Von Jan Reschke
Die Tour de France ist vorbei, das sportliche Geschehen analysiert, die ersten Schlüsse aus den aktuellen Dopingvergehen wurden gezogen. Jetzt ist es an der Zeit, dass auch die Medien Bilanz ziehen. Unter dem Strich muss bei ihnen eine schwarze Zahl erscheinen, sonst verschwindet die Tour wie der Giro d'Italia oder die Spanien-Rundfahrt Vuelta, die mittlerweile beide weitgehend von den Journalisten ignoriert werden, aus dem Programm. Der Radsport ist nicht mehr drei Wochen das beherrschende Thema des Sports, auch wenn ARD und ZDF in diesem Jahr wieder durchgehend Bilder der Etappen zeigten.
Bei der vergangenen Tour stiegen die Sender wegen des Dopingfalls Patrik Sinkewitz nach der neunten Etappe aus der Live-Berichterstattung aus. Einen Tag später griffen Sat.1 und Pro Sieben zu, Eurosport war sowieso bei der Stange geblieben. 2008 gab es wieder das gewohnte öffentlich-rechtliche Bild. Die Lizenz dafür wurde bereits vor den Dopingfällen im vergangenen Jahr gekauft - per anno für rund fünf Millionen Euro.
So viel Geld wird sicherlich nicht mehr fließen, wenn im September über die Zukunft des Radsport im deutschen TV entschieden wird. Dann beraten sich die Intendanten von ARD und ZDF, ob und zu welchem Preis der auslaufende Vertrag verlängert werden soll.
Übertragen wird wohl nur, wenn sich der Preis für die Rechte angemessen nach unten bewegt. Denn die Quoten waren im Vergleich zum Vorjahr durchweg schlechter. Die erste Tour-Woche wollten sich nur rund eine Million Zuschauer im Schnitt anschauen - trotz eines Stefan Schumacher im Gelben Trikot. 2005 waren es noch 2,5 Millionen, vor zwei Jahren immerhin knapp 1,4 Millionen. "Wir haben mit einem schwächeren Start gerechnet. Und wir rechnen auch damit, dass die Quoten in den Bergetappen wieder steigen", sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender nach der ersten Tour-Woche. Er sollte Recht bekommen, die erste Pyrenäen-Etappe lockte beim Zieleinlauf drei Millionen vor den Fernseher. Beim ZDF sprach man da von einer "zufriedenstellenden" Quote. Wohl nur angesichts der Umstände. War doch die Verhandlungsbasis bei Vertragsabschluss noch eine ganz andere. Auf dem Höhepunkt der Radsport-Begeisterung in Deutschland hatten teilweise mehr als neun Millionen TV-Zuschauer die Siege von Armstrong und Ulrich verfolgt.
Von der Entscheidung der Intendanten wird abhängen, welchen Stellenwert der Radsport in Deutschland zukünftig innehaben wird. Ohne TV-Übertragung wird die ohnehin schon schwierige Sponsorensuche der Rennställe nicht leichter. Noch während der Tour kündigten Saunier Duval und Barloworld ihren Rückzug an, Gerolsteiner hatte schon im Vorfeld das Engagement auslaufen lassen. Auch Crédit Agricole kämpft um seine Existenz.
Ein Teufelskreis: Sollte sich kein Sender finden, werden sich hierzulande kaum Sponsoren akquirieren lassen. Deutsche Radteams würden seltener in der internationalen Szene, was das Interesse der Medien noch weiter sinken lassen würde. Wenn ARD und ZDF nicht mehr berichten, käme höchstens noch Eurosport in Frage. SAT.1, das 2007 während der Doping-Affären eingesprungen war, hatte schon vor der Tour 2008 - im Falle eines erneuten Ausstieges der Öffentlich-Rechtlichen - wegen zu geringer Quoten dankend abgelehnt.
An dieses Szenario will Kai Rapp nicht denken: "Die diesjährige Tour de France hat gezeigt, dass durch ein hartes Regelwerk in Verbindung mit einem intelligenten Kontrollsystem der Elite-Radsport zu retten ist. Das Vertauen in ein strenges Vorgehen und somit die Eliminierung der unseriösen Gestalten im Radsport ist die Grundbedingung für den Einstieg neuer Sponsoren in Deutschland", sagt der Chef der Deutschland Tour SPIEGEL ONLINE.
Rapp nimmt zugleich die übertragenden Sender in die Pflicht: "Wichtig ist eine objektive Berichterstattung, die sich langsam davon löst, das Dopingproblem allein auf den Radsport zu reduzieren." Die hohen Verkaufszahlen der Fahrradindustrie hierzulande und die steigende Beteiligung an Breitensportveranstaltungen seien laut Rapp ein Hinweis dafür, dass das grundsätzliche Interesse am Radsport steigt. Als Beleg dafür verweist Rapp auf zwei neue Hauptsponsoren, die für die Deutschland Tour in diesem Jahr gefunden wurden.
Hoffnung macht Rapp auch Roman Bonnaire. Der ARD-Teamchef Radsport erklärte in einem Interview mit der "FAZ", dass nach alldem, was in den Jahren zuvor gewesen sei, die Tour sogar stärker begonnen hat, als gedacht und sprach von einer sehr ordentlichen Quote in den Bergen.
Dass der deutsche Markt wichtig ist, verdeutlicht auch das Ansinnen der Tour-Organisation Aso, ihre Rundfahrt 2010 unter Umständen in Düsseldorf beginnen zu lassen. Direktor Christian Prudhomme betont die Wichtigkeit immer wieder. Die Aso will sogar dem deutschen Rennstall Gerolsteiner helfen, einen neuen Sponsor für die kommende Saison zu finden.
Skepsis, dass die Tour de France irgendwann einmal ein Nischendasein im internationalen Sportkalender fristen wird, hat Prudhomme nicht. Seiner Meinung nach wird die Tour-Zukunft nur in den Medien düster gemalt. Sollte sich das Interesse - wider seiner Prognose - doch abkühlen, sind die Organisatoren emsig bemüht, neue Märkte zu erschließen, die bislang weitestgehend vom Dopingtrubel abgeschnitten waren. Der "taz" sagte Prudhomme: "Ich habe Bewerbungen aus Ländern wie Kanada, Japan, Estland, Katar und Ungarn, die den Tour-Start ausrichten wollen."
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