Christopher Froome bei der Tour de France Abgehängt

Er wollte bei der Tour de France seine vierte große Rundfahrt in Folge gewinnen. Dieses Ziel kann Christopher Froome nach der 17. Etappe abhaken. Stattdessen muss er nun sogar um einen Podiumsplatz bangen.

Christopher Froome
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Christopher Froome

Von Eike Hagen Hoppmann


Der Rückschlag: Es hatte schon etwas Demütigendes, wie Christopher Froome die letzten zwei Kilometer dieser 17. Etappe der Tour de France bestreiten musste. Seine ärgsten Rivalen - darunter erneut sein eigentlich als Helfer angedachter Teamkollege Geraint Thomas im Gelben Trikot - hatten ihn abgehängt. Froome musste sich unter den Buhrufen der Fans von seinem Helfer Egan Bernal mit großem Rückstand ins Ziel eskortieren lassen. Seine Zunge war herausgestreckt. Erschöpfung und Enttäuschung waren ihm anzusehen. Den zweiten Platz in der Gesamtwertung verlor Froome an Tom Dumoulin.

Das Ergebnis: Der Kolumbianer Nairo Quintana gewinnt die 17. Etappe vor Daniel Martin und Thomas, der seinen Vorsprung in der Gesamtwertung weiter ausbaut. Hier geht es zum Rennbericht.

Der Start: Die Tour-Organisatoren hatten eine besondere Idee, um der kürzesten Etappe seit 30 Jahren (nur 65 Kilometer) noch etwas mehr Würze zu verleihen: eine Startaufstellung, wie man sie aus dem Motorsport kennt. Die Fahrer wurden aufgereiht nach ihrer Platzierung in der Gesamtwertung auf die Strecke geschickt. Sogar eine Startampel wurde aufgestellt. Die Hoffnung: Attacken ab der ersten Sekunde, weil die Kapitäne zunächst von ihren Helfern isoliert waren. Es war eine Fantasievorstellung, denn nach einem Kilometer sah das Peloton wieder so aus wie bei jeder anderen Etappe. Am Ende war der Start vor allem eins: albern.

Das Rennen: Quintana setzte zu Beginn des Schlussanstiegs die erste erfolgreiche Attacke. Aufgrund seines Rückstands in der Gesamtwertung reagierte Sky nicht. Froome startete mit Primoz Roglic einen eigenen Angriffsversuch, der aber von Dumoulin gekontert wurde. Wenig später fuhr Froome dann nur noch am Ende des Favoritenfelds. Als 1,5 Kilometer vor dem Ziel Dumoulin attackierte, konnte der Vorjahressieger nicht folgen. Nur Thomas und Roglic blieben am Hinterrad des Niederländers. Froome verlor dagegen viel Zeit. Den Sieg bei der Tour kann er abhaken. Beim Giro gelang ihm in den letzten Tagen noch ein außergewöhnliches Comeback, das wird er dieses Mal nicht schaffen.

Das Trojanische Pferd: Seine Ziele bei der Tour? Mal schauen, vielleicht ein Etappensieg - so lautete die bescheidene Antwort von Primoz Roglic vor dem Start der Frankreich-Rundfahrt auf diese Frage. Von wegen! Nach 17 von 21 Etappen ist der Slowene Vierter in der Gesamtwertung. Roglic hatte im Frühjahr mit starken Leistungen schon aufhorchen lassen. Aber dass er diese Form über drei Wochen konstant halten kann, ist die wohl größte Überraschung der Tour. Roglic könnte nun sogar noch Chris Froome vom Podium verdrängen. Aktuell hat er 16 Sekunden Rückstand auf den Briten, aber Roglic ist ein exzellenter Zeitfahrer und eine Bergetappe folgt auch noch.

Ein kleiner Erfolg: Nairo Quintana war wie Froome mit dem Ziel angetreten, erstmals in seiner Karriere die Tour de France zu gewinnen. Darauf hatte er die gesamte Saisonvorbereitung abgestimmt. Gelingen wird ihm das nicht. Schon in den ersten beiden Tour-Wochen häufte Quintana einen zu großen Rückstand in der Gesamtwertung an. Der Etappensieg ist ein kleiner Trost, zumal sich Quintana auch in der Gesamtwertung von Platz neun auf Platz fünf verbesserte.

Der Rekordmann: Für den 39 Jahre alten Franzosen, Sylvain Chavanel, war die 17. Etappe der insgesamt 365ste Tag bei der Frankreich-Rundfahrt. Damit stellte er den Rekord des Niederländers Joop Zoetmelk ein. Vier weitere Etappen bleiben, um die Bestmarke auszubauen. Mit seiner 18. Tour-Teilnahme hat Chavanel in diesem Jahr auch schon den Rekord von Jens Voigt (17 Teilnahmen) gebrochen. Mehr wird aber nicht dazukommen. Chavanel hat angekündigt: "Das wird definitiv meine letzte Tour werden."

Sturz des Künstlers: Kein anderer Fahrer kann sich so meisterhaft auf dem Rad halten, wie Peter Sagan. Manchmal fährt er nur auf dem Hinterrad oder schraubt während der Fahrt an seinem Rad herum. Umso überraschender ist es, dass nun auch Sagan auf einer Abfahrt schwer stürzte. Mit mehr als 26 Minuten Rückstand quälte er sich dennoch ins Ziel. Leicht humpelnd und mit zerfetztem Trikot ging er durch den Zielbereich. Die verbleibenden vier Tage bis Paris wird er sich noch durchbeißen wollen. Denn: Das Grüne Trikot des besten Sprinters (das er rechnerisch schon sicher hat), gewinnt er nur, wenn er die Tour beendet.

Es geht immer noch schlimmer: Abgehängt, ausgebuht, den zweiten Platz in der Gesamtwertung verloren - und dann stürzte Chris Froome auch noch. Nach dem Rennen. In einer Regenjacke. Weil er von einem Polizisten für einen Fan gehalten wurde. Der Unfall passierte, als Froome mit dem Rad zu seinem Team-Bus unterwegs war. Ein Polizist habe Froome in seinem Regenoutfit nicht erkannt und wollte ihn anhalten. In der Folge sei der Unfall passiert. Verletzt habe Froome sich nicht, sagte Team Sky.

Was noch passieren kann: Bei knapp zwei Minuten Vorsprung auf Dumoulin müsste Thomas bei der abschließenden Pyrenäen-Etappe am Freitag und dem Zeitfahren schon einen gewaltigen Einbruch erleben, um das Gelbe Trikot noch zu verlieren. Danach sieht es in seiner aktuellen Form nicht aus.

Mit Material von Reuters und AP.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
s_v_l 25.07.2018
1. Abwarten!
Froome sollte man nicht zu früh abschreiben. Wer weiß, was er einwirft, um am Freitag dann wie entfesselt einen Soloritt hinzulegen, um danach in Gelb nach Paris zu fahren.... Ich glaub nichts mehr.
tommycologne 25.07.2018
2. tja
Ich hatte ja schnn beim Powerranking-Artikel vor der Tour prophezeit: 1. Roglic 2. Dumoulin 3. froome. Ich hatte allerdings geraint thomas nicht auf der Rechnung weil der bisher immer mindestens einen Katastrophentag bei jeder 3-Wochen-Rundfahrt hatte. Da konnte man bisher die Uhr nach stellen. Mal gucken ob der noch kommt. Trotzdem: wenn Froome nicht gewinnt, dann ist es eine Niederlage für Sky. Auch wenn Thomas am ende siegt. Er ist für sky selbstverständnis der falsche Sieger. Aber noch hat er nicht gewonnen....
andreass61 25.07.2018
3. Gelb
es ist schon ernüchternd für die anderen Teams, das bei Sky beinahe das halbe Team in Gelb fahren könnte. Geht das mit rechten Dingen zu ?
Prussia Culé 25.07.2018
4. Spannend wars ja... bis auf den Start
Klasse was Qintana & Martin gezeigt haben. Mutig früh raus gegangen und es bis oben durchgezogen, Martin unnachahmlich sein Kampfeswille. Movistar hat bei dieser Tour taktische Fehler begangen - bis auf die Attacke von Valverde heute - die Koordination von Tempoverschärfung zu Angriffsvorbereitung schlug hier und da fehl und sie haben so zu Schnellschüssen geneigt, obwohl sie dem Team Sky fast ebenbürtig sind und Fahrer wie Carapaz, Anacona, Fernandez oder Roson sind gar nicht dabei. Deshalb ein schöne herausgefahrener und wichtiger Sieg heute. --- Toll auch was Kruijswijk & Roglic gezeigt haben. Wenn Lotto NL noch Campenaerts oder Van Emden für das Teamzeitfahren oder Bennett für die Berge dabei gehabt hätten, wer weiß wie viel mehr noch drin gewesen wäre. Aber hätte hätte... Beeindruckend was Bernal in der 3. Woche gezeigt hat. Auf den muss man gespannt sein in den nächsten Jahren. --- Abgesehen davon, dass man bei Sky immer kritisch sein muss; sie investieren das viele Geld sehr gut in Fahrer, Trainingssteuerung, Ausstattung und das auch immer sehr vorausschauend. Auch sind sie taktisch immer hellwach und selten aus der Ruhe zu bringen, bzw. sie lassen es sich nicht ansehen. Liegt vielleicht auch am Selbstvertrauen, was man bei anderen Sportarten in Teams erkennen kann. --- Sollte Thomas Gelb in Paris tragen könnte ich damit eher leben als mit einem Froome. Zumindest stellt sich Thomas gegen Ausnahmegenehmigungen bei Medis. --- Der Start: naja, ein netter Einfall aber herausgekommen ist dabei nichts.
jobie09 25.07.2018
5. keine Niederlage für Sky, nicht mal für Froome
... mit jedem (kleinen, auf hohem Niveau) Rückschlag wird mir Mr Froome sympatischer, um nicht zu sagen: glaubwürdiger. Lieber ein ehrlicher Vierter als ein erdopter Podiumsplatz. Schade um diesen wunderbaren Sport, so kaputt gemacht durch so viele Deppen. Leider auch bei den Zuschauern, die sich zu gerne betrügen ließen. Den "Generalverdacht" (statt Unschuldsvermutung) hat sich diese Szene leider über Jahre hinweg erarbeitet. Ob nun mit oder ohne Vitamin D: Diese Pyrenäen Etappe war hat, ein Einzel Berg-Zeitfahren. Tolle Kulisse, grosse Anstrengungen, Mythos Tour. Ich möchte so gerne daran glauben...
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