Von Tom Mustroph
Col Agnel, Col d'Izoard, Col du Galibier und L'Alpe d'Huez: Die beiden kommenden Etappen der 98. Tour de France sind reich an klingenden Namen. Und reich an Qualen für die Fahrer - die Rundfahrt geht ins Hochgebirge der Alpen, die Entscheidung um den Gesamtsieg naht.
Am Mittwoch mussten die Fahrer bereits den Côte de Pramartino im italienischen Pinerolo bezwingen. Nun folgen die Alpengipfel Col Agnel, Col d'Izoard und Galibier. Am Freitag steht eine weitere Galibier-Passage an sowie die Auffahrt zum berüchtigten L'Alpe d'Huez. Spätestens am Samstag steht nach dem Zeitfahren in Grenoble der Tour-Sieger 2011 fest (Alle Etappen im Liveticker von SPIEGEL ONLINE).
Die Favoriten haben sich mittlerweile herauskristallisiert. Alberto Contador und Cadel Evans scheinen gut gerüstet für die knallharten Bergetappen. Die Brüder Fränk und Andy Schleck hingegen hatten jeweils schon leichte Einbrüche im Anstieg, mischen aber noch vorne mit - und werden auch um den Sieg mitfahren. Weniger Chancen werden dem Gesamtführenden Thomas Voeckler eingeräumt, der nach Expertenmeinungen in den Alpen einbrechen wird. Und Samuel Sánchez und Ivan Basso lauern als Außenseiter auf eine Chance.
Voeckler selbst gab sich in Pinerolo reichlich zerknirscht. "Ja, es war ein Fehler, dass ich mir die Abfahrt nur per Video angeschaut habe. In der Realität sieht das dann doch etwas anders aus", sagte er. Einmal war er weggerutscht, das zweite Mal rettete er sich nach Steuerfehler auf eine Betonplattform abseits der Strecke.
Andy Schleck, der schlechteste Abfahrer unter den Favoriten auf den Gesamtsieg, war die Abfahrt vom Côte de Pramartino zuvor dreimal zur Probe gefahren. Das machte sich bezahlt: Der Luxemburger verlor keine Zeit auf Contador und ist froh, dass es in den nächsten beiden Tagen endlich bergauf geht. "Ich hoffe, der Donnerstag bringt die Entscheidung. Es ist die Königsetappe und ich wünsche mir, dass sie nicht abwartend gestaltet wird", sagte der Luxemburger.
Verbalattacken vor der entscheidenden Phase - die Schlecks contra Contador
Er selbst kann, ja muss zur Spannung beitragen. Er hat 1:18 Minuten Rückstand auf Evans, der ihm im Zeitfahren am Samstag vermutlich zusätzlich ein bis zwei Minuten abnehmen wird. Und Contador sitzt ihm im Nacken. Mittlerweile hat sich der Spanier auf 39 Sekunden an Schleck herangearbeitet. Der muss jetzt attackieren, wenn er in Paris das Podium betreten will. Am besten schon am Col d'Izoard. Dieser sich aus einer Mondlandschaft mit dem sprechenden Namen Casse Déserte (zerhackte Wüste) erhebende Zweitausender liegt gut 60 Kilometer vor dem Ziel am Galibier. Hier muss Schlecks Team Leopard Trek Contador und Evans isolieren und Voeckler zermürben.
Andys Bruder Fränk Schleck geht derweil verbal in die Offensive: "Im vergangenen Jahr hat Contador bei einem Kettenschaden attackiert. In diesem Jahr greift er bergab an. Das ist seine Wahl", sagte der Luxemburger Meister am Mittwoch abschätzig.
Die Experten tun sich bisher schwer damit einzuschätzen, wie stark ist der dreimalige Tour-Sieger Contador dieses Jahr wirklich ist. "Er ist vielleicht noch nicht ganz der Alte", sagt Contador-Kenner Bruyneel SPIEGEL ONLINE. "Aber um die Tour zu gewinnen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu attackieren. Der wichtigste Kampf wird zwischen ihm und Evans ausgetragen", ist sich Bruyneel sicher. Ein Duell Evans-Contador erwartet auch Roberto Amadio. "Evans ist der Favorit. Er ist vorn platziert und der stärkste Zeitfahrer. Er kann abwarten, Contador muss attackieren", so der Teamchef von Basso.
"Sie sind natürliche Verbündete"
Für seinen besten Mann hat Amadio den Toursieg bereits abgeschrieben: "Platz eins ist nicht mehr realistisch, Platz drei schon." Um diesen Platz duelliert sich der Italiener Basso mit dem Spanier Sánchez. Der könnte seinerseits zu einem kostbaren Waffengefährten Contadors werden. "Sie haben die gleichen Interessen. Sie müssen die besseren Zeitfahrer abschütteln. Sánchez ist auf Platz drei aus, Contador auf den Toursieg. Sie sind natürliche Verbündete", so Bruyneel.
Bei allen taktischen Winkelzügen haben die Fahrer und ihre Teams auf einen Faktor keinen Einfluss: das Wetter. "Die Sonne scheint", versichert der Kommunikationschef der Tour, Philippe Sudres. Der Wetterbericht verspricht Sonnenschein auf allen Gipfeln, keinen Niederschlag, ein wenig Wolken über dem Galibier und erfrischende sechs Grad Celsius an den höchsten Punkten.
Am Freitag bietet die nur 109 Kilometer lange Etappe über den Galibier hoch nach L'Alpe d'Huez dann Gelegenheit für die Fahrer, einen letzten Ausreißversuch zu wagen. Alle gegen Evans heißt die kommenden zwei Tage lang die Devise, bevor der Australier dann beim Zeitfahren seine Klasse unter Beweis stellen kann.
Viel hängt davon ab, wie gut der frühere Mountainbiker dem Druck, so nah am Tourgewinn zu sein, standhält. Denn er kann sicher sein, dass Contador jeden noch so winzigen Vorteil eiskalt ausnutzen wird. Bei all der angebrachten Skepsis an der Lauterkeit der Extremleistungen auf den höchsten Gipfeln der Tour - man darf sich doch auf einen heißen Radsport-Krimi freuen.
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