Tour de France: Lance Armstrongs großer Bluff

Beim Aufstieg nach L'Alpe d'Huez fuhr Lance Armstrong die Konkurrenz in Grund und Boden. Danach erklärte der Etappensieger, wie er die Schwäche seines größten Widersachers ausgenutzt hatte.

L'Alpe d'Huez - Nach tagelangem Regenwetter lachte die Sonne am Lac de Bourget in Aix-les-Bains. Und Jan Ullrich lächelte zurück, als er sich kurz nach halb zehn Uhr am Dienstagmorgen für die schwere Bergetappe nach L'Alpe d'Huez einschrieb. Nichts hatte der kälteempfindliche Merdinger vor und auf der zehnten Tour-Etappe mehr gefürchtet als niedrige Temperaturen.

Sein großer Gegenspieler Lance Armstrong wirkte zum gleichen Zeitpunkt weniger entspannt. Mit zusammengekniffenen Lippen erschien der US-Postal-Kapitän zur Immatrikulation. Er nahm zwei Stufen auf einmal, als er die kleine Treppe zur Bühne hoch lief. Armstrong hatte sich sehr viel vorgenommen für diesen Tag.

"Schnell eine Etappe gewinnen"

Beim Abendbrot am Tag zuvor hatte der Texaner nämlich Mitleid mit seinen Mannschaftskameraden bekommen. "Ich habe auf die Jungs geschaut. Einer hat schon aufgeben müssen, ein weiterer ist krank, wieder ein anderer ist schon ein paar Mal gestürzt", erklärte Armstrong fast schon väterlich, "bei so viel Pech kam mir die Idee, dass wir schnell eine Etappe gewinnen müssen."

Auf dem 209 Kilometer langen Alpen-Teilstück über drei Berge der höchsten Kategorie nach L'Alpe d'Huez verbarg Armstrong seine Ambitionen lange Zeit allerdings meisterhaft. Der zweifache Tour-Sieger versteckte sich bei der Verfolgung der Ausreißer Laurent Roux (Jean Delatour) und Eladio Jiminez (Banesto) im Hauptfeld, während Team Telekom mit Andreas Klöden, Alexander Winokurow und Kevin Livingston für Jan Ullrich das Tempo diktierte.

"Eine Ehre hier zu gewinnen"

"Meine Fahrweise war ein Bluff", gab Armstrong später zu, "aber unser Team war auch gar nicht positioniert, um so wie Telekom arbeiten zu können. Deshalb sollten lieber die anderen arbeiten und leiden." Der 29-Jährige selbst hingegen ließ keinen Zweifel daran, dass er am Dienstag auf Etappensieg programmiert war.

Armstrong: Alles nur Bluff?
DPA

Armstrong: Alles nur Bluff?

Beim letzten Anstieg attackierte Armstrong und flog dann an allen vorbei zum Etappensieg. "L'Alpe d'Huez ist der berühmteste Anstieg im Radsport. Diese Etappe ist mythisch, und ich war entsprechend motiviert. Es ist eine Ehre, hier zu gewinnen", nannte Armstrong die Beweggründe für seinen sagenhaften Parforceritt, mit dem er sich auf Platz vier der Gesamtwertung schob.

Armstrong benennt Ullrichs Probleme

Das Problem seines größten anzunehmenden Konkurrenten hat Armstrong längst ausgemacht: "Jan Ullrich ist ein guter gleichmäßiger Kletterer, aber er mag nicht beschleunigen, und er mag es auch nicht, wenn beschleunigt wird." Nachdem er das Defizit Ullrichs klar angesprochen hatte, wendete der Amerikaner sich seiner nächsten, wenngleich auch nur vermeintlichen Sorge zu: dem Gesamtzweiten Andreij Kiwilew (Cofidis).

4:39 Minuten hatte Armstrong allein auf dem Weg nach L'Alpe d'Huez dem Kasachen abgenommen, dennoch war er sich danach nicht sicher, ob die Favoriten am Sonntag nicht einen "riesigen Fehler" begangen hatten, als sie Kiwilew hatten ziehen lassen: "Er ist ein verdammt guter Fahrer. Es wird schwer sein, ihn einzuholen."

Der nächste große Bluff

Doch nur wenige zweifeln daran, dass der Amerikaner bereits am Mittwoch beim selektiven Bergzeitfahren nach Chamrousse weiteren Boden gut machen wird. Auch wenn der Etappensieger unkte: "Vielleicht muss ich im Bergzeitfahren für den Sieg in L'Alpe d'Huez bezahlen und verliere Zeit. Härter als heute kann ich nicht fahren." Wahrscheinlicher erscheint, dass dies bereits der nächste große Bluff des Lance Armstrong gewesen ist.

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