Tour de France: "Ich erwarte Polizeikontrollen und Razzien"

Der Radsport ist verseucht, systematisches Doping weit verbreitet. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt T-Mobile-Radboss Bob Stapleton, wie er des Problems Herr werden will, warum er an Dopingsünder Aldag festhält und wie sich die Tour de France in diesem Jahr ändern wird.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie überrascht, dass Matthias Kessler vom Team Astana gerade positiv auf Testosteron getestet wurde? Er hat T-Mobile zusammen mit Andreas Klöden im vergangenen Jahr verlassen, als klar wurde, dass es einen härteren Anti-Doping-Kurs geben würde.

Stapleton: (Pause) Schwer zu sagen, ob mich das wirklich überrascht hat. Lassen Sie es mich so sagen. Doping ist in diesem Sport so weit verbreitet, dass ich kaum überrascht bin über irgendeinen positiven Test.

Tour-Feld 2006: "Strikt kontrollieren, hart durchgreifen"
AFP

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SPIEGEL ONLINE: Sind die zahlreichen positiven Tests in diesen Tagen das beste Zeichen dafür, wie wenig ausgeprägt der Anti-Doping-Kurs vieler Teams immer noch ist?

Stapleton: Es braucht keine Zeichen mehr, das steht fest. Es gibt einige Teams, die dem Doping völlig gleichgültig gegenüberstehen. Manche tolerieren einfach, dass in ihrer Mannschaft offenkundig gedopt wird.

SPIEGEL ONLINE: Reden wir von Teams wie CSC, Discovery Channel oder Astana?

Stapleton: Wir reden in jedem Fall von zu vielen Mannschaften.

SPIEGEL ONLINE: Sie müssen mit diesen Teams in der Rennserie ProTour zusammenarbeiten.

Stapleton: Das ist unsere größte Herausforderung im Kampf gegen Doping. Immerhin, das Anti-Doping-Programm des Weltverbands UCI wird jetzt endlich umgesetzt und setzt die Teams stärker unter Druck. Aber es ist schon im Februar verabschiedet worden! Das waren vier Monate verschwendete Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Hilft es der Glaubwürdigkeit des Radsports, wenn kurz vor der Tour de France plötzlich reichlich Fahrer aus dem Verkehr gezogen werden?

Stapleton: Je mehr Druck auf den Radsport ausgeübt wird, umso besser. Was die Zuschauer, was die Sponsoren sehen wollen, ist ein echter Richtungswechsel, auch wenn es Schmerzen bereitet. Das muss natürlich nach der Tour weitergehen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Problem könnte sein, dass irgendwann keine Fahrer mehr da sind, um Rennen zu fahren.

Stapleton: Es gibt genug saubere Fahrer, keine Sorge. Es ist doch gut, wenn man sieht, wer übrig bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie hundertprozentig überzeugt, dass kein T-Mobile-Fahrer demnächst suspendiert werden muss?

Stapleton: Man kann in diesem Sport nicht hundertprozentig sicher sein. Deshalb kann ich nicht völlig ausschließen, dass es auch hier einen Fall geben könnte. Aber wir haben bei T-Mobile die härtesten Regeln gegen Doping im gesamten Sport, nicht nur im Radsport. Unsere Fahrer wissen, auf was sie sich einlassen.

SPIEGEL ONLINE: Was würde ein Dopingfall für Ihr Team bedeuten?

Stapleton: Das Wichtigste ist, dass wir unsere Regeln einhalten, dass wir strikt kontrollieren und auch hart durchgreifen, wenn etwas passieren sollte. Ich denke, das ist auch, was der Sponsor erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Nicht jeder hat verstanden, wie Sie bislang mit Dopingsündern bei T-Mobile umgegangen sind. Die Teamärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich wurden nach ihren Geständnissen suspendiert, den Fahrer Sergej Gontschar haben Sie jüngst wegen auffälliger Werte entlassen. Ihr Sportlicher Leiter Rolf Aldag ist hingegen weiterhin im Amt, obwohl dieser zugegeben hat, jahrelang gedopt zu haben. Ist das nicht inkonsequent?

Stapleton: Der Unterschied für mich war, dass Rolf viel dafür tun kann, dass sich dieser Sport ändert. Ich arbeite seit zehn Monaten eng mit zusammen, und ich halte ihn für glaubwürdig in seinem Willen und seiner Leidenschaft, diesen Sport zu ändern. Die Fahrer vertrauen ihm, er kennt die guten und die schlechten Seiten des Sports.

SPIEGEL ONLINE: Die dürften die Ärzte auch gut kennen.

Stapleton: Aber sie haben systematisches Doping organisiert und dafür gesorgt, dass eine ganze Reihe von Fahrern über eine längere Zeit mit den Mitteln versorgt wurden. Das ist eine ganz andere Ebene als ein Fahrer. Sie haben ihre Vertrauensposition massiv missbraucht. Sie wären gerade dafür verantwortlich gewesen, Doping aus dem Team herauszuhalten!

SPIEGEL ONLINE: Befürchten Sie bei Ihrem Festhalten an Aldag keine Probleme mit dem Tourveranstalter Amaury Sport Organisation (Aso), der klar gemacht hat, dass ein Sportlicher Leiter mit Dopingvergangenheit wie Bjarne Riis vom Rennstall CSC nicht bei der Tour erwünscht ist?

Stapleton: Ich denke, die Aso sollte sehr vorsichtig sein. Bei Bjarne ist es so, dass in seinem Team weiter gedopt wurde, als er Manager war: Ivan Basso, Tyler Hamilton und andere. Wenn die Aso jeden ausschließen will, der jemals des Dopings verdächtigt wurde, jemals suspendiert oder gesperrt wurde oder ein Geständnis abgelegt hat, dann wird es ganz schön leer. Das würde auch Leute einschließen, die für die Aso arbeiten. Die sogar bei Siegerehrungen auf dem Podium stehen. Es muss eine intelligente Trennlinie gezogen werden. Wer nur irgendwann einmal verdächtig war, sollte noch eine Chance bekommen; wer weiter Doping betrieben hat, darf nicht an den Start.

SPIEGEL ONLINE: Erwarten Sie, dass während der Tour härter als bisher auf Doping kontrolliert wird?

Stapleton: Es wird viel mehr als bisher getestet werden. Die Zahl der Bluttests, die von der UCI in den vergangenen Wochen durchgeführt wurde, ist dramatisch angestiegen, das wird sich bei der Tour fortsetzen, ob mitten in der Nacht oder früh am Morgen. Ich erwarte auch, dass es Polizeikontrollen und Razzien geben wird.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie, dass es die Tour überhaupt noch durch den Sport in die Schlagzeilen schaffen kann?

Stapleton: Die Tour wird für jeden etwas bieten. Es wird hoffentlich einiges ans Tageslicht kommen – und es ist ja schon höchst interessant, wer am Ende überhaupt an den Start gehen darf. Das könnte aber auch die sportlichen Aussichten dramatisch verändern. Es könnte ein sehr offenes Rennen ohne klare Favoriten werden. Eine solche Konstellation dürfte den Rennfans einiges bieten. Das wird eine Achterbahnfahrt für alle. SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine Klage gegen die Uniklinik Freiburg eingereicht, weil die alle Ärzte aus dem Sport abgezogen haben und Ihr Team weitgehend ohne medizinische Betreuung da stand. Sind Sie mittlerweile wieder versorgt?

Stapleton: Wir haben jetzt zwei Ärzte, die nichts mit Freiburg zu tun haben. Und wir haben Zusagen von zwei anderen Kliniken, dass Sie uns für den Rest der Saison betreuen. Aber wir suchen noch eine langfristige Lösung. Das wird aber wohl bis zum Ende des Jahres dauern. Wir haben übrigens nicht nur wegen des Dopings Probleme mit Freiburg.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Grund gibt es noch?

Stapleton: Die Freiburger Ärzte haben unsere Fahrer nicht richtig behandelt. Wir haben unseren Fahrer Michael Barry für die kommenden Rennen verloren, weil er an der Uniklinik eine falsche Diagnose bekam (eine verschleppte Lungenentzündung, die Red.).

SPIEGEL ONLINE: Ist es mittlerweile eigentlich genauso schwierig, saubere Sportmediziner zu finden wie saubere Fahrer?

Stapleton: Wir suchen nicht unbedingt Sportmediziner. Wir brauchen einfach gute Ärzte, gute Orthopäden. Wir wollen den Sport von der Medizin trennen. Es muss wieder eine Grenze zwischen diesen Bereichen geben.

Die Fragen stellte Jörg Schallenberg

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