Aus Annonay berichtet Jonathan Sachse
Die Konkurrenten haben es immerhin versucht. Cadel Evans attackierte auf der elften Etappe bei einem Anstieg bereits 60 Kilometer vor dem Ziel, in der folgenden Abfahrt versuchte der Italiener Vincenzo Nibali, sich abzusetzen. Weitere Angriffe folgten.
Die Königsetappe in den Alpen bot viel Unterhaltung. Doch zum großen Spektakel wurde sie nicht. Der Grund war relativ banal: Das Team Sky dominierte mit einer extremen Ruhe. Britisch-trocken fuhren sie ihr konstant hohes Tempo. Ein Tempo, bei dem jeder ausgerissene Konkurrent zwangsläufig wieder eingeholt - und in den meisten Fällen sogar überholt wird. Dazu gehörte auch Titelverteidiger Evans, der im Ziel fast eineinhalb Minuten Rückstand hatte.
"Cadel ist mental stark. Er kann einen Tag, wie diesen verkraften", sagte Tejay Van Garderen später im Ziel. Ohne seinen Teamkollegen hätte Evans wahrscheinlich deutlich mehr Zeit auf die Spitzengruppe verloren. Seine Attacke konterte der Sky-Zug mit einem hohen Tempo am Schlussanstieg. Die Beine des BMC-Profis konnten nicht mehr so, wie sie sollten. Die letzten 18 Kilometer wurden für den Australier zur Qual. Sein Teamkollege Van Garderen, bester Nachwuchsfahrer dieser Tour, hätte schneller fahren können. Doch er wartete, lieferte seinem Kapitän ein Tempo, dass er mithalten konnte.
Starker Froome bleibt die Nummer zwei bei Sky
Auch die anderen Edelhelfer standen in den Alpen mehrmals im Mittelpunkt, besonders im Team Sky. "Ich habe Bradley Wiggins zu Christopher Froome rufen hören: 'Fahr langsamer'", sagte Fränk Schleck am Tag nach der Etappe. Froome, der Zweitplatzierte in der Gesamtwertung, klettert schneller als sein Kapitän Wiggins, der Mann im Gelben Trikot. Kein Problem, sondern ein Vorteil, sagt Sky-Sportdirektor Sean Yates und betont: "Wiggins bleibt unsere Nummer eins."
Doch wie würde die Hierarchie im Team aussehen, wenn Froome bei einem Sturz auf der ersten Etappe nicht eineinhalb Minuten verloren hätte? Froome wäre weiterhin Zweitplatzierter, würde aber nur 30 Sekunden hinter Wiggins in der Gesamtwertung liegen.
Eine Veränderung der internen Rangordnung soll es auch in der kommenden Woche in den Pyrenäen nicht geben. Es sei denn: Wiggins erlebt einen schwarzen Tag. Erst dann muss das Sky-Team überlegen, ob Froome, als Plan B, seinen eigenen Kapitän im Stich lassen darf - und selbst zum Teamleader wird.
Tourgeschichte: Ullrich wird zum Kapitän
Die Führungsdiskussion im Team Sky ist kein Novum in der Tour-Geschichte. Immer wieder gab es Mannschaften, in denen der eigentliche Edelhelfer schneller als sein Kapitän fuhr. So auch Jan Ullrich, der sich auf der 10. Etappe der Tour de France 1997 zu seinem Teamfahrzeug zurückfallen lies und dort die Freigabe zur Attacke erhielt. Der eigentliche Kapitän Bjarne Riis verlor Zeit, Ullrich gewann die Frankreichrundfahrt.
Der Däne Riis, mittlerweile Teamchef beim Konkurrenzteam Saxo Bank, fühlte sich auch an seine eigene Karriere erinnert. Er sagte am Freitag mehreren dänischen Medien: "Froome ist mein Top-Favorit für den Tour-Sieg".
"Eine der wichtigsten Sachen im Team ist Loyalität", stellt Schleck seine Position dar. Er bewundere den Zusammenhalt bei Sky. In seiner Mannschaft RadioShack vermisse er eben diese Loyalität in diesem Jahr. In der Tat: Fünf Fahrer liegen unter den Top 20 in der Gesamtwertung. Das Team führt die Mannschaftswertung an. Doch es scheint jeder für sich zu fahren. Als ein echtes Team präsentiert sich die Equipe nicht.
Bei Sky möchte man derartige Diskussionen unbedingt vermeiden. Wiggins ist und bleibt Kapitän, zumal er einen entscheidenden Vorteil hat: Er ist der beste Zeitfahrer im Peloton. Am 21. Juli, dem Tag vor der letzten Etappe nach Paris, müssen sich die Favoriten noch einmal 53,5 Kilometer lang im Kampf gegen die Uhr beweisen. Der Kurs nach Chartres ist dabei noch flacher als beim ersten Zeitfahren in Besançon. Damals siegte Wiggins und baute die Führung in der Gesamtwertung aus. Mit Froome als Helfer wird er das Gelbe Trikot bis nach Paris auch nicht mehr abgeben.
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