Tour de France Warum wieder kein Deutscher vorne mitfährt

Bei der Tour de France stellt Deutschland seit Jahren die besten Sprinter und Zeitfahrer. Bei der Gesamtwertung sieht es dagegen stets düster aus. Nur ein 25-Jähriger macht Hoffnung. Woran liegt das?

Das Tour-Peloton mit Chris Froome in gelb
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Das Tour-Peloton mit Chris Froome in gelb

Von Eike Hagen Hoppmann


Andreas Klöden stand im rosafarben Trikot seines Teams T-Mobile auf den Pariser Champs-Élysées und winkte den Fans zu. Es war der 23. Juni 2006, Siegerehrung der 93. Tour de France. Klöden, damals 31 Jahre alt, hatte die Rundfahrt als Dritter beendet und war vor Fahrern wie Cadel Evans oder Carlos Sastre gelandet. Durch die nachträgliche Disqualifikation des ursprünglichen Siegers Floyd Landis wird Klöden inzwischen sogar als Zweitplatzierter geführt. Gegen den Deutschen gab es damals auch massive Dopingvorwürfe, die er aber abstritt. 2009 stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein.

Es war das bisher letzte Mal, dass ein deutscher Radprofi bei der Tour de France auf dem Podium stand, zwölf Jahre ist das nun her. Der letzte und einzige deutsche Gesamtsieg von Jan Ullrich 1997 liegt sogar noch neun weitere Jahre zurück.

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Deutsche Profis bei der Tour de France: Spezialisten ohne Kletterer

Und auch 2018 wird sich daran nichts ändern: Wenn am Samstag die 105. Tour de France beginnt, gibt es keinen einzigen Deutschen, der Chancen auf eine gute Platzierung in der Gesamtwertung hat.

Zum Favoritenkreis zählen Fahrer aus Großbritannien, Frankreich, Australien, Niederlande, Italien, Kolumbien, Spanien - aber aus Deutschland ist keiner dabei. Emanuel Buchmann, der als aktuell bester deutscher Kletterer Chancen auf eine Platzierung unter den besten 20 gehabt hätte, fährt die Tour nicht mit. Zu ihm später mehr.

Stark beim Sprint, schwach am Berg

Verwunderlich ist aber nicht nur die Tatsache, dass es keinen guten deutschen Klassementfahrer gibt - also solche, die bei den großen Rundfahrten reelle Chancen auf den Gesamtsieg haben. Verwunderlich ist vor allem, dass Deutschland gleichzeitig in Spezialdisziplinen absolute Weltklassefahrer hervorbringt. Marcel Kittel und André Greipel gehören zu den besten Sprintern ihrer Generation, Tony Martin ist siebenfacher Zeitfahrweltmeister, John Degenkolb gewann 2015 mit Paris Roubaix den berühmtesten Klassiker der Welt. Nur Kletterer sucht man vergeblich. Auch bei den jungen Fahrern setzt sich die Tendenz fort. Es gibt kein Nachwuchsproblem, sondern nur ein Problem mit einer Disziplin.

Wie kann das sein? "Das ist schwer zu sagen", sagt Bundestrainer Ralf Grabsch. "Ich stehe da auch vor einem Rätsel." Die Ratlosigkeit ist überraschend, denn neu ist die Situation nicht. Die Sprinter sorgten schon immer für Erfolge: Bei der Tour de France 1962 holte sich Rudi Altig das Grüne Trikot, Erik Zabel hat zwischen 1996 und 2001 sechsmal die Punktewertung gewonnen und hält damit bis heute den Rekord.

Jan Ulrich und Erik Zabel
picture-alliance / dpa

Jan Ulrich und Erik Zabel

Das Bergtrikot hat in der Geschichte der Tour dagegen noch kein Deutscher gewonnen. Auch bei den anderen großen Rundfahrten sieht es ähnlich aus. Es sind nur einzelne Klassementfahrer, die alle zwei Jahrzehnte aus der Mittelmäßigkeit herausstechen. Dietrich Thurau zum Beispiel, der 1977 die Nachwuchswertung der Tour gewann oder das Duo Ullrich und Klöden um die Jahrtausendwende.

Beim Verband will man an diesem Ungleichgewicht gar nicht mehr ändern. "Man muss die Situation so nehmen, wie sie ist. Wahrscheinlich soll es so sein, dass wir eine Nation der Sprinter und Zeitfahrer sind", sagt Grabsch. Und solange die weiter für Erfolge sorgen, fallen die Lücken nicht so sehr auf.

Mount Ventoux: Keine Bergspezialisten in Deutschland
Getty Images

Mount Ventoux: Keine Bergspezialisten in Deutschland

Etwas mehr als 20 Jahre nach Ullrichs Sieg bei der Tour gibt es nun aber einen Hoffnungsträger, der wieder für gute Resultate sorgen könnte: Emanuel Buchmann. Bei der Tour de France im vergangenen Jahr belegte er bereits Platz 15 in der Gesamtwertung. Beim "Critérium du Dauphiné", einer Art Generalprobe für die Tour, wurde er in diesem Jahr Sechster und zeigte, dass er in den Bergen mit den besten Fahrern mithalten kann. In diesem Jahr legt er seine Schwerpunkte anders und ist bei der Tour nicht am Start.

Buchmann hat eine Ahnung, warum nur selten gute deutsche Kletterer in die Weltspitze vorstoßen. "Es gibt in Deutschland im Juniorenbereich fast nur flache und einfache Rennen, bei denen man als Klassementfahrer keine Chance hat. Viele Kletterer verlieren deshalb früh die Lust und hören auf", sagt er. "Man sieht aber häufig erst relativ spät, ob jemand das Talent als Klassementfahrer hat." Ihm selbst kam wahrscheinlich zugute, dass er mit 15 Jahren viel zu spät mit dem Radsport anfing, als dass er zu früh wieder hätte aufhören können.

Auch eine Reihe anderer Faktoren spielt eine Rolle: "Man braucht bestimmte Voraussetzungen, um als Klassementfahrer erfolgreich zu sein. Die Kolumbianer sind zum Beispiel sehr klein und leicht", sagt Buchmann. Für das Hochgebirge ist das ein Vorteil. Buchmann ist mit 1,80 Metern zwar nicht der Kleinste, hat aber dafür einen leichten Knochenbau. In Ländern wie Kolumbien sind viele Sportler außerdem in 2000 Metern Höhe aufgewachsen und haben die Berge seit Geburt in den Beinen. Von Nairo Quintana weiß man, dass er als Kind den weiten Weg zur Schule mit dem Fahrrad bewältigte.

Auch ohne Berge kann man Kletterer ausbilden

Doch das reicht nicht als Erklärung. Denn auch Länder ohne Hochgebirge - etwa Großbritannien oder die Niederlande - bringen regelmäßig gute Klassementfahrer hervor. Tom Dumoulin zum Beispiel gewann im vergangenen Jahr den Giro und gehört auch bei der Tour in diesem Jahr zu den Mitfavoriten. "In Ländern wie den Niederlanden ist der Radsport noch einmal viel beliebter - so eine Breite im Juniorenbereich gibt es in Deutschland nicht", sagt Buchmann.

Die Namen der anderen potenziellen Klassementfahrer sind deshalb schnell aufgezählt: Neben Buchmann ist noch Maximilian Schachmann zu nennen, der beim diesjährigen Giro eine schwere Bergetappe gewann und zwischenzeitlich sogar im Weißen Trikot des besten Nachwuchsfahrers fuhr. Perspektivisch könnte auch noch Lennard Kämna eine dritte Hoffnung sein, der mit gerade mal 21 Jahren aber noch am Anfang seiner Entwicklung steht. "Im Verhältnis zu den Rennfahrern die wir haben, ist das aber wenig", sagt Grabsch.

Emanuel Buchmann
DPA

Emanuel Buchmann

Wie lässt sich das ändern? "Da habe ich auch keine Patentlösung", sagt Buchmann. "Aber natürlich wäre es wichtig, schon möglichst früh auch Rennen im Ausland zu bestreiten. Die Wettkämpfe dort sind anders, das Niveau teilweise höher, aber auch die Strecken anspruchsvoller."

Bis so eine Maßnahme anschlagen könnte, ruhen die deutschen Hoffnungen erst einmal auf Buchmann. Bei der Vuelta in Spanien im Herbst soll er sein Team als Kapitän führen. Das ist auch für Buchmann etwas Besonderes: "Da ist man als Fahrer nochmal motivierter. Für mich wird es das Saisonhighlight - und ich versuche, dort den nächsten Schritt in meiner Entwicklung zu machen."

Da Buchmann erst seit zehn Jahren auf dem Rad sitzt, macht er noch immer große Fortschritte. "Er wird in den kommenden Jahren eine gute Rolle spielen", sagt Grabsch. Vielleicht winkt er auch mal vom Siegerpodest auf den Champs-Élysées. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

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Seite 1
gunpot 05.07.2018
1. Als wenn das nun eine Katastrophe ist,
wenn kein Deutscher vorne mitspielt. Wir sind dabei und das ist entscheidend. Die Deutschen sollten sich mal mit einem lower profile zufriedengeben. Dann werden wir auch wieder von unseren Nachbarn geliebt.
skeptikerjörg 05.07.2018
2. Falsche Personalauswahl
Man muss hat die zukünftigen Profifahrer schon frühzeitig unter den Asthmatikern auswählen. Die kann man dann mit Salbutamol fit machen und sie fliegen dem Feld voraus wie Froome, Amstrong, Landis, usw. Also, mir ist ehrlich lieber, sie gewinnen mal eine Etappe und landen sonst im Mittelfeld, als sich an Betrügern wie Jan Ulrich zu ergötzen, als einen deutschen Sieger aus dem Pharmalabor zu haben.
RalfHenrichs 05.07.2018
3.
Zitat von skeptikerjörgMan muss hat die zukünftigen Profifahrer schon frühzeitig unter den Asthmatikern auswählen. Die kann man dann mit Salbutamol fit machen und sie fliegen dem Feld voraus wie Froome, Amstrong, Landis, usw. Also, mir ist ehrlich lieber, sie gewinnen mal eine Etappe und landen sonst im Mittelfeld, als sich an Betrügern wie Jan Ulrich zu ergötzen, als einen deutschen Sieger aus dem Pharmalabor zu haben.
Als sei nur Froome gedopt. Zabel, als langjährig bester Sprinter, war es auch. Und gerade bei einem Zeitfahrer bietet es sich ja geradezu da, da eine recht singuläre Belastung. Es würde mich schon wundern, wenn Greipel, Kittel und Martin ungedopt Chancen hätten, diese Spezialdisziplinen zu gewinnen.
uzsjgb 05.07.2018
4.
Zitat von skeptikerjörgMan muss hat die zukünftigen Profifahrer schon frühzeitig unter den Asthmatikern auswählen. Die kann man dann mit Salbutamol fit machen und sie fliegen dem Feld voraus wie Froome, Amstrong, Landis, usw. Also, mir ist ehrlich lieber, sie gewinnen mal eine Etappe und landen sonst im Mittelfeld, als sich an Betrügern wie Jan Ulrich zu ergötzen, als einen deutschen Sieger aus dem Pharmalabor zu haben.
Es gibt wohl nur sehr wenige Asthmatiker, die Profisportler werden. Die allermeisten Asthamatiker unter den Profisportler werden das erst durch den Sport. Leistungssport ist ungesund, es ist nicht weiter verwunderlich, dass besonders Ausdauersport die Lunge belastet. In der Regel sind diese Beschwerden gut behandelbar, so dass keine Leistungseinbußen befürchtet werden müssen. Verwunderlich finde ich hingegen, dass viele Laien der Behandlung von Lungenbeschwerden so skeptisch gegenüberstehen, der Behandlung von Muskelbeschwerden, oder z.B. Sitzbeschwerden beim Radfahren überhaupt nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich je jemand in einem Forum darüber beschwert hätte, dass Sitzbeschwerden bei Radsportler behandelt werden und diesen Fahrern Doping vorgeworfen hätte.
sekundo 05.07.2018
5. Wenn schon Englisch
Zitat von gunpotwenn kein Deutscher vorne mitspielt. Wir sind dabei und das ist entscheidend. Die Deutschen sollten sich mal mit einem lower profile zufriedengeben. Dann werden wir auch wieder von unseren Nachbarn geliebt.
dann bitte korrekt! Low Profile bedeutet Niedrig-Profil bei Reifen. To keep low profile heisst übersetzt, sich zurückhalten! Und lower profile gibt es gar nicht. Wiss frenndlie Grietinks sekundo
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