Tour-Spitzenreiter Wiggins: Olympiasieger, Trinker, Großmaul

Aus Besançon berichtet

Er hat die wohl dünnsten Arme, die längsten Koteletten und das loseste Mundwerk aller Radprofis bei der Tour de France. Vor allem aber ist Bradley Wiggins derzeit der Beste von allen. Früher trank er - nun ist er auf dem besten Weg, die Tour zu gewinnen.

99. Tour de France: Wiggins große Chance Fotos
AP

Bescheidenheit ist eine Eigenschaft, die Bradley Wiggins nicht gerade auszeichnet. Der Radprofi hatte am Montagabend gerade die neunte Etappe der Tour de France gewonnen, es war das Zeitfahren von Arc-et-Senans nach Besançon, da kommentierte der Brite seine Leistung mit den Worten: "Das war brillant."

Kritiker nennen Wiggins zwar ein Großmaul, aber er hat recht. Das Zeitfahren war eine Demonstration seiner Stärke. Er und sein Team Sky dominieren diese 99. Tour. Der Kapitän hat im Gesamtklassement schon 1:53 Minuten Vorsprung auf Titelverteidiger Cadel Evans. Dritter ist Christopher Froome, Wiggins' Edelhelfer. Und derzeit deutet nichts darauf hin, dass das Team Sky oder sein Top-Fahrer schwächeln werden.

"Bradley ist wie ein Roboter. Sein Oberkörper ist so unbewegt, wenn er in die Pedale tritt, dass es aussieht, als strenge es ihn kaum an", sagt Juan José Cobo vom Movistar Team. Der Spanier weiß, wie man Wiggins schlägt, schließlich bezwang er ihn bei der Vuelta im vergangenen Jahr. Aber Cobos Worte machen wenig Hoffnungen auf eine spannende Tour dieses Jahr: "Wiggins ist viel stärker geworden seit dem Herbst. Allen anderen bleibt nur das Rennen um Platz zwei."

Was aber macht den Briten derzeit so stark? "Er ist physiologisch einfach besser als der Rest", twitterte sein Entdecker Jonathan Vaughters. "Wiggins gehört zu den ganz wenigen, die ihre Leistungen mit aeroben Energiekreisläufen erzielen." Konkret: Energie wird durch Kohlenhydrat-Oxidation mit Hilfe von Sauerstoff bereitgestellt. Reichen die Kohlenhydratspeicher im Körper nicht aus, werden andere Energiereserven angezapft. Da bei deren Umsetzung allerdings das leistungsmindernde Laktat entsteht, ist es Ziel von Ausdauersportlern, die aeroben Prozesse so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Begrenzt werden diese von der Sauerstoff-Transportfähigkeit des Blutes. Hier hat Wiggins bessere Werte im Vergleich mit vielen Konkurrenten.

Saufen nach dem Olympiasieg

Als Vaughters dies aus Wiggins Leistungsdaten ablas, überredete er ihn, sich nicht mehr auf den Bahnradsport, sondern auf Straßenrennen zu konzentrieren. "Die Leute vergessen, dass er nicht aus dem Nichts kam. 2005 gewann er schon eine Bergetappe bei der Tour de l'Avenir. Das Potential war erkennbar", sagt Vaughters.

Dieser Sieg damals war umso beeindruckender, wenn man bedenkt, was Wiggins jetzt bei der Tour gestand: "Ich hatte bei Olympia in Athen 2004 alles erreicht. Ich stürzte ab. Mir blieb nur noch das Bier. Sechs Stunden am Tag, eine Flasche nach der anderen, fast ein ganzes Jahr." Wiggins wurde nach seiner olympischen Goldmedaille in der Einzelverfolgung Alkoholiker, fing sich aber wieder.

Nach zwei weiteren Olympiasiegen in der Einzel- und Mannschaftsverfolgung 2008 in Peking überredete Vaughters Wiggins zum Training in den Bergen. Der lernte klettern und baute Gewicht ab. "Ich fuhr einige Zeit mit nur vier Prozent Körperfett. Das ist grenzwertig", gibt Wiggins heute zu. Aber er war schon damals in guter Form, hielt bei der Tour 2009 mit Armstrong auf dem Weg zum Mont Ventoux mit und wurde am Ende Gesamtvierter.

Nach zwei Seuchenjahren mit Stürzen und Verletzungen leitete der letzte große Crash, ein Schlüsselbeinbruch bei der Tour 2011, eine weitere Wende in Wiggins' Karriere ein. "Brad hat viel aus den Stürzen gelernt und sein Training umgestellt. Im Winter ging er in den Kraftraum. Er legte sich Muskeln zu, um auch bei den ganz steilen Anstiegen mithalten zu können", sagt Sean Yates, sportlicher Leiter vom Team Sky.

Wiggins' einziger möglicher Schwachpunkt: Niemand weiß derzeit, wie gut er dreiwöchige Rennen durchhält. Nicht einmal er selbst. "Die Tour ist lang. Jeden Tag kann etwas passieren. Und Cadel Evans ist ein hartnäckiger Verfolger", sagte Wiggins SPIEGEL ONLINE. Kann er das Gelbe Trikot bis zur vorletzten Etappe verteidigen, wird er die Tour wohl auch gewinnen. Dann nämlich steht das zweite Zeitfahren an - und in dieser Disziplin ist Wiggins derzeit kaum zu schlagen.

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Tour de France: Wiggins fliegt nach Besançon

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99. Frankreich-Rundfahrt: Die Etappensieger der Tour 2012

Die Sieger der Tour de France
Jahr Sieger Land
2014 Vincenzo Nibali Italien
2013 Chris Froome Großbritannien
2012 Bradley Wiggins Großbritannien
2011 Cadel Evans Australien
2010 Andy Schleck Luxemburg
2009 Alberto Contador Spanien
2008 Carlos Sastre Spanien
2007 Alberto Contador Spanien
2006 Óscar Pereiro Spanien
2005 Lance Armstrong* USA
2004 Lance Armstrong* USA
2003 Lance Armstrong* USA
2002 Lance Armstrong* USA
2001 Lance Armstrong* USA
2000 Lance Armstrong * USA
*Aberkannt