Wiggins-Rennstall Sky: Ein Team, acht Kapitäne

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Der Sieg von Bradley Wiggins wird vor allem als Mannschaftsleistung in die Geschichte der Tour de France eingehen. Das mit viel Geld zusammengekaufte Team Sky dominierte das Peloton nach Belieben. Viele Top-Fahrer generieren aber auch Eifersüchteleien. Noch einmal wird das nicht gutgehen.

Tour-Team Sky: Es kann nur einen geben Fotos
AP

Die lauernden Teams, die hoffnungsvollen Spitzenfahrer, die abenteuerlustigen Ausreißer - sie alle sahen schwarz bei dieser Tour de France. Es war das Schwarz der Dominanz, das Schwarz der Trikots vom Team Sky.

Die britische Mannschaft bestimmte das Tempo im Peloton, konterte Angriffe, verteidigte ihren Kapitän. So kam zum Schwarz ab der siebten Etappe auch noch Gelb hinzu: Das Gelbe Trikot, das Bradley Wiggins dank seiner Helfer auch auf der Champs-Elysées in Paris tragen wird, bei seiner Triumphfahrt zum Tour-Sieg 2012.

Damit ist das erklärte Hauptziel des im Februar 2009 gegründeten Rennstalls erreicht: Die von der milliardenschweren TV-Sendergruppe British Sky Broadcasting gesponserte Mannschaft wollte innerhalb von fünf Jahren nach der Gründung den ersten britischen Tour-de-France-Sieger hervorbringen.

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Bradley Wiggins: Erster Brite ganz oben
Dabei wird Wiggins Erfolg vor allem als Mannschaftsleistung in die Tour-Geschichte eingehen. Anders als etwa Lance Armstrong, der bei seinen Teams US Postal und Discovery Channel als Superstar herausragte, seine Gegner etliche Male im Alleingang besiegte, war Wiggins ein Spitzenfahrer unter Spitzenfahrern. "Hier fahren acht Kapitäne für ihren einen großen Kapitän. Deswegen sind die so erfolgreich", sagte Liquigas-Fahrer Dominik Nerz.

Der Luxus, den sich Sky mit so viel Qualität im Team leistet, birgt auch Probleme. So gab es bei dieser Tour de France Momente, die zeigten, dass das Team Sky durchaus ein fragiles Gebilde ist. Als Christopher Froome auf der elften Etappe nach La Toussuire am Berg antrat, um den damals zweitplatzierten Vincenzo Nibali abzuhängen, konnte Wiggins nicht folgen. Per Teamorder wurde Froome zurückbeordert, der Brite gehorchte.

Viele Beobachter halten den in Kenia geborenen 27-Jährigen für den eigentlich stärksten Fahrer dieser Tour. Mit 3:21 Minuten Rückstand geht er als Zweiter auf die letzte Etappe, beim Einzelzeitfahren am Samstag hatte Froome 1:16 Minuten auf das Gelbe Trikot eingebüßt. Auch wenn er gegen die Uhr nicht ganz die Klasse von Wiggins hat, immer wieder machte er bei dieser Tour deutlich, dass er selbst zum Tour-Sieg taugt. Schwer vorstellbar, dass er sich im kommenden Jahr ein weiteres Mal unterordnen wird. "Wenn es Bergankünfte gibt, dann hoffe ich, dass Sky aufrichtig sein wird, und mir alle Teamkollegen mit derselben Loyalität zur Seite stehen werden, wie ich sie heute zeige", sagte Froome in La Toussuire.

"Wichtig, den Fahrern gegenüber ehrlich zu sein"

Auf dem letzten Teilabschnitt im Hochgebirge am Donnerstag war es wieder Froome, der die Konkurrenz stehen ließ - Wiggins inklusive. So auffällig winkend forderte er seinen Kapitän auf, ihm zu folgen, dass man sich sicher sein kann: Die Geste galt nicht nur Wiggins. Jeder sollte sehen, wer der Fittere von beiden ist.

"Wir sind sehr glücklich, zwei Fahrer wie Bradley und Chris in unserem Team zu haben", sagt Teamchef Dave Brailsford. "Es ist deutlich einfacher, mit zwei guten Fahrer umzugehen als mit zwei schlechten." Das Profil der 99. Tour habe Wiggins besser gelegen, er sei in den Bergen gut und beim Zeitfahren überragend gewesen - "deswegen haben wir an ihm als Spitzenfahrer festgehalten", so Brailsford. Wichtig sei vor allem, den Fahrern gegenüber ehrlich zu sein. "Dann ist das alles kein Problem." Das wird sich zeigen: Froomes Kontrakt läuft bis 2014, Wiggins steht bis Ende 2013 unter Vertrag.

Auch wenn es auf dem Rad immer wieder zu Machtkämpfen kommt, abseits der Piste herrscht im Team eine gute Stimmung. Wiggins dankte Froome nach dessen abgebrochenen Ausreißversuch via Twitter: "Großartiger Tag für Team Sky, die Jungs sind heute unglaublich gefahren und Chris Froome war ganz stark."

Auch Mark Cavendish wurde von Wiggins für eine entbehrungsreiche Rundfahrt belohnt. Der Sprintexperte und Vorjahresgewinner des Grünen Trikots rackerte unentwegt für seinen Kapitän. Auf der 18. Etappe gab Wiggins Cavendish grünes Licht für den Schlussangriff, Edvald Boasson Hagen führte seinen Teamkollegen daraufhin auf den letzten Kilometern zum Etappensieg. Hagen, in der Sprintwertung vor dem Schlusstag einen Platz hinter Cavendish auf Rang fünf, hatte sich zuvor in einer Ausreißergruppe verausgabt.

Das Prinzip des Gebens und Nehmens hat in diesem Jahr funktioniert. Es dürfte das letzte Mal gewesen sein.

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Forum - Die Tour de France - wer macht 2012 das Rennen?
insgesamt 406 Beiträge
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    Seite 1    
1. Vorfreude
spon-facebook-10000298787 30.06.2012
Ich freue mich schon riesieg auf die Tour. Aber ihr habt leider einige Favoriten außen vorgelassen wie z.B Samuel Sanchez, Robert Gesink oder Ivan Basso
2. Tour der Pharmazie
hahewo 30.06.2012
Diese Tour kann nur der gewinnen, der den besten Vertrag mit der Pharmaindustrie und deren Logistik hat. Das diesem Dopingspektakel immer noch soviel Raum in den Medien gegeben wird, ist schon verwunderlich.
3. Zu einer Rummelveranstaltung verkommen
Pollowitzer 30.06.2012
Dieser Sport ist leider schon lange nicht mehr ernst zu nehmen und er ist unglaubwürdig wie Rummelboxen - Wenn man sich das Alter einiger deutscher Teilnehmer ansieht dann geht automatisch die Dopingwarnlampe an - die pedalierenden Velogreise kommen doch ohne entsprechende Hilfsmittel weder über die Berge noch nach Paris. Die Aufmerksamkeit der Presse haben die nicht verdient - Ich glaube es wird garnichtmehr ernsthaft der Gebrauch von Doping kontrolliert - Brot und Spiele auf unterstem Niveau - leider!!!
4. Zustimmung
Ostwestfale 30.06.2012
Zitat von spon-facebook-10000298787Ich freue mich schon riesieg auf die Tour. Aber ihr habt leider einige Favoriten außen vorgelassen wie z.B Samuel Sanchez, Robert Gesink oder Ivan Basso
Ich freue mich auch, die drei Genannten zähle ich allerdings nicht zu den Favoriten, da diese Tour recht zeitfahrlastig ist und da sind Wiggins und Evans einfach zu stark, als dass ein Basso oder Sanchez das in den Bergen kompensieren könnte.Ich könnte mir deshalb sogar vorstellen, dass Klöden aufs Podium fährt. Wer die letzte Tour verfolgt hat, dem werden auch die tollen Entwicklungen nicht entgangen sein. Die Fahrer fahren endlich wieder wie "Menschen". Jeder Topfahrer hatte bei der letzten Tour einen schwachen Tag, was in einer dreiwöchigen Rundfahrt normal ist. Die Maximalwattzahlen, die die Fahrer in den Anstiegen treten sind stark zurückgegangen.Dass Jean-Christophe Peraud, Tourzehnter des vergangenen Jahres absolut sauber war gilt als ziemlich warscheinlich. Sein Blutbild war während der gesamten Tour öffentlich zugänglich und es gab keinerlei Auffälligkeiten.Aber so was ist natürlich keine Schlagzeile wert, denn Deutschland war noch nie ein Radsport-Land. Auch nicht zu Ullrichs Zeiten.Hier hat man sich noch nie für Details des interessiert. Völlig absurd finde ich, wenn in der Zusammenhang mit der Tour davon gesprochen sind, die Leistungen wören "übermenschlich" oder sonstwas. So nach dem Motto: Alles was ich nicht kann, kann auch kein Anderer. Da hat ein quasi nie im Training kontrollierter Usain Bolt nur 100 Meter läuft. Das kann ja jeder...
5.
LuisCortez 30.06.2012
Zitat von hahewoDiese Tour kann nur der gewinnen, der den besten Vertrag mit der Pharmaindustrie und deren Logistik hat. Das diesem Dopingspektakel immer noch soviel Raum in den Medien gegeben wird, ist schon verwunderlich.
So ist es. Sie haben die Situation erkannt. Ich als ehemaliger Roche Mitarbeiter kann bestätigen dass Roche um die 70 Mitarbeiter beschäftigt die sich um die besten Verträge und Logistik mit den "Sportlern" kümmert. Interessanterweise handelt es sich bei den Kunden nur um Radsportler. Was für ein Blödsinn!
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Jahr Sieger Land
2014 Vincenzo Nibali Italien
2013 Chris Froome Großbritannien
2012 Bradley Wiggins Großbritannien
2011 Cadel Evans Australien
2010 Andy Schleck Luxemburg
2009 Alberto Contador Spanien
2008 Carlos Sastre Spanien
2007 Alberto Contador Spanien
2006 Óscar Pereiro Spanien
2005 Lance Armstrong* USA
2004 Lance Armstrong* USA
2003 Lance Armstrong* USA
2002 Lance Armstrong* USA
2001 Lance Armstrong* USA
2000 Lance Armstrong * USA
*Aberkannt