Von Lukas Rilke
Die lauernden Teams, die hoffnungsvollen Spitzenfahrer, die abenteuerlustigen Ausreißer - sie alle sahen schwarz bei dieser Tour de France. Es war das Schwarz der Dominanz, das Schwarz der Trikots vom Team Sky.
Die britische Mannschaft bestimmte das Tempo im Peloton, konterte Angriffe, verteidigte ihren Kapitän. So kam zum Schwarz ab der siebten Etappe auch noch Gelb hinzu: Das Gelbe Trikot, das Bradley Wiggins dank seiner Helfer auch auf der Champs-Elysées in Paris tragen wird, bei seiner Triumphfahrt zum Tour-Sieg 2012.
Damit ist das erklärte Hauptziel des im Februar 2009 gegründeten Rennstalls erreicht: Die von der milliardenschweren TV-Sendergruppe British Sky Broadcasting gesponserte Mannschaft wollte innerhalb von fünf Jahren nach der Gründung den ersten britischen Tour-de-France-Sieger hervorbringen.
Der Luxus, den sich Sky mit so viel Qualität im Team leistet, birgt auch Probleme. So gab es bei dieser Tour de France Momente, die zeigten, dass das Team Sky durchaus ein fragiles Gebilde ist. Als Christopher Froome auf der elften Etappe nach La Toussuire am Berg antrat, um den damals zweitplatzierten Vincenzo Nibali abzuhängen, konnte Wiggins nicht folgen. Per Teamorder wurde Froome zurückbeordert, der Brite gehorchte.
Viele Beobachter halten den in Kenia geborenen 27-Jährigen für den eigentlich stärksten Fahrer dieser Tour. Mit 3:21 Minuten Rückstand geht er als Zweiter auf die letzte Etappe, beim Einzelzeitfahren am Samstag hatte Froome 1:16 Minuten auf das Gelbe Trikot eingebüßt. Auch wenn er gegen die Uhr nicht ganz die Klasse von Wiggins hat, immer wieder machte er bei dieser Tour deutlich, dass er selbst zum Tour-Sieg taugt. Schwer vorstellbar, dass er sich im kommenden Jahr ein weiteres Mal unterordnen wird. "Wenn es Bergankünfte gibt, dann hoffe ich, dass Sky aufrichtig sein wird, und mir alle Teamkollegen mit derselben Loyalität zur Seite stehen werden, wie ich sie heute zeige", sagte Froome in La Toussuire.
"Wichtig, den Fahrern gegenüber ehrlich zu sein"
Auf dem letzten Teilabschnitt im Hochgebirge am Donnerstag war es wieder Froome, der die Konkurrenz stehen ließ - Wiggins inklusive. So auffällig winkend forderte er seinen Kapitän auf, ihm zu folgen, dass man sich sicher sein kann: Die Geste galt nicht nur Wiggins. Jeder sollte sehen, wer der Fittere von beiden ist.
"Wir sind sehr glücklich, zwei Fahrer wie Bradley und Chris in unserem Team zu haben", sagt Teamchef Dave Brailsford. "Es ist deutlich einfacher, mit zwei guten Fahrer umzugehen als mit zwei schlechten." Das Profil der 99. Tour habe Wiggins besser gelegen, er sei in den Bergen gut und beim Zeitfahren überragend gewesen - "deswegen haben wir an ihm als Spitzenfahrer festgehalten", so Brailsford. Wichtig sei vor allem, den Fahrern gegenüber ehrlich zu sein. "Dann ist das alles kein Problem." Das wird sich zeigen: Froomes Kontrakt läuft bis 2014, Wiggins steht bis Ende 2013 unter Vertrag.
Auch wenn es auf dem Rad immer wieder zu Machtkämpfen kommt, abseits der Piste herrscht im Team eine gute Stimmung. Wiggins dankte Froome nach dessen abgebrochenen Ausreißversuch via Twitter: "Großartiger Tag für Team Sky, die Jungs sind heute unglaublich gefahren und Chris Froome war ganz stark."
Auch Mark Cavendish wurde von Wiggins für eine entbehrungsreiche Rundfahrt belohnt. Der Sprintexperte und Vorjahresgewinner des Grünen Trikots rackerte unentwegt für seinen Kapitän. Auf der 18. Etappe gab Wiggins Cavendish grünes Licht für den Schlussangriff, Edvald Boasson Hagen führte seinen Teamkollegen daraufhin auf den letzten Kilometern zum Etappensieg. Hagen, in der Sprintwertung vor dem Schlusstag einen Platz hinter Cavendish auf Rang fünf, hatte sich zuvor in einer Ausreißergruppe verausgabt.
Das Prinzip des Gebens und Nehmens hat in diesem Jahr funktioniert. Es dürfte das letzte Mal gewesen sein.
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