18. Etappe der Tour de France: "Sie spielen mit unserem Leben"

Aus Chorges berichtet

Gesamtführender Froome: Kein Freund der 18. Etappe Zur Großansicht
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Gesamtführender Froome: Kein Freund der 18. Etappe

Gleich zweimal müssen die Radfahrer bei der Königsetappe der Tour de France nach Alpe d'Huez hinaufstrampeln, dazwischen eine waghalsige Abfahrt überstehen. Tony Martin und Andy Schleck sehen ihr Leben in Gefahr - doch Streckenchef Jean-François Pescheux lässt die Kritik nicht gelten.

"Bonne anniversaire, le Tour!" steht auf den blau-rot-weißen Plakaten an der Strecke der Tour de France geschrieben, "herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Tour!". 100 Jahre wird die Rundfahrt durch Frankreich in diesem Jahr, drei Wochen lang feiern Sportler, Organisatoren und Zuschauer ein großes Fest im ganzen Land, jeden Tag an einem anderen Ort.

Damit dieses unvergesslich wird, haben sich die Veranstalter ein ganz besonderes Unterhaltungsprogramm erdacht: Zu Beginn drei Etappen auf der Insel Korsika, das gab es noch nie. Und nun, am 18. Juli, gleich zwei Anstiege auf die legendäre Alpe d'Huez. Auch das gab es noch nie.

Doch nicht jeder freut sich über diese Attraktion fürs Publikum. "Das ist absolut verantwortungslos von der Tour-Organisation. Sie spielen mit unserem Leben", sagte etwa Tony Martin vor einigen Tagen.

Der Zeitfahrweltmeister bekommt Bauchschmerzen beim Gedanken an die waghalsige Abfahrt herunter vom 1999 Meter hohen Col de la Serenne, die für den zweiten Anstieg nach Alpe d'Huez überstanden werden muss. "Ich kenne keine Abfahrt mit diesem Gefahrenpotential. Ich hätte kein Problem, die Sache ruhiger angehen zu lassen und nur darauf zu achten, nicht aus dem Zeitlimit zu fallen. Mein Leben ist mir lieber", sagte Martin.

"Der Doppelaufstieg ist nicht verrückt"

Verantwortlich für die Streckenführung ist Jean-François Pescheux. Für den eigentlichen Tour-Chef Christian Prudhomme ist der sportliche Leiter Pescheux gar "Monsieur le Tour". Der möchte sich seine große Jubiläumsfeier von niemandem schlecht reden lassen. Auf die Fahrerkritik angesprochen sagt er: "Die Abfahrt von Alpe D'Huez ist nicht verrückt. Die Straße ist, ähnlich wie beim Bergzeitfahren vom Mittwoch, eine befestigte Teerstraße, auf der täglich Autos fahren. Wenn nicht einmal mehr das für die Fahrer geht, wäre das das Ende der Tour."

Pescheux weist die Vorwürfe von sich, dass die diesjährige Streckenführung, insbesondere der 18. Etappe, zu Lasten der Sicherheit der Sportler gehe: "Beschwert haben sich doch diejenigen, die ohnehin nicht gern bergab fahren. Tony Martin und Andy Schleck sind schlechte Abfahrer. Alberto Contador mag zum Beispiel keinen Wind oder lange flache Abschnitte. Und Christopher Froome hat zwar gesagt, die Abfahrt sei schwierig, aber er hat Angst dort attackiert zu werden."

Neben Martin hatte der Luxemburger Schleck die Gefahren am Col de la Serenne moniert: "Da kannst du 500 Meter tief fallen, wenn du stürzen solltest. Wir waren schockiert, als wir die Strecke inspizierten. Das ist nicht zu akzeptieren."

Beim Giro d'Italia brachten Proteste Erfolg

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Radprofis über die Etappenverläufe von großen Rundfahrten beschweren, manches Mal hatten sie damit sogar Erfolg. So hatten die Verantwortlichen des Giro d'Italia vor zwei Jahren auf Proteste reagiert und die Abfahrt vom Monte Crostis gestrichen. Wenige Tage zuvor war der Belgier Wouter Weylandt auf einer anderen Abfahrt tödlich verunglückt. Doch die Tour ist die Tour, und Pescheux wird sich wohl hüten, ausgerechnet an ihrem 100. Geburtstag auf ein Spektakel zu verzichten. Gerüchte vom Mittwochnachmittag, man wolle die Abfahrt bei Regen streichen und nur einmal nach Alpe d'Huez hochfahren, dementierten die Veranstalter zügig.

"Vielleicht muss erst etwas passieren, damit sie merken, dass das verantwortungslos ist", sagt Martin. Das wäre Pescheux dann allerdings auch nicht recht: "Natürlich habe ich immer Angst, dass etwas passiert", sagt er. "Auch auf der Königsetappe wird es Momente geben, die mich nervös machen. Aber auf jeder Abfahrt können Fahrer stürzen, das lässt sich nicht verhindern."

Gemeinsam mit Prudhomme ist er der Ansicht, dass die Tour-Verantwortlichen schon vernünftiger geworden seien. "Es gibt weniger heftige Bergetappen als früher", sagte der Tour-Chef der "Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag". Doch es sei schwer, heutzutage das Interesse der Menschen zu wecken. Man müsse ihnen "Spezielles bieten, immerfort".

Erst recht, wenn die Party einem jeden in Erinnerung bleiben soll.

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insgesamt 73 Beiträge
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    Seite 1    
1. 100 Jahre
dasbeau 18.07.2013
"100 Jahre wird die Rundfahrt durch Frankreich in diesem Jahr" - nicht ganz richtig. Es ist die 100. Tour, da sie 1903 erstmals stattfand, wird sie 110. kleiner Unterschied.
2. 2 Fliegen mit einer Klappe....
NuclearSavety 18.07.2013
...auf einer Etappe 3 mal nach Alpe D'Huez hoch, und jeden der das ohne Herzkasper schafft wegen Doping sperren ....
3. Vielleicht
michlauslöneberga 18.07.2013
Zitat von sysopGleich zweimal müssen die Radfahrer bei der Königsetappe der Tour de France nach Alpe d'Huez hinauf strampeln, dazwischen eine waghalsige Abfahrt überstehen. Tony Martin und Andy Schleck sehen ihr Leben in Gefahr - doch Streckenchef Jean-François Pescheux lässt die Kritik nicht gelten. Tour de France: Fahrer kritisieren Alpe d'Huez-Etappe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/tour-de-france-fahrer-kritisieren-alpe-d-huez-etappe-a-911710.html)
sollte hier mal die Gier nach immer neuen und schwereren Strecken und Sensationen hinter der Sorge um die Gesundheit der Akteure zurücktreten. Zwei mal Alpe D´Huez hoch ist im Vergleich zu den großen Alpenpässen durchaus machbar, aber die Abfahrt vom Col de la Serenne ist für ein Rennen zu heftig, vor allem sind große Teile der Strecke unabsicherbar.n Das mus nicht sein. Und noch eine Bitte an alle potentiellen Verfasser ganz doll geistreicher Kommentare des Inhaltes "...radelnde Apotheken..." oder "...Leistungsschau der pharmazeutischen Industrie...": Bitte verschont uns doch wenigstens in diesem threat mit euren ewig gleichen geistigen Ergüssen. Danke!
4.
deus-Lo-vult 18.07.2013
Doping gefährdet das Leben um ein Vielfaches mehr!
5.
CaptainSubtext 18.07.2013
Zitat von deus-Lo-vultDoping gefährdet das Leben um ein Vielfaches mehr!
Na ja, dopen und lang leben ist der Normalfall. 500 Meter in Tiefe fallen und lange leben, eher nicht. Aber eigentlich erwarte ich von den Herren Profis auch ein bisschen Eigenverantwortung. Leute wie Tony Martin, die auf dieser Tour eh nichts mehr reissen koennen, sollen halt einfach aussteigen. Ein paar Interviews dazu in Sponsorenkutte und dann werden die auch kein Problem damit haben.
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Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt