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Tote bei Zugspitz-Lauf: "Der Körper wird schockgefroren"

Zwei Tote, mehrere Verletzte: Der Extremlauf hoch zur Zugspitze wurde zu einer Katastrophe. Im SPIEGEL-Interview spricht der Mediziner und frühere Weltklasseathlet Thomas Wessinghage über rauschhaftes Laufen, eisige Temperaturen und tödlichen Ehrgeiz.

SPIEGEL: Herr Wessinghage, wie konnte es passieren, dass die beiden Männer jüngst kurz vor dem Ziel auf der Zugspitze ums Leben kamen?

Bergläufer auf der Zugspitze: "Unmenschliche Bedingungen"
DPA

Bergläufer auf der Zugspitze: "Unmenschliche Bedingungen"

Wessinghage: Ich frage mich, warum sie überhaupt losgelaufen sind. Wenn ich unten am Start stehe, frierend, in Trägerhemdchen und kurzer Hose, und ich sehe die dunklen Wolken am Himmel, dann muss mir doch klar sein, dass es oben, auf über 2000 Metern, kalt wird. Sehr kalt.

SPIEGEL: Was ist das Hauptproblem?

Wessinghage: Die Möglichkeiten des Körpers, Wärme zu produzieren und zu regulieren, sind bei so einem Lauf begrenzt. Im Flachen kann ich schneller laufen, wenn mir kalt ist, und langsamer, wenn ich spüre zu überhitzen. Bei einem Berglauf ist man gegen Ende erschöpft, und man kann nur noch gehen, weil das Gelände steil ist – wenn dann der Wind pfeift, es regnet, schneit, dann ist das brutal. Der Körper wird schockgefroren.

SPIEGEL: Sendet der Körper keine Warnsignale?

Wessinghage: Doch, aber viele Läufer neigen dazu, die innere Distanz zu ihrem Sport zu verlieren. Sie schätzen die Situation nicht realistisch ein, sie können sich nicht sagen: "Ich gebe auf."

SPIEGEL: Woran liegt das?

Wessinghage: Bewegung hellt die Stimmung auf, wirkt emotional stabilisierend und schmerzlindernd. Zudem hat der Läufer zigmal trainiert, den Körper mental zu unterstützen. Wenn die Störfaktoren auftreten, wenn man müde wird, wenn man die Beine nicht mehr spürt, dann geben viele Läufer nicht einfach nach.

SPIEGEL: Sondern?

Wessinghage: Sie reden sich die Lage schön: "Ich schaffe es, ich halte durch, Schwächephasen gehören dazu, ich habe sie schon oft überwunden, und dieses Mal überwinde ich sie auch." Sie befinden sich in einem Ausnahmezustand, sind nahezu euphorisch, laufen einfach weiter, es fehlt die Fähigkeit aufzuhören. Das kann soweit gehen, dass man jeden Realitätsbezug verliert.

SPIEGEL: Aber kann man sich wirklich zu Tode laufen?

Wessinghage: Ich behaupte, in meinem Leben schon oft alles gegeben zu haben, aber ich war nicht annähernd in Gefahr, deswegen zu sterben. Im menschlichen Körper gibt es so genannte autonom geschützte Reserven, das heißt, bildlich gesprochen, es ist immer ein Rest Treibstoff im Tank ... eigentlich.

SPIEGEL: Wieso "eigentlich"?

Wessinghage: Wenn beispielsweise jemand läuft, obwohl er stark erkältet ist, dann ist es möglich, dass er wirklich alle Reserven verbraucht. Wer zwei Wochen vor so einem Lauf eine Grippe hatte oder zwei Tage vor dem Rennen einen Schnupfen bekommt, der darf nicht starten. Wettkampfsport, zumal unter Extrembedingungen, ist nur etwas für Gesunde.

SPIEGEL: Wie kann man Überforderungen verhindern?

Wessinghage: Der Breitensportler muss sich von Platzierungen und Zeitmythen freimachen. Es ist doch egal, ob ich einen Marathon in vier Stunden laufe oder in 3:55 Stunden. Wenn interessiert, ob ich auf Platz 2300 komme oder auf Platz 2205? Und natürlich den Mut haben, frühzeitig aufzugeben, wenn die Bedingungen so unmenschlich sind wie beim Zugspitzenlauf.

Das Interview führte Maik Großekathöfer

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