Radprofi Fröhlinger "Die Verantwortung ist schon eine Last"

Wenn die Tour de France an diesem Samstag startet, ist die ARD nach dreijähriger Pause wieder dabei. Johannes Fröhlinger, Kapitän des ersten deutschen Profiteams seit den großen Skandalen, über Akzeptanz und die Last der Rechtfertigung.

Radsportler Fröhlinger: "Echten Zuspruch der Zuschauer gespürt"
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Radsportler Fröhlinger: "Echten Zuspruch der Zuschauer gespürt"

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SPIEGEL ONLINE: Herr Fröhlinger, Sie sind Kapitän des Giant-Alpecin-Teams, trotzdem werden Sie die Tour de France nur vom Sofa aus verfolgen. Sind Sie froh, dass die ARD die Rundfahrt in diesem Jahr wieder überträgt?

Johannes Fröhlinger: Wenn der deutsche Zuschauer in den kommenden Wochen nachmittags den Fernseher anmacht, ist die Chance groß, dass er dort Radsport sieht. Ich hoffe, dass die Akzeptanz dadurch weiter wächst.

SPIEGEL ONLINE: Seit den großen Doping-Skandalen ist ihr Rennstall erst der zweite mit deutscher Lizenz, der bei der Tour startet. Hat der Wiedereinstieg der ARD etwas damit zu tun?

Fröhlinger: Vermutlich schon. Gleichzeitig merken wir, dass sich wieder mehr Menschen für den Radsport interessieren. Bei der Bayern-Rundfahrt vor ein paar Wochen hat man an der Strecke echten Zuspruch der Zuschauer gespürt. Das war ein gutes Gefühl, eines, das wir Radsportler in Deutschland lange nicht mehr hatten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit 2007 Profi. Wie fühlten Sie sich in den vergangenen acht Jahren?

Fröhlinger: Das öffentliche Bild des Radprofis ist beschädigt. Daran ist der Sport mit seinen vielen Doping-Fällen selbst schuld und nicht ich persönlich. Aber wenn ich mich fremden Menschen auf einer Party vorstelle und wir auf den Beruf zu sprechen kommen, ist die erste Reaktion oft: "Ach ja, die Doper!" Das ist verletzend.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bei Gerolsteiner und Milram gefahren, den letzten großen Teams in Deutschland. Sind Sie dort noch mit dem "alten Radsport" in Berührung gekommen?

Fröhlinger: Im Nachhinein muss ich sagen, dass damals um mich herum schon Dinge vorgegangen sind. Aber bewusst habe ich nichts mitbekommen. Ein Jahr bevor ich meinen ersten Profivertrag bei Gerolsteiner unterschrieb, war der Fuentes-Skandal. Im Gegensatz zur Festina-Affäre 1998 ist danach einiges passiert, zum Beispiel wurde der Blutpass eingeführt. Trotzdem gab es auch in meiner Anfangszeit positive Dopingfälle, Stefan Schumacher und Bernhard Kohl wurden 2008 mit Cera erwischt. Heute bin ich 30 Jahre alt, aber damals war ich ein junger Fahrer, und auch ein junger Mensch. Vielleicht hätte ich was merken können, habe ich aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich seitdem geändert?

Fröhlinger: Es wird viel mehr zusammengearbeitet, in allen Bereichen. Die Teamleitung steht in ständigem Austausch mit den Betreuern und den Fahrern. Als Sportler habe ich jeden Tag Kontakt mit dem Teamtrainer, ich schicke ihm meine Leistungsdaten, damit er weiß, was ich treibe, wenn ich nicht beim Team bin. Früher kam man für ein einziges Trainingslager zusammen, ansonsten war jeder Fahrer für sich allein verantwortlich. Jetzt wird mehr Zeit und Geld in gemeinsame Einheiten investiert. Ich fahre nun seit fünf Jahren in diesem Team und konnte beobachten, wie wir uns dadurch sportlich weiterentwickelt haben.

SPIEGEL ONLINE: Durch mehr Kommunikation?

Fröhlinger: Ja. Wir sind mit vielen jungen Fahrern gestartet, die mit dieser engen Betreuung an die Intensität des Profisport herangeführt wurden. Als wir 2012 bei zum ersten Mal bei der Tour dabei waren, hatten wir noch eine Wildcard, ein Jahr später gewannen wir mit Marcel Kittel vier Etappen. Jetzt gehören wir zu den größten Mannschaften der Welt.

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SPIEGEL ONLINE: Wie nehmen Sie die generelle Stimmung und die Fahrweise im Peloton wahr?

Fröhlinger: Das Leistungsniveau ist in den vergangenen Jahren einheitlicher geworden. Es gibt nicht mehr so viele Ausreißer nach oben und auch die schwächeren Fahrer sind stärker, weil alle Teams wissenschaftlicher arbeiten. Man sprach im Radsport lange Zeit vom "Rennen der zwei Geschwindigkeiten", die Schnellen waren die Doper, die Langsamen die Sauberen. Die hatten nie eine Chance, das Spitzentempo zu erreichen. Mittlerweile fahren wir alle eine ähnliche Geschwindigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Der frühere Festina-Trainer Antoine Vayer behauptet allerdings, dass die Leistungswerte etwa von Christopher Froome unmenschlich seien.

Fröhlinger: Natürlich gibt es noch immer Verdachtsmomente. Aber ist es nicht schade, dass man im Radsport jede außergewöhnliche Leistung in Frage stellt, sie in anderen Sportarten aber feiert? Im Sport ist immer einer der Beste. Und wenn jemand wie Froome nie in einen Skandal verwickelt war oder positiv getestet wurde, ist es ihm gegenüber nicht fair, von Doping zu sprechen. Im normalen Rechtssystem heißt es ja auch: Im Zweifel für den Angeklagten.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für Alberto Contador, der zweifelsfrei überführt wurde?

Fröhlinger: Contador war mal gesperrt, aber er hat eine zweite Chance bekommen. Seitdem ist er nicht mehr auffällig geworden, also hat er das Recht, zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie passt das mit der Null-Toleranz-Regel zusammen, der sich Ihr Team verpflichtet hat?

Fröhlinger: Es geht dabei um die Gegenwart, darum, jetzt einen sauberen Radsport zu gewährleisten. Was war, können wir nicht mehr beeinflussen. Deshalb orientieren wir uns an den strengen Richtlinien der MPCC, der Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport. Deren Ethik-Code besagt unter anderem, dass Kortison-Injektionen nicht mal im Training zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Hadern Sie manchmal mit der Rechtfertigungsrolle, die Ihnen die Generation vor Ihnen aufgezwungen hat?

Fröhlinger: Es ist nicht schön, dass wir jungen Fahrer nie einfach nur Sportler sein dürfen. Wir sind immer auch eine Art Missionare für den Radsport, diese Verantwortung ist schon eine Last. Aber eine, die ich gern trage, wenn es sich am Ende für meine Sportart und die nachfolgenden Generationen auszahlt.



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Seite 1
proxomat 03.07.2015
1. Auch wenn bestimmt nicht gewollt, aber unglücklich ausgedrückt....
"Fröhlinger: Das Leistungsniveau ist in den vergangenen Jahren einheitlicher geworden. Es gibt nicht mehr so viele Ausreißer nach oben und auch die schwächeren Fahrer sind stärker, weil alle Teams wissenschaftlicher arbeiten. Man sprach im Radsport lange Zeit vom "Rennen der zwei Geschwindigkeiten", die Schnellen waren die Doper, die Langsamen die Sauberen. Die hatten nie eine Chance, das Spitzentempo zu erreichen. Mittlerweile fahren wir alle eine ähnliche Geschwindigkeit." Was heißt das jetzt? Wir fahren jetzt alle eine ähnliche Geschwindigkeit? Alle sind sauber oder die aktuellsten Dopingmethoden sind jetzt allen bekannt (und erschwinglich)?
MatthiasPetersbach 03.07.2015
2.
Um zu erkennen, daß die alle gedopt sind, muß man nur die "Leistungen" der Leute mal ansehen. Unter Doping verstehe ich im übrigen auch, wenn man zum Arzt geht, wenn man nicht krank ist.
cyoulater 03.07.2015
3. @MatthiasPetersbach
Ihre Welt haben Sie sich klein und überschaubar zurecht gezimmert. Da passt tumbes Bashing gut hinein. Die richtige Welt ist schon ein bisschen größer. Was für eine Überheblichkeit, die Leistung anderer kaputtpolemisieren zu wollen - nur weil der Beißreflex beim Thema Radsport halt so schön eingeübt ist.
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