Tour-Teilnehmer Martin "Man muss die Gefahr ausblenden"

Zum fünften Mal ist Tony Martin bei der Tour de France dabei, für ihn und alle anderen Radsportler ist es die erste Frankreichrundfahrt nach der Dopingbeichte von Lance Armstrong. Im Interview spricht Martin über Stürze, fiese Etappenverläufe und den Generalverdacht.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Martin, in wenigen Tagen beginnt die Tour de France, das härteste Radrennen der Welt. Sie sind zum fünften Mal dabei. Haben Sie da noch Bammel?

Tony Martin: Ja, ein bisschen vor der ersten Rennwoche. Da geht es mit Positionskämpfen und Angriffen gleich richtig zur Sache. Jeder will vorne mitfahren, jeder will seine Chancen wahren, kein Zentimeter wird freiwillig hergegeben. Das Feld ist extrem nervös, auch weil jeder noch frisch im Kopf ist. Da passieren viele Stürze.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind in Ihrer Karriere etliche Male gestürzt. Als Jugendlicher kollidierten Sie mit einem Lastwagen, im vergangen Jahr hatten Sie während der Saisonvorbereitung einen Autounfall, dann mussten Sie die Tour auch noch wegen einer Handverletzung aufgeben. Sind Sie ein Bruchpilot?

Martin: Schuld am Unfall mit dem Laster war jugendliche Unerfahrenheit. Da hatte ich mehr als einen Schutzengel. Aber der Sturz vor einem Jahr war eher die logische Konsequenz aus den vielen tausend Kilometern, die ich mich im Straßenverkehr bewege. Jeder Autofahrer hat im Laufe seines Lebens ein, zwei Unfälle. Bei mir ist zum Glück bislang alles glimpflich ausgegangen.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder kommt es bei der Tour de France zu dramatischen Stürzen, auch, weil Athleten mit Begleitfahrzeugen oder Zuschauern zusammenprallen. Fährt die Angst ständig mit?

Martin: Man muss die Gefahr ausblenden. Außerdem macht das die Tour ja auch aus.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das? Stürze gehören dazu?

Martin: Nein. Dass wir Radfahrer für alle Fans nah und greifbar sind, dass es mitunter durch enge Gassen oder ohne Absperrungen über kleine Gebirgsstraßen geht. Es ist wie ein riesiger, euphorischer Rummel. Daher kommt doch die einzigartige Atmosphäre der Tour de France. Daraus tankt man die Motivation für das restliche, manchmal karge Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Aber sie ist auch mit extremen Strapazen verbunden. Was tut Ihnen nach einer mehr als 200 Kilometer langen Alpenetappe am meisten weh?

Martin: Die Beine. Aber nach ungefähr zehn Tagen merkt man auch, wie der gesamte Organismus müde wird, wie einem die Motivation für jeglichen Antritt abhandenkommt. Dann überlegst du dir zweimal, ob du diese Treppe im Hotel jetzt nehmen musst oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Stärken liegen vor allem im Zeitfahren, darin sind Sie mehrfacher Weltmeister und Silbermedaillengewinner bei Olympia. Wo rechnen Sie sich bei der Tour Chancen aus?

Martin: Ich möchte ein Zeitfahren gewinnen. Es gibt zwei längere Einzelzeitfahren, dazu das Mannschaftszeitfahren. Mit dem Team sind wir im vergangenen Jahr Weltmeister geworden, das könnte auch was werden. Zudem schiele ich natürlich darauf, mal das Gelbe Trikot anziehen zu dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Das dürfte in Anbetracht der harten Bergetappen - zweimal geht es allein nach Alpe d'Huez hinauf - nicht einfach werden. Wer sind für Sie die großen Favoriten in diesem Jahr?

Martin: Vor allem Christopher Froome. Auch bei Alberto Contador oder Cadel Evans weiß man nie. Aber das sollten sie auch schon sein.

SPIEGEL ONLINE: Was ist es für ein Gefühl, neben einem verurteilten Dopingsünder wie Contador an den Start zu gehen?

Martin: Der gesamte Prozess um Contador war eine Farce. Dass er jetzt schon wieder antreten darf, macht es nicht besser. Aber so ist die derzeitige Rechtssprechung in unserem Sport. Auch deshalb fordere ich eine lebenslange Dopingsperre für überführte Athleten.

SPIEGEL ONLINE: Es ist die erste Tour nach dem Geständnis von Lance Armstrong. Wie gehen Sie als Fahrer damit um?

Martin: Es ist ja keine ganz neue Situation mehr. Ich werde mit der Doping-Problematik konfrontiert, seit ich 2008 Profi geworden bin. Der Fall Armstrong ändert für mich eigentlich nichts. Zumal er Doping in Jahren zugegeben hat, in denen ich noch gar nicht dabei war.

SPIEGEL ONLINE: Das trifft ja aber nicht auf alle aus dem aktuellen Fahrerfeld zu.

Martin: Ich glaube trotzdem nicht, dass andere Fahrer an Armstrong denken werden, wenn sie versuchen, ihre Spitzenleistungen abzurufen. Natürlich schwebt dieser Generalverdacht über uns, auch über mir. Das ist für keinen von uns eine schöne Situation. Aber wir versuchen, mit sauberer Leistung zu zeigen, dass unser Sport mehr bietet als Doping-Skandale.

SPIEGEL ONLINE: Dafür versuchen auch die Tour-Organisatoren mit einer möglichst anspruchsvollen Streckenführung zu sorgen.

Martin: Vom Etappenverlauf her wird es eine spektakuläre Tour, vor allem auf Korsika und in den Alpen. Da bekommen die Zuschauer was zu sehen. Doch für uns Fahrer wird es verdammt hart. Das war zuletzt schon beim Giro d'Italia so, manchmal grenzt es fast an Wahnsinn. Auch die Veranstalter müssen anfangen, umzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren in Ihrem ersten Profijahr als Trainee für Gerolsteiner aktiv. Beobachten Sie den Prozess um Ihren früheren Team-Kollegen Stefan Schumacher, der Doping zugegeben hat? Er wirft seinem damaligen Chef, Hans-Michael Holczer, vor, auch 2008 von Doping-Praktiken einiger Fahrer des Rennstalls gewusst zu haben.

Martin: Ich lese natürlich die Nachrichten, aber ich bekomme da nicht mehr mit als Sie oder jeder andere. Es ist schade, dass der Sport durch solche Schlammschlachten zusätzlich in den Dreck gezogen wird. In dieser Situation gibt es keine Gewinner mehr, nur noch Verlierer. Allen voran den Radsport. Ich rate allen Beteiligten, endlich reinen Tisch zu machen, um Verzeihung zu bitten und aufzuhören, sich gegenseitig zu beschuldigen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass der Radsport in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt noch eine Chance hat?

Martin: Ja. Ich war bei dem Traditionsrennen am 1. Mai in Frankfurt. Ich habe gesehen, wie viele tausend Fans am Straßenrand gestanden und uns zugejubelt haben. Natürlich gibt es Zweifel, auch berechtigte, aber wir sind auf einem guten Weg. Das wird sicher noch einige Zeit dauern und ein gesunder Restverdacht sollte immer bleiben. Auch bei uns Fahrern, sonst kehrt die Vergangenheit schnell wieder.

Das Interview führte Sara Peschke

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
butch82 28.06.2013
1. Ach bitte
Zitat von sysopGetty ImagesZum fünften Mal ist Tony Martin bei der Tour de France dabei, für ihn und alle anderen Radsportler ist es die erste Frankreichrundfahrt nach der Dopingbeichte von Lance Armstrong. Im Interview spricht Martin über Stürze, fiese Etappenverläufe und den Generalverdacht. http://www.spiegel.de/sport/sonst/tony-martin-vor-der-tour-de-france-a-903765.html
Er macht ja schon ein sympathischen Eindruck. Aber ich glaube immer noch nicht daran, daß man eine 3 wöchige Rundfahrt in diesem immer noch aberwitzigen Tempo ohne "Hilfsmittel" schaffen kann. Vorallem sind die Fahrer im Grunde genauso schnell wie zu den mittlerweile bekannten Hochzeiten des Dopings. Daher der Generalverdacht vieler Beobachter. Ich sage aber auch, die Tour ist trotzdem immer noch spannend und schön anzusehen. Die Bergetappen oder Königsetappen hab ich die letzten Jahre auch immer geschaut. Es bleibt immer noch eine absolute Wahnsinnsleistung. Selbst mit Doping. Es ist ja nicht so, daß man sich ein paar Spritzen gibt und die Sache ist dann geritzt. All denen, die das auch so sehen kann ich als Einstimmung heute Mittag auf ARTE um 17:00 Uhr den letzten Teil der Doku: "Die Königsetappen der Tour de France" empfehlen. Dort werden die großen Momente der Tour mit dramatischer Musik und Kommentaren nocheinmal erzählt.
Hafturlaub 28.06.2013
2. Viel Erfolg!
Zitat von sysopGetty ImagesZum fünften Mal ist Tony Martin bei der Tour de France dabei, für ihn und alle anderen Radsportler ist es die erste Frankreichrundfahrt nach der Dopingbeichte von Lance Armstrong. Im Interview spricht Martin über Stürze, fiese Etappenverläufe und den Generalverdacht. http://www.spiegel.de/sport/sonst/tony-martin-vor-der-tour-de-france-a-903765.html
Endlich geht es wieder los!
Yabe Spatz 28.06.2013
3. .
"Man muss die Gefahr ausblenden" Bei einer Dopingkontrolle erwischt zu werden?
peddersen 28.06.2013
4.
Die Frage bleibt für mich - wie bei jedem Sport - was würde sich ändern, wenn man nur halb so hohe Berge, nur halb so lange distanzen nehmen würde. Und zum Ausgleich dann auf Doping und das ganze "Sportarztgedöns" incl. Ernährungsprogramm* verzichten würde? Für mich nix. Auch beim Fußball gäbs Erste, Letzte, Absteiger, Kämpfe, Hoffen, Bangen - selbst wenn die Spieler heute immer noch so wenig laufen würden wie in den 70ern. Das absolute "Niveau" ist bei diesen Sportarten völlig unerheblich. Gruß. *Zum Arzt geht man, wenn man krank ist - alles andere zählt für mich schon zum Doping. Rad kaufen - antreten - mitfahren - verlieren oder gewinnen - und dann wieder an die Arbeit: DAS ist Sport. Der Rest ist Zirkus.
Christ 32 28.06.2013
5. .
klar besteht der Generalverdacht, aber den meisten Fans ist es eh Wurscht ob die Fahrer nun was einwerfen oder nicht.
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