Tod des Marathonläufer Wanjiru "Bis es Bumm gemacht hat"

Er liebte den Alkohol, Frauen und Autos: Marathonläufer Samuel Wanjiru war ein Ausnahmetalent im Ausnahmezustand. Im Alter von 24 Jahren starb der Olympiasieger unter mysteriösen Umständen. Jetzt spricht sein Trainer über den Kenianer, der mit dem Erfolg nicht zurecht kam.

Marathonläufer Wanjiru (im Jahr 2009): "Physisch und mental war er stark"
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Marathonläufer Wanjiru (im Jahr 2009): "Physisch und mental war er stark"


Claudio Berardelli wusste, dass es für seinen Schützling nicht rund lief. Dass er auf der Flucht war. Vor der Justiz, vor seiner Frau, den Erwartungen und wohl auch vor sich selbst. Berardelli sitzt im Wohnzimmer seines Hauses in Eldoret, dem Trainingszentrum der kenianischen Läufer im Nordwesten des Landes. Seit 2004 trainiert der 31-jährige Italiener einen Großteil der kenianischen Spitzenathleten. Fast genau so lang beobachtet er sie im Kampf gegen die Konsequenzen des Erfolgs.

Dabei sind seine Schützlinge nicht ganz so erfolgreich wie in ihrer Sportart. Berardelli sagt: "Sammy versuchte davonzurennen - bis es Bumm gemacht hat." Gemeint ist Samuel Kamau Wanjiru, 24, Marathon-Olympiasieger von 2008 und eine Ikone, selbst im Läuferland Kenia. Er war der erste, der eine olympische Marathon-Goldmedaille nach Hause brachte.

Es war gegen 23 Uhr an jenem 15. Mai, als er zu Hause in Nyahururu ankam. Berardelli hatte ihm einen Tag frei gegeben. Eine Stunde später lag Wanjiru tot auf dem Vorplatz seines Hauses. Wie genau er starb, ist bis heute unklar.

Klar ist nur, dass er in weiblicher Begleitung war, als seine Ehefrau nach Hause kam, die beiden im Schlafzimmer entdeckte, sie einschloss und das Haus wieder verließ. Wanjiru soll von einem Balkon rund vier Meter in die Tiefe gestürzt sein - und war kurz darauf tot. Klar ist auch, dass auf dem Asphalt ein Mann aufschlug, der zwar ein Ausnahmetalent war, aber letztlich nicht mehr klar kam mit den Erwartungen einer Umgebung, die hinter der Erfolgsmaschine Wanjiru den Menschen Sammy vergessen hatte.

"Nicht der einzige Läufer, der den Alkohol mag"

Es gibt in Kenia und Äthiopien viele wie Sammy. Eben waren sie noch Barfußläufer vom Land, über Nacht werden sie Weltstars mit eigenem Manager und Business-Class-Ticket. Sie räumen Medaillen und Prämien ab, doch tief im Innern werden der Glanz der Stadien, die Fernsehauftritte und das viele Geld zu einer Last, die sie kaum noch schultern können. Sie kaufen sich schnelle Autos, sie fangen an zu trinken, sie stürzen ab - im schlimmsten Fall wie Wanjiru von einem Balkon. "Sammy war nicht der einzige Läufer, der den Alkohol mag", sagt Trainer Berardelli. "Er war nicht abhängig, aber ein Stress-Trinker."

Wanjirus Talent war schon früh erkennbar: Mit 15 war er nach Japan gegangen, hatte eine Ausbildung bei Toyota erhalten, vor allem aber hatte er trainiert. Dreimal verbesserte er im Alter von 18 bis 22 Jahren den Halbmarathon-Weltrekord, in London lief er 2009 über die volle Marathon-Distanz die Super-Zeit von 2:05,10 Stunden. "Er hätte irgendwann 2:03 laufen können", sagt Berardelli. "Physisch und mental war er sehr stark. Und irgendwann wäre noch die Erfahrung dazu gekommen." 2:03 - das wäre Weltrekord.

Schon vor seinem Olympiasieg hatte Wanjiru annähernd eine Million Dollar an Preisgeldern erlaufen, danach sprudelten die Sieg- und Antrittsgelder erst richtig. Startprämien von 175.000 Dollar waren üblich. Beim Streckenrekord in London 2009 ging er sogar mit etwa 300.000 Dollar nach Hause, die World-Serie der Marathon-Läufer brachte ihm zweimal je 500.000 Dollar ein.

Zwei Kinder, 2008 und 2009 geboren, komplettierten das scheinbare Glück. Doch hinter der glamourösen Fassade warteten die Probleme. Ehefrau und Mutter zerrten an ihm, es gab Auseinandersetzungen, ein Autounfall kam hinzu. Ende des vergangenen Jahres soll er mit einer Kalaschnikow auf seine Frau und eine Hausangestellte losgegangen sein. Seine Frau zog zwar ihre Anzeige zurück, doch auf Wanjiru wartete ein Gerichtsverfahren wegen unerlaubten Waffenbesitzes.

Mutter bleibt der Beisetzung ihres Sohns fern

Streitigkeiten verbal zu lösen hatte er nie gelernt. Probleme besprach er nicht, er schwieg sie aus. "Wenn er in Not war, teilte er wenig mit", sagt Berardelli. Für Wanjiru wurde der Erfolg immer mehr zum Problem. "Wie sollen 22-Jährige, die drei oder vier Jahre Schulbildung haben, mit Siegprämien von 250.000 Dollar klarkommen?" fragt Berardelli. Es koste viel Kraft, die jungen Stars vom Kauf teurer Autos und anderem Luxus abzuhalten. Wenn sie in jungen Jahren zu ihm stoßen, kann er noch eingreifen. Bei Olympiasieger Wanjiru, der sich ihm erst 2010 anvertraute, war das kaum noch möglich.

Sie versuchten es trotzdem. Denn Sammys Stress war auch Manager Frederico Rosa, ebenfalls Italiener, nicht entgangen. Rosa flog nach Kenia, es gab lange Gespräche und eine Übereinkunft: Um Abstand zu gewinnen von Frau, Mutter, all den anderen Widrigkeiten, und um ihn wieder in Form zu bringen, sollte Sammy nach seinem Gerichtsverfahren für mehrere Wochen in die USA gehen.

Dazu kam es nicht mehr. Stattdessen fiel er vom Balkon - und die Jagd auf den Wunderläufer, die ihn schon zu Lebzeiten zermürbt hatte, begann erst richtig. Seine Mutter, die sofort einen Mord vermutete, startete einen erbitterten Streit mit der Ehefrau. Sie forderte eine Obduktion, sie ließ die Beisetzung per Gericht verschieben und blieb ihr schließlich sogar fern.

Eine Frau, die sich selbst als Zweitfrau bezeichnete und im sechsten Monat schwanger war, ließ eine DNA-Probe entnehmen, um eine Vaterschaft Wanjirus nachzuweisen. Und dann gab es noch eine Renn-Kollegin, eine junge Mutter, die offenbar ebenfalls eine Beziehung mit ihm hatte. Zwar hat seine Mutter ihn nachweislich allein aufgezogen, aber plötzlich standen auch drei Männer bereit, die die Vaterschaft für sich reklamierten.

Bis heute ist unklar, was wirklich in der Nacht des 15. Mai passierte. Zwar gibt es drei Zeugen, die Ehefrau, die Schönheit im Schlafzimmer und den Wächter, der erst den Läufer und später seine Frau aufs Grundstück gelassen hatte. Es gibt Überwachungskameras, doch die waren angeblich nicht in Betrieb.

Und es gibt das Obduktionsergebnis, wonach Wanjiru bei seinem Sturz auf den Beinen gelandet sei und sich dann noch mit den Armen abgestützt haben, die tödlichen Verletzungen aber am Hinterkopf erlitten habe. "Woher kommt die Verletzung am Hinterkopf?", fragte öffentlich der Chef-Pathologe der Regierung in Nairobi.

Ein offizielles Ermittlungsergebnis gibt es nicht. Vielleicht - und das wäre die kenianische Form der Aufarbeitung - soll es das auch gar nicht mehr geben. Freund und Läuferkollege Daniel Gatheru, der auch am letzten Abend bis kurz vor seinem Tod mit ihm zusammen war, sagt: "Alle waren sie hinter ihm her. Wenigstens hat er jetzt endlich Ruhe."



insgesamt 13 Beiträge
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senf-mit-sauce 14.07.2011
1.
[...] wonach Wanjiru bei seinem Sturz auf den Beinen gelandet sei und sich dann noch mit den Armen abgestützt haben [...] Was ist denn das für eine Grammatik? Dies zieht sich durch den ganzen Artikel.
spügel 14.07.2011
2. Gramatik II
Zitat von senf-mit-sauce[...] wonach Wanjiru bei seinem Sturz auf den Beinen gelandet sei und sich dann noch mit den Armen abgestützt haben [...] Was ist denn das für eine Grammatik? Dies zieht sich durch den ganzen Artikel.
(...) Klar ist auch, dass auf dem Asphalt ein Mann aufschlug, der zwar ein Ausnahmetalent war, aber letztlich nicht mehr klar kam mit den Erwartungen einer Umgebung, die hinter der Erfolgsmaschine Wanjiru den Menschen Sammy vergessen hatte. (...) Wahrscheinlich heißt der Autor eigentlich Harald, konnte aber seinen Namen nicht richtig schreiben.
helmutderschmidt 14.07.2011
3. Doping lässt grüßen
Hier zeigt sich die hässliche Fratze des Dopings... Oder glaubt denn einer, dass diese Wunderläufer ohne Zusatzschub auskommen.
Student5 14.07.2011
4. Klar ist nur eins - und daran sollten wir uns dann auch halten.
---Zitat--- Klar ist nur, dass er in weiblicher Begleitung war, als seine Ehefrau nach Hause kam, die beiden im Schlafzimmer entdeckte, sie einschloss und das Haus wieder verließ. ---Zitatende--- Gut, dann bleiben wir doch bei dem was einzig klar ist: Die Ehefrau hat ihn getötet. Vielleicht nicht vorsätzlich, aber unter Inkaufnahme der Folgen. Sie wird ihn ja wohl soweit gekannt haben, um zu wissen, wie er reagiert. Wäre der Tote eine Frau gewesen und der Einschließende ein Mann, dann wäre dieser doch sicher festgenommen und verurteilt worden. Warum also die ganze mystifizierende Schwurbelei um die möglichen Hintergründe?
mickir 14.07.2011
5. total verfeht
Zitat von helmutderschmidtHier zeigt sich die hässliche Fratze des Dopings... Oder glaubt denn einer, dass diese Wunderläufer ohne Zusatzschub auskommen.
Was soll denn dieser Doping Blödsinn? Was hat der ganze Artikel denn mit Doping zu tun. Heißt das jetzt jeder schnelle Marathonläufer dopt? Ist ja komisch daß dann Nichtafrikaner häufig langsamer sind oder kennen die nur die richtigen Mittelchen nicht?
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