Tommie Smith über Handschuh-Protest "Im Nachhinein war es ein Opfer"

Vor 50 Jahren protestierte Tommie Smith nach seinem Olympiasieg in Mexiko-Stadt mit erhobener Rechter Faust gegen Rassismus. Noch heute bewegt ihn das Thema - und die Bewertung seiner Aktion.

Tommie Smith (M.) mit John Carlos (r.)
AP

Tommie Smith (M.) mit John Carlos (r.)


"Es herrschte Wandel. Wir mussten etwas tun, um vorwärts zu kommen", sagt Weltklassesprinter Tommie Smith in einem Interview der "Bild am Sonntag" 50 Jahre nachdem er bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt zunächst Gold gewann und dann den Moment auf dem Podium mit zum Himmel gereckter behandschuhter Faust für eine politische Geste nutzte. "Wir mussten die Sache selbst in die Hand nehmen. Hoffen, dass uns die Leute folgen, einen Denkprozess anstoßen."

Der heute 74-Jährige sagte auch, dass es trotz seiner politischen Wichtigkeit für ihn auch ein Opfer war: "Das war es, und es wurde im Nachhinein noch größer. Man verbannte mich, schloss mich aus. Ja, im Nachhinein war es ein Opfer. Wobei ich es damals gar nicht so gesehen habe." Heute denkt er anders über die Umstände seiner Aktion.

Smith war 1968 trotz einer Muskelverletzung im Oberschenkel angetreten und zu Gold gesprintet. "Ich hatte mich bis zu den Spielen gekämpft - diese Chance durfte ich mir nicht entgehen lassen", sagt der Olympiasieger. Nach seinem Weltrekord über 200 Meter in 19,83 Sekunden veranlasste das Internationale Olympische Komitee seinen sofortigen Ausschluss und eine Sperre. Es war sein letztes internationales Rennen.

Auch im Privatleben bekam Smith die Reaktionen auf seine Protestaktion zu spüren. Er verlor seinen Job und wurde von vielen Seiten angefeindet. Eine positive Veränderung in der Gesellschaft beobachtet er trotzdem.

Tommie Smith 2018 in Mexiko-Stadt
AFP

Tommie Smith 2018 in Mexiko-Stadt

"Es haben sich Dinge zum Positiven geändert, weil die jungen Leute heute Dinge mehr hinterfragen, statt eine vorgegebene Meinung einfach zu schlucken", sagt Smith über den politischen Prozess, den auch er auf großer Bühne mit angestoßen hat. "Aber auch heute noch gibt es Menschen, die diese Veränderungen für falsch halten. Darum ist der Prozess noch lange nicht abgeschlossen."

Konkret nach seiner Meinung zum aktuellen US-Präsidenten, Donald Trump, gibt sich Smith vorsichtig: "Ich bitte um Verständnis: Es gibt so viele Gräben. Ich möchte die nicht vertiefen."

tip/dpa



insgesamt 8 Beiträge
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oriwango 14.10.2018
1. Kluger Ansatz
"Ich bitte um Verständnis: Es gibt so viele Gräben. Ich möchte die nicht vertiefen." Das ist ein kluger Gedanke: anmerken, was besser gemacht werden kann statt sich darauf auszuruhen, eine Person furchtbar zu finden. Indirekt lässt er ja keinen Zweifel an seiner Meinung. Wir verpulvern so viel Energie, persönlich anzugreifen, dabei sind es Meinungen, Strömungen, eine Dynamik, Missstände, die ausgehebelt werden müssen. Schlauer Mann.
chiefseattle 14.10.2018
2. Danke
Danke, Tommy Smith und John Carlos, für diesen Weckruf im Jahr 1968. Ihr hättet mindestens den Nobelpreis verdient.
denny101 14.10.2018
3.
Ich habe und hatte allerhöchsten Respekt vor Leuten wie Tommie Smith. Ich hatte als Kind von der Geschichte später in einem Olympiabuch (ich glaube von Harry Valerien) gelesen, und es hat mich damals schockiert, wie ein Mensach, der das Richtige tat, vom Sport und von der Gesellschaft angefeindet, ausgeschlossen und verurteilt werden konnte. Er hat ein unglaubliches persönliches Opfer gebracht.
Fruusch 14.10.2018
4. man darf auch
den dritten Sprinter bei dieser Aktion nicht vergessen, den weißen Peter Norman, der damals Silber gewann. Er solidarisierte sich mit den beiden anderen, indem er wie sie auch den OPHR-Anstecker trug. Im Gegensatz zu ihnen musste er danach allerdings nie mit Repressalien oder Drohungen leben, schließlich war er ja weiß. Er blieb Smith und Carlos ein Leben lang freundschaftlich verbunden, beide trugen auch seinen Sarg zum Grab. Eine Statue des Ereignisses von 1968 zeigt nur Smith und Carlos. Normans Platz blieb auf seinen eigenen Wnsch hin frei - Besucher sollten sich darauf stellen können, um ihre Solidarität zu zeigen.
charlybird 14.10.2018
5. Das IOK
ist heute noch ein reaktionärer Laden, in dem abgehalfterte Funktionäre ihre Rücken verbiegen. Als Smith und Carlos diese Aktion unternahmen war ich 16 und ich erinnere, dass mich das unglaublich beeindruckte, obwohl ich von dem Rassismus in den USA gar keine Ahnung hatte. In D und natürlich auch in meinem Umfeld herrschte seinerzeit natürlich die Meinung vor, dass Sport mit Politik nichts zu tun hätte. Diese merkwürdig naive Ansicht gilt ja bei einigen Menschen auch heute noch. Bewundernswert aber, was diese beiden damals geleistet haben und beschämend, was ihnen danach widerfahren ist. Sie sind für mich auch heute noch so etwas wie Helden und auch Peter Norman mit seiner gezeigten Solidarität gehört dazu.
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