Team Sky bei der Tour de France: Einmal Kapitän, immer Kapitän

Aus Annonay berichtet

Sie dominierten beim Zeitfahren, sie dominierten in den Alpen: Das Team Sky ist das Maß der Dinge bei der Tour de France, die Top-Fahrer Bradley Wiggins und Christopher Froome liegen in der Gesamtwertung ganz vorne. Doch nur wenn beide künftig weiter harmonieren, ist der Tour-Sieg möglich.

Tour-de-France-Bilanz: Britisch-trocken durch Frankreich Fotos
DPA

Die Konkurrenten haben es immerhin versucht. Cadel Evans attackierte auf der elften Etappe bei einem Anstieg bereits 60 Kilometer vor dem Ziel, in der folgenden Abfahrt versuchte der Italiener Vincenzo Nibali, sich abzusetzen. Weitere Angriffe folgten.

Die Königsetappe in den Alpen bot viel Unterhaltung. Doch zum großen Spektakel wurde sie nicht. Der Grund war relativ banal: Das Team Sky dominierte mit einer extremen Ruhe. Britisch-trocken fuhren sie ihr konstant hohes Tempo. Ein Tempo, bei dem jeder ausgerissene Konkurrent zwangsläufig wieder eingeholt - und in den meisten Fällen sogar überholt wird. Dazu gehörte auch Titelverteidiger Evans, der im Ziel fast eineinhalb Minuten Rückstand hatte.

"Cadel ist mental stark. Er kann einen Tag, wie diesen verkraften", sagte Tejay Van Garderen später im Ziel. Ohne seinen Teamkollegen hätte Evans wahrscheinlich deutlich mehr Zeit auf die Spitzengruppe verloren. Seine Attacke konterte der Sky-Zug mit einem hohen Tempo am Schlussanstieg. Die Beine des BMC-Profis konnten nicht mehr so, wie sie sollten. Die letzten 18 Kilometer wurden für den Australier zur Qual. Sein Teamkollege Van Garderen, bester Nachwuchsfahrer dieser Tour, hätte schneller fahren können. Doch er wartete, lieferte seinem Kapitän ein Tempo, dass er mithalten konnte.

Starker Froome bleibt die Nummer zwei bei Sky

Auch die anderen Edelhelfer standen in den Alpen mehrmals im Mittelpunkt, besonders im Team Sky. "Ich habe Bradley Wiggins zu Christopher Froome rufen hören: 'Fahr langsamer'", sagte Fränk Schleck am Tag nach der Etappe. Froome, der Zweitplatzierte in der Gesamtwertung, klettert schneller als sein Kapitän Wiggins, der Mann im Gelben Trikot. Kein Problem, sondern ein Vorteil, sagt Sky-Sportdirektor Sean Yates und betont: "Wiggins bleibt unsere Nummer eins."

Doch wie würde die Hierarchie im Team aussehen, wenn Froome bei einem Sturz auf der ersten Etappe nicht eineinhalb Minuten verloren hätte? Froome wäre weiterhin Zweitplatzierter, würde aber nur 30 Sekunden hinter Wiggins in der Gesamtwertung liegen.

Eine Veränderung der internen Rangordnung soll es auch in der kommenden Woche in den Pyrenäen nicht geben. Es sei denn: Wiggins erlebt einen schwarzen Tag. Erst dann muss das Sky-Team überlegen, ob Froome, als Plan B, seinen eigenen Kapitän im Stich lassen darf - und selbst zum Teamleader wird.

Tourgeschichte: Ullrich wird zum Kapitän

Die Führungsdiskussion im Team Sky ist kein Novum in der Tour-Geschichte. Immer wieder gab es Mannschaften, in denen der eigentliche Edelhelfer schneller als sein Kapitän fuhr. So auch Jan Ullrich, der sich auf der 10. Etappe der Tour de France 1997 zu seinem Teamfahrzeug zurückfallen lies und dort die Freigabe zur Attacke erhielt. Der eigentliche Kapitän Bjarne Riis verlor Zeit, Ullrich gewann die Frankreichrundfahrt.

Der Däne Riis, mittlerweile Teamchef beim Konkurrenzteam Saxo Bank, fühlte sich auch an seine eigene Karriere erinnert. Er sagte am Freitag mehreren dänischen Medien: "Froome ist mein Top-Favorit für den Tour-Sieg".

"Eine der wichtigsten Sachen im Team ist Loyalität", stellt Schleck seine Position dar. Er bewundere den Zusammenhalt bei Sky. In seiner Mannschaft RadioShack vermisse er eben diese Loyalität in diesem Jahr. In der Tat: Fünf Fahrer liegen unter den Top 20 in der Gesamtwertung. Das Team führt die Mannschaftswertung an. Doch es scheint jeder für sich zu fahren. Als ein echtes Team präsentiert sich die Equipe nicht.

Bei Sky möchte man derartige Diskussionen unbedingt vermeiden. Wiggins ist und bleibt Kapitän, zumal er einen entscheidenden Vorteil hat: Er ist der beste Zeitfahrer im Peloton. Am 21. Juli, dem Tag vor der letzten Etappe nach Paris, müssen sich die Favoriten noch einmal 53,5 Kilometer lang im Kampf gegen die Uhr beweisen. Der Kurs nach Chartres ist dabei noch flacher als beim ersten Zeitfahren in Besançon. Damals siegte Wiggins und baute die Führung in der Gesamtwertung aus. Mit Froome als Helfer wird er das Gelbe Trikot bis nach Paris auch nicht mehr abgeben.

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Forum - Die Tour de France - wer macht 2012 das Rennen?
insgesamt 406 Beiträge
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    Seite 1    
1. Vorfreude
spon-facebook-10000298787 30.06.2012
Ich freue mich schon riesieg auf die Tour. Aber ihr habt leider einige Favoriten außen vorgelassen wie z.B Samuel Sanchez, Robert Gesink oder Ivan Basso
2. Tour der Pharmazie
hahewo 30.06.2012
Diese Tour kann nur der gewinnen, der den besten Vertrag mit der Pharmaindustrie und deren Logistik hat. Das diesem Dopingspektakel immer noch soviel Raum in den Medien gegeben wird, ist schon verwunderlich.
3. Zu einer Rummelveranstaltung verkommen
Pollowitzer 30.06.2012
Dieser Sport ist leider schon lange nicht mehr ernst zu nehmen und er ist unglaubwürdig wie Rummelboxen - Wenn man sich das Alter einiger deutscher Teilnehmer ansieht dann geht automatisch die Dopingwarnlampe an - die pedalierenden Velogreise kommen doch ohne entsprechende Hilfsmittel weder über die Berge noch nach Paris. Die Aufmerksamkeit der Presse haben die nicht verdient - Ich glaube es wird garnichtmehr ernsthaft der Gebrauch von Doping kontrolliert - Brot und Spiele auf unterstem Niveau - leider!!!
4. Zustimmung
Ostwestfale 30.06.2012
Zitat von spon-facebook-10000298787Ich freue mich schon riesieg auf die Tour. Aber ihr habt leider einige Favoriten außen vorgelassen wie z.B Samuel Sanchez, Robert Gesink oder Ivan Basso
Ich freue mich auch, die drei Genannten zähle ich allerdings nicht zu den Favoriten, da diese Tour recht zeitfahrlastig ist und da sind Wiggins und Evans einfach zu stark, als dass ein Basso oder Sanchez das in den Bergen kompensieren könnte.Ich könnte mir deshalb sogar vorstellen, dass Klöden aufs Podium fährt. Wer die letzte Tour verfolgt hat, dem werden auch die tollen Entwicklungen nicht entgangen sein. Die Fahrer fahren endlich wieder wie "Menschen". Jeder Topfahrer hatte bei der letzten Tour einen schwachen Tag, was in einer dreiwöchigen Rundfahrt normal ist. Die Maximalwattzahlen, die die Fahrer in den Anstiegen treten sind stark zurückgegangen.Dass Jean-Christophe Peraud, Tourzehnter des vergangenen Jahres absolut sauber war gilt als ziemlich warscheinlich. Sein Blutbild war während der gesamten Tour öffentlich zugänglich und es gab keinerlei Auffälligkeiten.Aber so was ist natürlich keine Schlagzeile wert, denn Deutschland war noch nie ein Radsport-Land. Auch nicht zu Ullrichs Zeiten.Hier hat man sich noch nie für Details des interessiert. Völlig absurd finde ich, wenn in der Zusammenhang mit der Tour davon gesprochen sind, die Leistungen wören "übermenschlich" oder sonstwas. So nach dem Motto: Alles was ich nicht kann, kann auch kein Anderer. Da hat ein quasi nie im Training kontrollierter Usain Bolt nur 100 Meter läuft. Das kann ja jeder...
5.
LuisCortez 30.06.2012
Zitat von hahewoDiese Tour kann nur der gewinnen, der den besten Vertrag mit der Pharmaindustrie und deren Logistik hat. Das diesem Dopingspektakel immer noch soviel Raum in den Medien gegeben wird, ist schon verwunderlich.
So ist es. Sie haben die Situation erkannt. Ich als ehemaliger Roche Mitarbeiter kann bestätigen dass Roche um die 70 Mitarbeiter beschäftigt die sich um die besten Verträge und Logistik mit den "Sportlern" kümmert. Interessanterweise handelt es sich bei den Kunden nur um Radsportler. Was für ein Blödsinn!
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