Tod eines Idols Abschied von Ali

Ich bin Muhammad Ali nie begegnet. Seine Kämpfe kenne ich nur aus dem Internet und von DVDs. Und trotzdem werde ich ihn nicht vergessen.

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Der Mann, der mich zu boxen lehrte, war kein guter Mensch. Igor war verschlagen, niederträchtig und ein erbarmungsloser Schinder. In der Roten Armee hatte er ein paar Titel geholt und in einem Hinterhof-Gym demütigte er später gegen Bargeld einige Idioten, die keine Fußbälle mehr sehen konnten und kämpfen wollten, statt zu spielen. Igors Gott war Mike Tyson. Muhammad Ali hielt er für einen Schwächling.

Ich weiß nicht, wie oft Igor uns diesen linken Aufwärtshaken schlagen ließ, bei dem man in dem Moment, in dem der Gegner eine rechte Gerade abfeuert, nach rechts um die eigene Achse schwenkt und von unten auf die Kinnspitze des Gegners zielt. Es ist ein mieser Schlag, schwierig zu timen, aber absolut vernichtend, wenn man ihn anbringen kann. Tyson schlug ihn in Perfektion, von Ali habe ich ihn nie gesehen. Vielleicht - so habe ich mir jedenfalls immer eingeredet, wenn ich bei der Ausführung der Bewegung wieder versagt hatte - war Ali diese Technik einfach zu hinterhältig.

Jeder, der ein wenig vom Boxen versteht, schuldet Mike Tyson Respekt. Kaum einer im Schwergewicht hat jemals so kompromisslos Aggressivität mit Körperbeherrschung und Schnelligkeit vereint. Seine Physis war beeindruckend, er war ein Killer im Ring, eine Maschine auf tödlicher Mission. Doch Tyson wirkte seelenlos und hohl, menschlich schien der Muskelberg ein Leichtgewicht zu sein. Er wurde wegen Vergewaltigung verurteilt.

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Muhammad Ali: Großmaul, Kämpfer, Champion

Ali war anders, nicht nur weil er Charisma hatte und die Cleverness, Spektakel im und außerhalb des Gevierts zu veranstalten. Für Romantiker wie mich, die den Faustkampf für ein ritterliches Duell halten, trat bei Ali neben die natürliche Zerstörungswut des Boxers, neben das Destruktive, der Edelmut des Anständigen, die Größe eines Mannes, der in seinem Leben Gutes tun wollte, selbst wenn es sein Job war, Leute zu vermöbeln.

Es war Alis unbedingter Willen, Spuren zu hinterlassen, der mich beeindruckte. Ali wollte nicht nur reich und berühmt werden, er wollte die Welt verändern: Er, der Profisportler, leistete sich unbequeme Überzeugungen, er war zutiefst politisch und trug die Konsequenzen seiner Ansichten - aufrecht. Ali opferte Weltmeistertitel und Box-Lizenz dem Widerstand gegen einen Krieg, den er als ungerecht empfand und in dem er nicht kämpfen wollte. Er schenkte Reichtum und Ruhm her für seine Haltung ("Man, I ain't got no quarrel with them Viet Cong. No Viet Cong ever called me nigger.") Und seien wir ehrlich: Wer von uns hätte das an seiner Stelle getan?

Anstatt anschließend in Selbstmitleid zu versinken oder wie so viele seiner Zunft zur öffentlichen Witzfigur zu werden, quälte sich Ali zurück an die Spitze. Und dieser Weg muss eine solche Qual gewesen sein, dass man als Amateur deren entbehrungsreiches Ausmaß noch nicht einmal erahnen kann. Die Bilder seines triumphalen Kampfes gegen George Foreman, die Aufnahmen von Alis Wiederauferstehung, hängen heute über meinem Schreibtisch.

"Du, ich, keiner schlägt so hart zu wie das Leben", heißt es im Boxer-Drama "Rocky". "Aber es geht nicht darum, wie hart du schlagen kannst. Es geht darum, wie hart du dich schlagen lassen kannst und trotzdem weiter vorrückst. Wie viel du einstecken kannst und immer noch vorrückst. Nur so siegt man." Für niemanden gilt das mehr als für Muhammad Ali.

An diesem Samstagmittag, nach einer schweißtreibenden Stunde, bittet der Trainer um Ruhe. Es ist nicht mehr Igor, sondern der Ex-Profi Rüdiger May. Wir legen die Handschuhe zur Seite, wickeln uns die Bandagen von den Fäusten und starren ihn an. May sagt, in dieser Nacht sei der Größte gestorben, der einzig wahre Champion, die Legende: Muhammad Ali. "Er wird der Welt fehlen", erklärt May. Später schreibt er auf seiner Internetseite, dass Ali den Schwachen der Erde Mut gemacht habe, weil er sich öffentlich zu seiner Angst bekannt habe. Es ist ein guter, wahrer Gedanke, der Igor niemals gekommen wäre.

Mike Tyson mag der bessere Boxer gewesen sein.

Muhammad Ali war der bessere Mensch.

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Muhammad Ali: Schmetterling, Biene, Dschungelkämpfer


insgesamt 9 Beiträge
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Wahrheit_oder_Pflicht 05.06.2016
1. Einer der schönsten Nachrufe...
.... die ich in den letzten Stunden gelesen habe. Danke für diese Worte und diese Beschreibung eines wahrlich außergewöhnlichen Menschen!
Leser1000 05.06.2016
2. R.i.p.
Lesenswerter Artikel. Alis Person in Gesamtheit habe ich erst viele Jahre später einigermaßen verstanden. Aber er hatte es immerhin geschafft meinen Vater und mich des Nachts aus dem Bett zu holen: Dabei hatten wir mit Boxen eigentlich genauso soviel oder wenig am Hut wie z.B. mit Rudern. Insbesondere die Fight´s gegen Frazier hatten es uns angetan und ich muss auch heute noch sagen - sie waren aufregend. Wir waren für Frazier und nicht für das "Großmaul", auch wenn klar war, dass das ein Teil der Inszenierung ist, aber uns war´s dann doch "zu großmäulig". Später - die Lobeshymnen auf Ali verstummten ja nicht, stellte ich dann fest, dass hinter Ali doch mehr steckt als ein schauspielerisch talentierter großmäuliger Boxer. Wenn die "Bild" heute titelt " Danke Großer" - dann passt das schon.
Urschweizer 05.06.2016
3. The Greatest vs. Smokey Joe
Niemals werde ich die dramatischen Fights zwischen diesen beiden Ausnahmekönnern vergessen! Obwohl Fussballer mit Leib und Seele, waren das Momente vergleichbar mit einem Fussball-WM-Finale für mich! Wenn die ganze Familie mitten in der Nacht vor dem Fernseher sass und mitfieberte und mitlitt, war die Welt für mich so was von in Ordnung!! Danke Ali! Du hast mir viel gegeben - auch ausserhalb des Boxringes! Ich verneige mich vor Dir! R.I.P.
dissidenten 05.06.2016
4.
Ein schöner Artikel, leider finde ich nur die mit dem Kommentar einhergehende Abwertung Tysons sehr ungerecht. Tyson ist ein hochsensibler Mensch und hat im Alter sehr viel dazugelernt, wenn man seine Interviews der letzten Jahre hört. Auch er musste sich von ganz unten hoch kämpfen: Erst aus dem Jugendgefängis, dann nochmal nach seiner Haftstrafe. (An seiner Schuld bestehen ebenfalls berechtigte Zweifel.) Erst neulich habe ich wieder eine recht neue Doku über Tyson und gesehen, in der er auch selbst spricht. Der Moment, als ein erwachsener 'Iron Mike' in Tränen ausbricht, als er über den Tod von Cus D'Amato, seinem Trainer und Mentor spricht, hinterließen einfach Gänsehaut. Ali war ein großer Champ, der größte von allen. Tyson reicht nicht an ihn heran, aber Respekt sollte man ihm dennoch in ausreichendem Maß zollen.
Mann von Welt 05.06.2016
5. Niemand ist perfekt
Mir gefaellt der Nachruf, aber man kann ruhig auch erwaehnen, dass Ali oft ziemlich arrogant gerade gegenueber wortkargeren Kontrahenten wie Frazier auftrat. Das nimmt nichts von seinem politischen Engagement. Aber niemand ist perfekt!
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