Tour-de-France-Favorit Richie Porte Der Pechvogel

In den vergangenen zwei Jahren war Richie Porte der wohl beste Fahrer der Tour, doch Defekte sowie ein schwerer Sturz verhinderten jeweils den Triumph. Das sollte sich diesmal ändern - dann stürzte der Australier beim Auftakt.

Richie Porte bei der 82. Tour de Suisse
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Richie Porte bei der 82. Tour de Suisse

Von Eike Hagen Hoppmann


Wer die Bilder gesehen hatte, bekam sie kaum mehr aus dem Kopf: Neunte Etappe der Tour de France 2017, Abfahrt vom Mont du Chat. 155 Kilometer hatten die Fahrer auf dieser kräftezehrenden Etappe schon hinter sich. Mit über 70 Stundenkilometern jagten die Spitzenfahrer den Berg hinunter, Richie Porte war dabei. Dann stürzte er, rutschte über den Asphalt und prallte auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit Kopf und Rücken gegen eine Felswand.

Porte kam mit einem Bruch des Schlüsselbeins und der Hüftpfanne davon. Angesichts der Wucht des Sturzes war das noch ein vergleichsweise harmloser Ausgang. Trotzdem war die Tour, in die Porte mit großen Ambitionen gestartet war, für ihn zu Ende. Bis zu dem Unfall hatte es gut ausgesehen: Lediglich 39 Sekunden Rückstand hatte der Australier auf den Gesamtführenden Chris Froome. "Ich denke, dass ich in guter Form war und auch das Team um mich herum war sehr stark. Deshalb ist es enttäuschend", sagte Porte später. "Aber nachdem ich den Sturz gesehen habe, hatte ich Glück, dass nicht mehr passiert ist."

Richie Porte
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Richie Porte

Jener Sturz steht beispielhaft für Portes Karriere. Immer, wenn seine große Chance gekommen schien, kam etwas dazwischen. So war es 2017, so war es 2014, 2016. Und so kommt es, dass der Australier im fortgeschrittenen Alter von 33 Jahren noch keine Grand Tour gewonnen hat. Dabei war er bei den letzten beiden Frankreich-Rundfahrten der vielleicht beste Einzelfahrer im Peloton. In diesem Jahr hat Porte erneut gute Chancen auf den Gesamtsieg. Im Powerranking der Top-Fahrer von SPIEGEL ONLINE liegt er an Position eins. Doch die Tour 2018 begann in typischer Porte-Manier: Sturz auf der ersten Etappe, 50 Sekunden Rückstand bereits nach den ersten 200 Kilometern.

Erst Triathlet, jetzt Tour-Favorit

Dass Porte überhaupt einmal zu den Mitfavoriten einer Tour gehören würde, war noch vor etwa zehn Jahren nicht unbedingt zu erwarten. Porte war zunächst Triathlet. Er fokussierte sich schließlich auf den Radsport, weil er das Laufen nicht mochte. So wurde aus dem Mann, der als Rettungsschwimmer in einer Badeanstalt sein Geld verdiente, ein Radprofi. Als Helfer beim Team Sky unterstützte Porte seinen Kapitän Chris Froome 2013 und 2015 bei dessen Gesamtsiegen bei der Tour de France. Schon zu diesen Zeiten wirkte es manchmal, als sei Porte der stärkere Fahrer.

Doch dem Australier scheint das Pech dauerhaft an den Pedalen zu kleben. Als Froome bei der Tour 2014 nach mehreren Stürzen aufgeben musste, setzte Sky auf die Nummer zwei, Porte, als neuen Kapitän. Es hätte seine Tour werden können. Stattdessen bekam er eine Lungenentzündung und landete abgeschlagen auf Platz 23.

Nach der Saison 2015 verließ Porte Sky in Richtung BMC, um als Vollzeit-Kapitän selbst um Siege bei der Tour mitfahren zu können. Bislang lief es auch dort nicht rund: Bei der Tour 2016 galt er als Mitfavorit, nach einem Defekt auf der zweiten Etappe verlor er aber früh zwei Minuten auf die Konkurrenz. 2017 folgte dann der verheerende Sturz.

Jetzt, 2018, soll es endlich klappen.

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Zum Saisonstart hatte Porte noch mit Krankheiten zu kämpfen, inzwischen stimmt die Form. Im Frühjahr gewann er die hochklassig besetzte Tour de Suisse vor Jakob Fuglsang, Nairo Quintana und Mikel Landa, die allesamt auch bei der Tour seine Konkurrenten werden könnten. Der Sieg in der Schweiz war wahrscheinlich sogar Portes bislang größter Karriereerfolg - angesichts seiner Qualität ist das beinahe erschreckend.

"Ich bin bereit für die Tour"

Die Konkurrenz bei der diesjährigen Tour ist zwar nominell so gut wie lange nicht, doch einige Fahrer wie Froome oder Tom Dumoulin haben bereits den Giro d'Italia in den Beinen, während andere wie Vincenzo Nibali oder Adam Yate mit ihren Teams beim Mannschaftszeitfahren Sekunden verlieren dürften. Porte gehört beim Teamzeitfahren mit BMC zu den Favoriten auf den Tagessieg, der ihm für die weiteren Etappen einen Vorsprung verschaffen könnte.

Die diesjährige Tour de France ist daher Portes beste Chance auf seinen ersten großen Triumph - und vielleicht auch schon seine letzte.

Wie es nach dieser Saison für ihn weitergeht, ist unklar. Hauptsponsor BMC steigt aus, die Zukunft des Teams ist ungewiss. Wie das Radsportportal "Cyclingnews" berichtet, steht Porte deshalb vor einem Wechsel zu Trek-Segafredo, wo auch der Deutsche John Degenkolb unter Vertrag steht. Im Vergleich zu BMC ist Trek allerdings schwächer einzuschätzen, zudem müssen sich die Mechanismen in einem neuen Team erst einspielen.

Portes Konzentration gilt zunächst ohnehin den kommenden drei Wochen - den wohl wichtigsten seiner Karriere. Er sagt: "Ich bin bereit für die Tour."

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Le Commissaire 08.07.2018
1.
Ja, Porte hat jetzt 50 Sekunden Rückstand. Andere Top-Favoriten allerdings auch: Chris Froome, Adam Yates, Nairo Quintana sogar 1'15''. Es ist also vom ersten Tag an spannend. Mikel Landa, mein heimlicher Favorit, ist noch ganz vorne mit dabei, wenn er ein gutes Einzelzeitfahren fährt, hat er Chancen, Quintana als Leader von Movistar abzulösen.
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