenheit an. Andere Spieler lehnen das Angebot ab, wollen ihre Mitfahrgelegenheit in den Osten nicht verpassen oder sind einfach zu geizig, ihr gerade eingespieltes Salär hier auszugeben. Völlig übermüdet geht es dann gleich vom Tisch wieder auf die Autobahn, stundenlang, quer durch Europa.

Hunderte Kilometer Fahrt für ein paar Euro

Der Ost-West-Tourismus ist zu einem Großteil mit den unterschiedlichen Lebensverhältnissen zu erklären. "In Tschechien hat unsere Nummer eins als Hilfsarbeiter in der Fabrik für 400 Euro im Monat gearbeitet", nennt ein Landesliga-Spielertrainer Zahlen: "Bei uns hat er knapp 3000 Euro in der Saison verdient - 100 Euro Fahrtgeld, 40 Euro für ein gewonnenes Einzel und zehn Euro für ein gewonnenes Doppel." Rund 800 Kilometer Fahrt nahm der 22-Jährige auf sich – für die einfache Tour. Eine weitere Einnahmequelle war da, vier Kollegen im Pkw für rund 40 Euro ein- und in der Region bei ihren Zielvereinen abzuladen. Ein anderer Tischtennis-Insider gibt einen Überblick über den aktuellen Preisspiegel: "In der Bezirksliga wird für einen guten Tschechen 5000 Euro pro Saison gezahlt, in der Landes- und Verbandsliga circa 8000 und in der Oberliga rund 12.000 Euro."

Die meisten Schnibbelkünstler spielen ohne Vertrag. Am Finanzamt geht es ohnehin oft vorbei. Aus dem süddeutschen Raum ist bekannt, dass ein Clubfunktionär systematisch alle Konkurrenten aus der Region mit Ost-Assen beim Finanzamt anzeigte. Ein anderer Clubchef, dessen Verein seit Jahrzehnten eine vorbildliche Jugendarbeit leistet, echauffierte sich ebenfalls beim Finanzamt über die illegalen Praktiken der Konkurrenz: "Wir steigen nicht auf, weil die schwarz ihre vier Tschechen anheuern. Ich solle wiederkommen, wenn ich ein Foto von der Geldübergabe hätte, war die Antwort." Offiziell dürfen die Spieler ohne Arbeitserlaubnis nur als Tourist einreisen und spielen.

Verband scheut das "heikle Thema"

Beim Verband reagiert man mit wenig Begeisterung auf das "heikle Thema". Der Deutsche Tischtennis-Bund verweist auf ein Formformular, indem er sich schriftlich von seinen Mitgliedsvereinen bestätigen lässt, dass der "Spieler als Tourist nach Deutschland einreisen wird und sich demgemäß aufenthalts-erlaubnisfrei aufhält" und "weder ein Entgelt noch entgeltgleiche Leistungen oder vermögenswerte Vorteile (wie Kost, Miete, Sachmittel etc.) erhält". Äußern will man sich in der Verbandszentrale dazu aber lieber nicht.

Der Donzdorfer Pock hebt etwa die TSG Eislingen in der Verbandsklasse hervor, die auf Ost-Legionäre verzichten würde. Der Regionalligist DJK Sportbund Stuttgart will seinen vielen Eigengewächsen mit einem starken Chinesen die Möglichkeit geben, in einer hohen Liga ihre Leistungsstärke auszuschöpfen. Der Star ist jedoch integriert. Der DJK-Vorsitzende Stefan Molsner erklärt das Konzept, das ohne riskante Reisetätigkeit funktioniert: "Wir haben mit unserem Schulkonzept ein Modell entwickelt, mit dem wir Mu Hao eine vernünftige Lebensgrundlage hier bieten. Er ist beim Verein fest angestellt und betreut unsere Tischtennis-Schul-AGs, mit der Kombination aus Schul- und Trainingsarbeit verdient er sein Geld - dafür spielt er für uns."



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