Geraint Thomas vor Tour-de-France-Sieg Die Ablösung

Sky-Profi Geraint Thomas wird die Tour de France gewinnen. Ein Fahrer, den jeder mag - von einem Team, das so viele hassen.

Geraint Thomas
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Geraint Thomas

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Der Zufall hat im Leistungssport nichts verloren, er ist der Feind der Trainer, der Athleten, und doch steht am Anfang vieler Superstarkarrieren diese eine kleine Begebenheit, die alles in die Bahn lenkte.

Bei Franz Beckenbauer war es der Junge von 1860 München, der ihm im Kindesalter eine Ohrfeige verpasste, weswegen Beckenbauer lieber zum FC Bayern als zu den Löwen ging. Bei Geraint Thomas war es das frühe Schwimmtraining, auf das er keine Lust hatte.

Der Waliser, inzwischen 32 Jahre alt, war als Kind ein guter Schwimmer. Irgendwann sollte er zusätzlich zum Nachmittagstraining schon vor der Schule ins Becken. "Ohne mich", sagte Thomas. Er konzentrierte sich aufs Radfahren, keine ganz falsche Entscheidung: Am Sonntag wird er die Tour de France gewinnen. Thomas führt in der Gesamtwertung vor dem Niederländer Tom Dumoulin und dem Briten Christopher Froome. Im finalen Einzelzeitfahren hielt er die Konkurrenten auf Abstand. Da auf der letzten Etappe in Paris nicht mehr attackiert wird, hat Thomas den Triumph sicher.

"In dem Moment, in dem ich heute über Funk hörte, dass ich die Tour gewonnen habe, war es völlig verrückt", sagte Thomas. Das letzte Mal habe er bei seiner Hochzeit geweint, jetzt war es wieder soweit. "G", so sein Spitzname, freute sich - und die gesamte Szene freute sich mit. Der Mann aus Cardiff wird geschätzt für seinen Humor und seine zurückhaltende Art. Es ist schwierig, Fotos zu finden, auf denen er nicht schmunzelt.

Und das, obwohl drei Wochen hinter ihm liegen, die zum Härtesten gehören, was der Profisport zu bieten hat. Thomas saß bei dieser Tour bisher 80 Stunden, 30 Minuten und 37 Sekunden im Sattel, der Letzte noch mehr als viereinhalb Stunden länger. Seit 2010 fährt er für das britische Team Sky, seit Jahren die dominante Mannschaft im Feld. In keinem anderen Team hat man bessere Chancen, die Tour zu gewinnen. In keinem anderen Team ist es härter, die Tour zu fahren. Nur auf den ersten Blick ein Widerspruch.

Seit 2011 schaffte es nur Astana mit Vincenzo Nibali im Jahr 2014, die Dominanz zu durchbrechen. Die anderen Male triumphierte am Ende Sky mit Bradley Wiggins (2012), Christopher Froome (2013, 2015, 2016, 2017) und jetzt mit Thomas. Sky kauft für seine Siegfahrer die besten Helfer und ist taktisch enorm diszipliniert. Das bringt viel Erfolg, aber wenig Liebe bei den Fans. Die Mannschaft kontrolliert die Tour so souverän, dass viele Fans inzwischen gelangweilt sind.

Froome (l.) und Thomas
AFP

Froome (l.) und Thomas

Hinzu kommt, dass Froome seit Jahren mit Dopingvorwürfen konfrontiert wird. Aus einem eher durchschnittlichen Profi wurde bei Sky ein Fahrer, der bei den großen Rundfahrten gewinnen konnte. Unbestritten ist, dass der britische Rennstall mit Abstand am meisten trainingswissenschaftlichen Aufwand betreibt. Dass das allein die Erfolge erklärt, wollen viele aber nicht glauben, schon 2015 wurde Froome von Zuschauern mit gefüllten Urinbechern beworfen. In diesem Jahr hatte er erst mit einem Husarenritt den Giro d'Italia gewonnen, dann wurde er in seinem Salbutamol-Fall auf den letzten Drücker vor Tour-Beginn vom Dopingverdacht freigesprochen. Doch die Begründung von Radsportweltverband und Welt-Antidopingagentur war intransparent.

Für Sky wurde es in Frankreich sehr unangenehm, Fahrer und Team-Mitglieder wurden ausgebuht und beworfen, Froome sogar bespuckt. Thomas wurde nicht verschont, auf ihm ruht aber nicht nur sportlich viel Hoffnung. Sein Image ist unbelastet, soweit man das für einen Tour-Sieger sagen kann. Er hat sich schon mehrfach öffentlich dafür stark gemacht, medizinische Ausnahmeregelungen, wie sie etwa Froome für sein Asthmamittel hat, abzuschaffen. "Es mag unfair sein, aber wenn man schwer erkrankt ist, ist man vielleicht einfach nicht für solch einen Hochleistungssport gemacht. Ohne die Ausnahmeregelungen hätten wir diese Grauzonen nicht mehr", sagte er der BBC.

Besonders viel Hass bekam Froome in diesem Jahr in den 21 Kehren des Anstiegs von Le Bourg-d'Oisans bei der Bergankunft von Alpe d'Huez ab. Es war der Tag, als klar wurde, dass er wohl nicht zum fünften Mal die Tour würde gewinnen können, als auch klar wurde, dass Thomas, der Helfer, inzwischen der deutlich stärkere Fahrer ist.

Sein Mund stand offen vor Anstrengung, das Trikot flatterte am dürren Körper, die Augen verschwanden hinter dunklen Brillengläsern, als er zum Sieg bei der Königsetappe fuhr. "Alpe d'Huez, Mann. Ich bin sprachlos", sagte er anschließend. Dann schob er nach: "Ich fahre immer noch für Froomey. Er ist eine Legende, wahrscheinlich der Beste der Geschichte."

Aber eben nicht der Beste bei dieser Tour de France. Ohne es offen auszusprechen, fand bei Sky mal wieder eine Wachablösung statt. Die Stimmung litt anscheinend nicht darunter. Die Anfeindungen von außen sorgten für eine Wagenburgmentalität im Team, Froome und Thomas sind seit gemeinsamen Zeiten beim Team Barloworld ohnehin "gute Kumpel", glaubt man dem Waliser.

Froome und Wiggins 2012
Getty Images

Froome und Wiggins 2012

Froome war früher zunächst selbst jahrelang Helfer für Wiggins gewesen, Thomas fuhr 2013, 2015 und 2016 für Froome, auch im Vorjahr. Damals hatte er das Auftaktzeitfahren in Düsseldorf gewonnen und das Gelbe Trikot drei Tage lang verteidigt. Schon da schien er Froome zumindest ebenbürtig. Nach der neunten Etappe musste Thomas mit einem Schlüsselbeinbruch aussteigen. Sky war so stark besetzt, dass das Team auch ohne Thomas Froome zum Sieg verhalf. Thomas sagte später, im nächsten Jahr sei es soweit, als Backup-Klassementfahrer zur Tour zu fahren, mit dem Vorhaben, die erste Woche "auf sich zu achten und nicht nur auf Froomey". So kam es.

Inzwischen ist Froome 33, Thomas aber auch schon 32. Ein paar gute Jahre bleiben ihm noch, um sein enormes Talent in weitere große Titel umzumünzen.

Thomas selbst glaubt, dass er länger durchhalten wird, als viele seiner Konkurrenten. Er war vor und teilweise noch parallel zu seiner Karriere als Straßenrennfahrer sehr erfolgreich im Bahnradsport, gewann mit der Mannschaft Gold bei den Olympischen Spielen in Peking und London. Auch dafür hat er sich geschunden, aber kein Vergleich zu den großen Rundfahrten. "Ich habe nicht so viele harte Jahre auf der Straße hinter mir wie die meisten in meinem Alter", sagte er mal der Zeitschrift "rouleur".

Wenn Thomas mal an dem Punkt angekommen ist, an dem Froome sich gerade befindet, wird der nächste Fahrer schon parat stehen. Der 21 Jahre junge Kolumbianer Egan Bernal gilt als eines der größten Talente des Radsports. Er fährt, na klar, für Sky. Bei seiner ersten Tour liegt auf Platz 15 und ist zweitbester Jungprofi. Sky-Teamchef Dave Brailsford sagte dem "Guardian": "Meine Aufgabe ist es, zwei oder drei Jahre im Voraus zu planen. Bernal ist unsere Zukunft, ich habe jetzt schon die Mannschaft beisammen, die ich in drei Jahren haben will." Für die anderen Teams muss das wie eine Drohung klingen.

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insgesamt 5 Beiträge
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marthaimschnee 29.07.2018
1. Taktik!
Ich denke, es ist eine rein taktische Entscheidung, daß Froome die Tour dieses Jahr nicht gewinnt. Die Einzelleistung beim Giro auf der vorletzten Etappe war vielen schon wieder viel zu suspekt und die Reaktion der Zuschauer hatte man so vermutlich auch nicht erwartet. Dazu die "och, wir stellen die Ermittlungen mal einfach ein" Reaktion auf den Salbutamol Vorfall. Nee, wenn Froome die Tour gewonnen hätte, hätte ihm doch keine abgekauft, daß das regulär war. Und die Vuelta steht ja auch noch aus, wobei anzumerken ist, daß schon zwei Siege bei den großen 3 in einem Jahr als sehr verdächtig gelten. Sky konnte es sich schlicht nicht leisten, daß er die Tour gewinnt und sie haben Glück, daß sie mehr als nur einen Siegkandidaten in ihren Reihen haben. Und daß sie nicht in die Verlegenheit gekommen sind, daß der Kapitän für einen seiner Malocher hätte arbeiten müssen. Das soll die Leistung von Thomas nicht herabwürdigen, aber ich denke Fromme ist absichtlich nicht bis an die Grenze gegangen. Zumal er sich durchaus auf eine Stallorder hätte berufen können, ihm ging es mit Wiggins vor einigen Jahren schließlich genau so, er war besser, durfte aber nicht. Da Dumoulin ihm aber noch den Gefallen getan hat, vorbei zu gehen, stellte sich die Frage für ihn zum Glück nicht mehr, er hätte der Mannschaft damit ja den Sieg gekostet.
steingärtner 29.07.2018
2. Wenn etwas zu schön ist um wahr zu sein
Dann ist es auch nicht wahr. Thomas gab im Ziel Interviews und sah dabei immer aus, als ob er gerade aus seinem Büro kommt. Aller schwerste Etappen, aber keinerlei Leiden im Gesicht. Nun ja. Und das Froome nicht gewinnt, halte ich eher für eine "politische" als für eine sportliche Entscheidung. Kann aber auch alles ganz anders sein. Oder das Gegenteil davon.
peter-11 29.07.2018
3. Sehr verdient
G. Thomas hat den Toursieg eigentlich T Dumoulin zu verdanken. Er selbst hat C. Frome nie attackiert, sondern hat "nur" auf die Angriffe von Dumoulin reagiert und dann auch auf den letzten Metern geschlagen. Das erkennt man auch an seinen Bonifikationen. Natürlich spielten dann auch die Schwächen von C. Frome die entscheidende Rolle, aber er ist (wie wohl vereinbart) immer Helfer von seinem Kapitän geblieben. Das unterstreicht noch mehr seine diesjährige Stärke, denn er hätte die Tour mit größerem Abstand gewinnen können. Sogar den Zeitfahrsieg wollte er C. Frome überlassen, 14 Sek. verliert er bei aller Vorsicht auf dem letzten Abschnitt normal nicht. Glückwunsch und alle Hochachtung.
uzsjgb 29.07.2018
4. Verschwörungstheorien
Warum kann man nicht akzeptieren, dass ein Fahrer besser war, als der andere? Das ist einfachste und naheliegendste Erklärung. Warum muss man sich stattdessen abstruse Verschwörungstheorien ausdenken? Es ist doch albern an die Unbesiegbarkeit von Froome zu glauben. Weder Sky noch Froome hätten einen Grund auf den Sieg zu verzichten. Froome wurde freigesprochen, warum sollte er Rücksicht auf uneinsichtige Leute nehmen, die diese Tatsachen nicht akzeptieren? Macht keinen Sinn, vor allem widerspricht es dem gesamten Verhalten des Sky-Teams in dieser Sache. Viel sinnvoller wäre es doch dann gewesen auf den Giro zu verzichten, als es noch keinen Freispruch gab. Und dann auch noch anzunehmen Froome würde während der Anstiege auch noch schauspielern, um sein Leiden zu faken. Und dann auch noch anzunehmen Froome würde Dumoulin den zweiten Platz schenken. Also, an dieser Verschwörungstheorie muss noch dringend gearbeitet werden, da sind so viele Logiklücken.
Prussia Culé 29.07.2018
5.
Zitat von steingärtnerDann ist es auch nicht wahr. Thomas gab im Ziel Interviews und sah dabei immer aus, als ob er gerade aus seinem Büro kommt. Aller schwerste Etappen, aber keinerlei Leiden im Gesicht. Nun ja. Und das Froome nicht gewinnt, halte ich eher für eine "politische" als für eine sportliche Entscheidung. Kann aber auch alles ganz anders sein. Oder das Gegenteil davon.
Das konnte man auch bei anderen Fahrern sehen. Die Interviews werden ja auch nicht sofort geführt, sondern nachdem die Fahrer kurz mit einem Waschlappen abgewaschen wurden und sie Zeit hatten wieder zur Ruhe zu kommen. Das geht bei Leistungssportlern ja auch schneller als bei Amateuren oder Hobbysportlern.
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