Tödlicher Boxkampf "Man hätte früher abbrechen müssen"

Nach dem Tod des Leichtgewichtlers Leavander Johnson rätseln die Experten über die Ursache. Der Boxer sei nicht austrainiert gewesen, wird gemutmaßt. Deutsche Sportärzte sind der Ansicht, dass der Ringrichter den Kampf zu spät abgebrochen hat.

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 Chavez gegen Johnson: Einer von 409 Wirkungstreffern
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Chavez gegen Johnson: Einer von 409 Wirkungstreffern

Hamburg - "Die hohe Wirkungstrefferdifferenz deutet auf ein starkes Ungleichgewicht zwischen den beiden Kämpfern hin", sagte Ringarzt Armin Friedmann SPIEGEL ONLINE. Johnson hatte in dem Kampf um den IBF-Titel am vergangenen Samstag In Las Vegas gegen den Mexikaner Jesus Chavez 409 Wirkungstreffer einstecken müssen, sein Gegner lediglich 148.

"Eine immens hohe Anzahl für diese Gewichtsklasse, da hätte man früher abbrechen müssen", sagte Friedmann. In Deutschland wäre nach so vielen Wirkungstreffern lange das Handtuch aus der Ringecke zur Aufgabe geflogen, ist sich der Mediziner sicher. "Es wundert mich aber auch sehr, dass der Ringrichter den Kampf nicht abgebrochen hat", so der 51-Jährige.

Über das zögerliche Verhalten des Unparteiischen Tony Weeks, der das Duell erst nach einem wahren Trommelfeuer auf den Kopf von Johnsen in der elften Runde beendete und auf Technischen K.o. zu Chavez' Gunsten entschied, ist auch der Hamburger Professor Klaus-Michael Braumann verwundert: "So viele Treffer zu kassieren, ohne dass der Ringrichter den Kampf beendet, ist äußerst ungewöhnlich", sagte der Leiter des Fachbereichs Sportmedizin an der Universität Hamburg SPIEGEL ONLINE.

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Kampf mit Todesfolge: Johnsons letzter Fight

Johnson hatte nach dem Kampf in der Kabine das Bewusstsein verloren und war ins Krankenhaus gebracht worden. Dort war er mit schweren Kopfverletzungen ins künstliche Koma versetzt worden. Der 35-Jährige war gestern an den Folgen dieser Verletzungen gestorben.

Die Nieren des 35-Jährigen hatten versagt, das Herz arbeitete nicht mehr eigenständig. Deshalb entschieden sich die Familienangehörigen, die lebenserhaltenden Geräte abschalten zu lassen. "Wir hatten keine Möglichkeiten mehr, seinen Zustand zu verbessern", sagte der behandelnde Arzt William Smith. "Er ist friedlich gestorben", betonte der Mediziner. Johnson hinterlässt seine Ehefrau und vier Kinder.

Hätte der Tod durch einen Kopfschutz verhindert werden können? Bei dieser Frage gehen die Meinungen der Mediziner auseinander: "Ein Boxer ist darauf trainiert, die Schläge mit dem Kopf auszutarieren", sagt Friedmann. Seiner Meinung nach sei das Tragen eines Kopfschutzes keine Garantie, um diese Art von Todesfällen auszuschließen. "Jeder Kopfball eines Fußballers ist gefährlicher für die Gesundheit", ergänzt Friedmann.

Das sieht sein norddeutscher Kollege anders: "Es hat sicher seinen Grund, dass der Kopfschutz bei Amateurboxern Pflicht ist", hält Braumann dagegen. "Der Tod hätte vermutlich verhindert werden können." Warum ausgerechnet Sportler, deren Kapital ihr Körper ist, so wenig Wert auf Schutzmaßnahmen legen, erklärt Braumann so: "Das würde den Eventcharakter der klassischen 'Alles-oder-nichts'-Sportarten wie Eishockey oder Boxen zerstören." Viele Athleten fühlten sich zudem eingeschränkt von Polstern und Schonern, so Braumann.

In einem sind sich beide Mediziner allerdings einig: Eine zu kurze Regenerationszeit zwischen zwei Weltmeisterschaftskämpfen käme als Todesursache nicht in Frage. Johnson hatte erst im Juni seinen Titel gegen den Stefano Zoff geholt. Dabei besiegte er den Italiener in der siebten Runde durch K.o. "Mehr als zwei Monate sind auf jeden Fall ausreichend", so Friedmann. "Eine völlig normale Regenerationszeit für einen Profi-Sportler", findet auch Braumann.



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Lost_Shadow, 23.09.2005
1.
---Zitat von sysop--- ... Sollten Boxern nun ebenfalls ihre Blockadehaltung aufgeben? ---Zitatende--- Dann sollte man den Boxsport eigentlich gleich ganz abschaffen (was ich durchaus befürworten würde), denn: Eine Helmpflicht würde doch fast zwangsläufig auch das Tragen gepanzerter Kleidung nach sich ziehen. Es gibt schließlich Körpertreffer, die durchaus lebenswichtige Organe gefährlichst verletzen können.
Quintus, 23.09.2005
2.
Profiboxen mit Helm? *haha* ;) Im Ernst: Ich würde dem Boxen als (Profi)Sport nicht hinterher heulen, da ich mich generell nicht für professionelle Sport interessiere, aber hier wird in meinen Augen übertrieben. Niemand wird zum (Profi)Boxen gezwungen und das Risiko ist ja nun wirklich nicht hoch, besonders wenn man die Verdienstausichten betrachtet. Auch bei dem aktuellen Fall stellt sich wohl eher die Frage warum der Kampf nicht einfach früher abgebrochen wurde.
Klara Schmitz, 23.09.2005
3.
---Zitat von Lost_Shadow--- Dann sollte man den Boxsport eigentlich gleich ganz abschaffen (was ich durchaus befürworten würde), denn: Eine Helmpflicht würde doch fast zwangsläufig auch das Tragen gepanzerter Kleidung nach sich ziehen. Es gibt schließlich Körpertreffer, die durchaus lebenswichtige Organe gefährlichst verletzen können. ---Zitatende--- Ich kann Ihnen nur voll zustimmen, wenn ich höre, dass jemand totgeprügelt wurde. Moderne Gladiatorenkämpfe halt... Und das Volk jubelt.
E_N, 23.09.2005
4.
Beim Boxen haut man sich ... beim Fussball zerfleddert man sich die Baender in den Gelenken, selbst habe ich mir die Knie ruiniert bei Leichtathletik. Leistungssport ist nun mal nicht unbedingt gesund. Solange man nichts falsches vortaeuscht, sehe ich keine Probleme.
Franz, 23.09.2005
5. Pauschal
Warum so pauschal? Kampfsportarten sind gefährlich? Ich mache seit Jahren Taekwondo und kann nur sagen das dort weniger passiert als bei Fußball und Handball. Also Fußball auch verbieten? Beim Profiboxen muß ich dir allerdings recht geben.
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