Tour-Sprinter Fernando Gaviria Die Zukunft gehört einem Kolumbianer

Er fährt seine erste Tour de France und ist erst 23 - trotzdem hat Fernando Gaviria schon zwei von drei Flachetappen gewonnen. Der Kolumbianer dürfte die Massensprints in den kommenden Jahren dominieren.

Fernando Gaviria aus Kolumbien
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Fernando Gaviria aus Kolumbien

Von Eike Hagen Hoppmann


Wer Fernando Gaviria sieht, vermutet, dass er schon seit zehn Jahren bei den großen Rundfahrten dabei ist. Doch der Kolumbianer ist erst 23 Jahre alt und fährt gerade seine erste Tour de France. Bei der vierten Etappe am Dienstag kam Gaviria nach einem harten Finsh vor Weltmeister Peter Sagan und André Greipel ins Ziel. Die versammelte Sprint-Elite wurde erneut vom Neuling geschlagen.

Bei der diesjährigen Tour hat Gaviria zwei der drei Flachetappen gewonnen. Wäre er kurz vor dem Ziel der zweiten Etappe nicht gestürzt, hätte er auch dort gute Chancen auf den Tagessieg gehabt. Gaviria ist der bislang beste Sprinter der Tour - und das dürfte in den kommenden Jahren auch so bleiben.

Am Samstag hatte Gaviria bereits bei der Auftaktetappe der 105. Tour de France triumphiert. Damit ist er der erste Fahrer in der Geschichte der Frankreich-Rundfahrt, der seine allererste Etappe direkt gewinnen konnte. Und Gaviria schlüpfte anschließend als erst zweiter Kolumbianer überhaupt nach Victor Hugo Peña 2003 ins Gelbe Trikot. "Das ist etwas, wovon jeder Fahrer träumt", sagte Gaviria. Das Maillot Jaune war er zwar einen Tag später nach seinem Sturz schon wieder los, das dürfte er aber angesichts des bisherigen Tourverlaufs verschmerzen können.

Es gibt da ja auch noch die Chance auf ein anderes Trikot: Das Grüne Trikot des punktbesten Sprinters, auf das Weltmeister Peter Sagan in den vergangenen Jahren ein Dauerabonnement hatte. Der Slowake führt die Wertung zwar mit 143 Punkten an, Gaviria liegt aber nur vier Punkte dahinter. Im direkten Duell zog Sagan schon zweimal den Kürzeren. "Wir wissen, dass Peter einer der besten Fahrer im Peloton ist. Deshalb bin ich sehr glücklich, gegen ihn kämpfen zu können", sagt Gaviria.

Das Profil der fünften Etappe am Mittwoch (12.20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD und Eurosport) ist zwar welliger und damit nicht für alle Sprinter geeignet. Gaviria ist aber zuzutrauen, dass er auch hier um den Sieg mitfährt.

Eigentlich sollte das hügelige und bergige Terrain die Spezialität Gavirias sein, wenn man auf seine Nationalität schaut. Kolumbien ist normalerweise für seine kleinen und leichten Kletterer bekannt, die im Hochgebirge und nicht im Massensprint ihre Stärken haben. In den vergangenen Jahren waren das Nairo Quintana und Rigoberto Uran. Dann kam Gaviria. Er hat die Kraft eines Elefanten und ist schnell wie ein Falke, das hat sich auf den Zielgeraden der bisherigen Etappen gezeigt. Es überrascht deshalb nicht wirklich, dass er schon zweifacher Bahnradweltmeister war, bevor er auf die Straße wechselte.

Kittel wurde für Gaviria geopfert

Beim Giro d'Italia vor einem Jahr gelang ihm der Durchbruch in die Weltspitze. Er fügte sich allerdings nicht geräuschlos ein, sondern riss das bestehende Kräfteverhältnis bei Massensprints mit einem Presslufthammer ein: Bei seiner ersten Grand Tour überhaupt gewann Gaviria im Alter von 22 Jahren direkt vier Etappen und die Punktewertung. Von dieser Leistung, so schien es, war auch sein Team Quick-Step Floors überrascht, schließlich hatte man mit Marcel Kittel noch einen weiteren Weltklassesprinter in den eigenen Reihen, der bei der anschließenden Tour de France mit fünf Etappensiegen ebenfalls überzeugte.

Einer von beiden war über. Schließlich verlängerte man mit Gaviria und ließ Kittel zu Katusha-Alpecin ziehen. Diese Entscheidung kann man schon heute als richtig bewerten. Kittel zählt zwar noch immer zu den besten Sprintern der Welt und verpasste am ersten Tag der diesjährigen Tour als Dritter den Etappensieg nur knapp. Aber er ist inzwischen 30 Jahre alt - und damit sieben Jahre älter als Gaviria.

Der Wechsel von Kittel und Quick-Step Floors Entscheidung für Gaviria stehen beispielhaft für den bevorstehenden Generationswechsel im Sprintbereich. Mark Cavendish (33) und Greipel (35), zwei der besten Sprinter ihrer Generation, dürften ihre Karriere in absehbarer Zeit beenden. Von den verbliebenen Weltklassesprintern hat neben Kittel auch schon Alexander Kristoff (31) das 30. Lebensjahr hinter sich. Gaviria dürfte diese bald entstehende Lücke füllen, wenn er von schweren Verletzungen verschont bleibt. Er ist der Mann der Zukunft.

Aber auch schon jetzt, in der Gegenwart der Tour de France 2018, fährt Gaviria der Sprintkonkurrenz davon. Er lässt sie im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen.



insgesamt 2 Beiträge
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chense90 11.07.2018
1. Der erste? eher nicht ;-)
Am 1.7.1903 dürfte Maurice Garin der erste gewesen sein der seine erste Touretappe gewann
hooge789 11.07.2018
2. Kristallkugel
"Der Kolumbianer dürfte die Massensprints in den kommenden Jahren dominieren." Mit solchen Vorrausschauungen wäre ich vorsichtig. So unerwartet wie Gaviria aufgetaucht ist, kann jederzeit ein neuer junger Sprinter auftauchen. Im Radsport kommen im Moment viele neue Leute nach. Da kann viel passieren.
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