Tour-Sieger Froome: Eine Frage des Glaubens

Aus Annecy-Semnoz berichtet

Der Brite Christopher Froome gewinnt die 100. Tour de France. Wegen seiner außergewöhnlichen Leistungen polarisiert er wie nur wenige Sieger zuvor. Vor allem der enorme Entwicklungssprung nach einer überstandenen Erkrankung wirft Fragen auf - und erinnert an einen sehr pikanten Fall.

Tour-Sieger Froome: Der Mann in Gelb Fotos
AP/dpa

Das ist er also, der Mann der Stunde, der Mann dieser Tour de France. Mit dem Hubschrauber ist Christopher Froome vom Ziel in Annecy-Semnoz zum Pressezentrum geflogen worden, doch sein Einzug in den Saal fällt wenig triumphal aus. Schmächtig und schüchtern kommt er in dem Gelben Trikot daher, es ist vielmehr, als trüge das dünne Maillot Jaune den dünnen Froome herum. Schief grinst der 28-Jährige unter seiner Schirmmütze hervor in die Kameras, er blinzelt unentwegt, wenn er versucht, Fragen auf Französisch zu beantworten.

Mit Sicherheit gab es charismatischere Sieger der Tour de France, die französische Legende Bernard Hinault etwa oder den Kotelettenträger Bradley Wiggins. Es gab auch dominantere Fahrer, die ihren geplanten Siegszug über drei Wochen offensiv vor sich herschoben, wie einstmals Lance Armstrong.

Doch es gab wohl selten einen Tour-Gewinner, der Zuschauer und Experten derart ratlos zurücklässt wie Christopher Froome. "Wenn er nicht dopt, ist er der großartigste Fahrer aller Zeiten", sagte etwa der prominente Radsport-Journalist Paul Kimmage der "Süddeutschen Zeitung", "denn was er diese Woche hier bei der Tour gezeigt hat, das hat es noch nie gegeben!" Was Kimmage meint: Froome erstrampelte sich den Tour-Sieg auf wenigen Etappen, während derer er eine so außergewöhnliche Leistung zeigte, dass sie sich physiologisch eigentlich nicht erklären lässt.

Ausgepfiffen von den Zuschauern

Den Grundstein legte der in Kenia geborene Brite auf der ersten Pyrenäen-Etappe. Kein anderer Fahrer konnte ihm folgen, Froome durfte das erste Mal das Gelbe Trikot überstreifen. Nur einen Tag später wollte sein ärgster Widersacher zurückschlagen, der Spanier Alberto Contador, doch Froome ließ sich nicht abschütteln. Nach dem zweiten Platz beim ersten Einzelzeitfahren fuhr Froome seinen nächsten großen Angriff am Mont Ventoux. Ungläubig verfolgten die Zuschauer, wie er erst Contador und dann den lange Zeit führenden Kolumbianer Nairo Quintana hinter sich ließ.

Einige von ihnen pfiffen Froome aus, sie glauben ihm nicht, und sie waren schlicht genervt vom Anblick seiner Übermacht. Sie fühlen sich durch die nähmaschinenartige Antritte Froomes an jene des Betrügers Armstrong erinnert. Vergleicht man die sportlichen Werdegänge der beiden, zeigen sich tatsächlich Parallelen: Armstrong gelang der Durchbruch im Radsport, nachdem er Anfang der neunziger Jahre eine Hodenkrebs-Erkrankung überstanden hatte.

Auch Froome war ein eher durchschnittlicher Fahrer, bevor bei ihm 2010 eine Bilharziose-Erkrankung festgestellt wurde. Seine Debüt-Tour hatte er 2008 auf dem 83. Platz beendet, zwei Jahre zuvor war er beim Giro d'Italia disqualifiziert worden, weil er sich von einem Fahrzeug hatte ziehen lassen.

18 Monate fiel Froome wegen des Parasitenbefalls aus - und kehrte wie Armstrong stärker zurück als je zuvor. Es sei genau da gewesen, bei der Vuelta 2011, als er gespürt habe: "Ich kann die Tour de France gewinnen", sagt er. 2012 fuhr er als Wiggins' Edelhelfer auf den zweiten Tour-Platz, viele trauten ihm schon da den Sieg zu, und in diesem Jahr bestand an seiner Überlegenheit nie ein Zweifel.

"Manche sind cleverer als andere"

Froome scheint diese Wandlung manchmal selbst etwas unheimlich zu sein, mehr noch: Er merkt, dass sie für Außenstehende unheimlich sein muss. So lässt er keine Möglichkeit aus, zu betonen, wie hart er für seinen Erfolg geschuftet habe, wie großartig sein Sky-Team für ihn arbeite und dass ein solch fulminanter Sieg wie auf dem Mont Ventoux vor allem auch wegen eines schwächelnden Kontrahenten möglich gewesen sei.

Es gibt etliche bekannte Gesichter in der Radsportszene, die sich starkmachen für Froome. Der Journalist David Walsh etwa oder Radprofi David Millar, die immer wieder betonen, dass der Brite sauber ist. Doch es gibt eben auch jene, die mit allen Mitteln das Gegenteil zu beweisen suchen.

Der Sportwissenschaftler Antoine Vayer etwa, der sagt, Froomes Wattzahlen am Berg seien "unmenschlich". Doch wie soll einer betrügen, wenn jeder Fahrer den obligatorischen Blutpass führen muss und regelmäßig überprüft wird? "Manche sind cleverer als andere", sagt Vayer, "und die Jungs von Sky sind eben sehr clever."

Gerüchte über eine neue Dopingsubstanz

Dave Brailsford ist der Chef des britischen Rennstalls, er tut viel, um die Leistungen seines Musterschülers Froome glaubwürdig zu machen. So kündigte er vor einer Woche an, die Leistungsdaten seiner Fahrer an die britische Anti-Doping-Agentur übermitteln zu wollen. Wenige Tage später, pünktlich zur Königsetappe am 18. Juli, erschien in der "L'Equipe" zudem ein Dossier zu Froome, für das Sky der französischen Sportzeitung nach eigener Aussage alle wichtigen Werte des Briten zur Verfügung stellte. Das schwammige Ergebnis: "keine Anomalien".

Es ist in der Geschichte des Radsports nicht das erste Mal, dass Aussage gegen Aussage steht. Oder vielmehr: Glaube gegen Glaube. Denn beweisen konnte bislang niemand etwas, weder die Seite Froomes noch dessen Gegner. Letztere behaupten, es gebe neue Drogen und Darreichungsformen, gegen die Dopingjäger noch kein Mittel hätten.

So kursiert in der Radsportszene das Gerücht, dass beim diesjährigen Giro eine neue Substanz zum Einsatz gekommen sei, das nicht zugelassene Peptidhormon Growth-arrest-specific gene-6, kurz Gas6. Es hat angeblich eine ähnliche Wirkung wie Epo und soll den Effekt des Hormons womöglich noch steigern. Der frühere Sky-Trainer Geert Leinders war an der Erforschung des Wirkstoffs beteiligt.

Froome, der zweite Sky-Sieger in Folge, sieht all diese Rankungen um seine Person recht gelassen. Er schiebt sie auf das Yellow Jersey, das Gelbe Trikot, das Skeptiker anziehe wie das Licht die Motten. Auch all das hat eigentlich nichts mit ihm zu tun, will er damit sagen. Es ist wohl nur die halbe Wahrheit.

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insgesamt 57 Beiträge
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1. Gestern 3mal Nachrichten geguckt...
derpolokolop 21.07.2013
...und 3 mal von TdF Tageszieg berichtet. Jedes mal aber kein einzigen Wort zum Open Championship Golf MAJOR!!! Traurig, wirklich traurig. Die Deutschen tun mir Leid wenn es kein Fussball EM oder WM Jahr ist. Ausser Fussball und TdF habt ihr gar nix!
2. Was?
pillorello 21.07.2013
Die Tour ist schon zu Ende?
3.
kv29 21.07.2013
Wenn man bedenkt, wer schon alles immer wieder beteuert hat er sei sauber und anschließend dann doch überführt wurde, dann ist es auch nicht verwunderlich dass man Froome nicht so recht glauben will und kann.
4. Das Maillot Jaune....
spon72 21.07.2013
....und kein Ende! Es gibt wohl kein vergleichbares Sportereignis als die Tour de France und wohl auch keinen vergleichbaren Kult um den Sieger. Eines vorneweg, selbst wenn es im aktuellen Radsport, genau wie in allen anderen Sportarten, immer noch flächendeckendes Doping geben sollte, ist es eine herausragende Leistung und erfordert trotzalledem knallhartes Training, über drei Wochen solch eine Leistung zu bringen. Aber gut, bevor hier wieder das Bashing gegen den härtesten Sport der Welt (vom Triathlon mal abgesehen) beginnt, ist es faszinierend zu beobachten, dass auch bei SPON nun endlich mal eine weibliche Journalistin das Thema beackern darf, zu Zeiten von Ullrich und Armstrong war dieser Sport eher den Alpha-Männchen in den Sportredaktionen dieser Republik vorbehalten. Ein Schelm wer schon deshalb vermutet, dass diese Sportart hierzulande völlig am Boden liegt. Nun denn, der große Favorit gewinnt die Tour de France 2013 und natürlich ist er, wie alle seine Vorgänger, gedopt gewesen. Natürlich mit einem Mittelchen, welches noch völlig unnachweisbar sein soll. Ich liebe Legenden, andererseits ist man als Fan dieser Sportart in den letzten Jahren schon etwas divergent geworden, schon wenn man weiß, was für Strapazen eine einzige Etappe auf dem Niveau der Tour bedeutet. Fakt ist jedoch, dass der Radsport allen anderen Sportarten im Kampf gegen Doping meilenweit voraus ist. Ja, eine Phrase, die manche nicht mehr hören können, die aber stimmt. Man stelle sich vor, Fußballer, Tennisspieler, Leichtathleten oder Golfspieler veröffentlichen ihre medizinischen Daten, werden früh um sechs während eines Wettkampfes von den "WADA-Vampiren" aus den Betten geholt und müssen bei PKs fast ausschließlich Fragen zu ihren Dopingpraktiken beantworten! Ein Sturm der Entrüstung würde auf alle Beteiligten herniederprasseln, man möge doch Messi, Murray oder Bolt endlich in Ruhe lassen, die seien schon sauber, weil Doping in ihren Sportarten nix bringt (und ob es das tut!). Aber der Sport ist immer ein Spiegel der Gesellschaft, diese ist geprägt von Naivität, Intoleranz und Unglaube an Dinge, die man selbst für undurchführbar hält. Jeder Couchpotatoe im Fußballshirt glaubt es besser und schneller machen zu können, als Schweinsteiger oder Gomez, aber nur weil er seinen Hintern nicht hochkriegt, um mal ein paar Kilometer anstatt mit seinem SUV mit dem Rad zu fahren, sind die Leistungen im Radsport nicht machbar. Ach ja, alle schauen auf Froome, ich persönlich finde die Leistung von Quintana eher zweifelhaft, schon weil Kolumbianer auch eine Dopingtradition haben und sich Kontrollen in ihrer Heimat leicht entziehen können. So, und jetzt Bahn frei für die Froome-Basher!
5. .
TS_Alien 21.07.2013
Wer glaubt noch einem Radprofi? Weniger erwischte Profisportler, egal in welcher Sportart, bedeuten mit Sicherheit eines: die Dopingmittel sind nicht mehr so leicht nachweisbar. Wie sieht es eigentlich mit verletzten Sportlern aus, werden die regelmäßig getestet oder fallen die aus dem Testprozedere heraus? Kurz vor großen Wettkämpfen (Leichtathletik-WM oder Fußball-EM bzw. -WM) sind einige der bekannten Sportler verletzt, so dass man um ihre Teilnahme bangen muss. Und dann sind sie doch noch rechtzeitig fit geworden. Zauberei? Wohl kaum.
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Fotostrecke
100. Tour de France: Merckx, Indurain, Ullrich

Rekordsieger der Tour de France
Sieger Land Titel Zeitraum
Lance Armstrong USA 7* 1999-2005
Miguel Indurain Spanien 5 1991-1995
Bernard Hinault Frankreich 5 1978-1985
Eddy Merckx Belgien 5 1969-1974
Jacques Anquetil Frankreich 5 1957-1964
Greg LeMond USA 3 1986-1990
Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt