Team Sky bei der Tour de France Wer ist hier der Boss?

Die spektakuläre elfte Etappe der Tour de France war eine Machtdemonstration von Team Sky. Die größte Gefahr droht Chris Froome nun wohl ausgerechnet von einem Kollegen.

Von Eike Hagen Hoppmann


Machtdemonstration: Es sollte die spannendste Tour de France der vergangenen Jahre werden. Team Sky um Titelverteidiger Chris Froome schien so starke Konkurrenz zu haben wie lange nicht mehr. Und jetzt? Führt Sky das Gesamtklassement nach der ersten Bergankunft der Tour mit gleich zwei Fahrern an. Froome steht an Position zwei, Teamkollege Geraint Thomas ist Erster und neuer Träger des Gelben Trikots. Die Frankreich-Rundfahrt ist nach eineinhalb Wochen noch nicht entschieden, aber Sky hat auf dieser Etappe mehr als nur ein Ausrufezeichen gesetzt.

Wer ist die Nummer eins? Als Thomas im Juni die Tour-Generalprobe "Critérium du Dauphiné" gewann (Froome war dort nicht am Start), gab es bereits erste Gedankenspiele: Tritt Sky mit zwei Anführern an? Das Team hat das bis zuletzt immer zurückgewiesen - Froome sei der einzige Kapitän. Doch das scheint inzwischen immer zweifelhafter. Thomas ist Gesamtführender und hat in der Gesamtwertung 1:25 Minuten Vorsprung auf seinen Teamkollegen. Vielleicht war seine Attacke kurz vor Schluss auch so etwas wie eine Kampfansage.

Christopher Froome (rechts) und Geraint Thomas
AFP

Christopher Froome (rechts) und Geraint Thomas

Das Ergebnis: 300 Meter vor dem Ziel fing Thomas den letzten verbliebenen Ausreißer Mikel Nieve (Team: Mitchelton Scott) noch ab und sicherte sich den Tagessieg. Zweiter wurde Tom Dumoulin (Sunweb), der zeitgleich mit Froome ins Ziel kam. Nieve wurde am Ende Fünfter. Hier geht es zum Rennbericht.

Die Etappe: Die elfte Etappe der 105. Frankreich-Rundfahrt, der zweite Tag in den Alpen - und zum ersten Mal stand eine Bergankunft auf dem Programm. 17,6 Kilometer ging es am Ende mit durchschnittlich 5,8 Prozent Steigung den Montvalezan nach La Rosière hinauf. Davor waren bereits zwei Anstiege der höchsten Kategorie zu absolvieren. Insgesamt war die Etappe mit 108,5 Kilometern sehr kurz. Das sollte das Rennen härter und interessanter machen.

Die Attacken: Vom Start weg deutete sich an, dass es ein Tag für Angriffe werden sollte. Movistar platzierte mit Marc Soler einen ihrer stärksten Helfer als sogenannte "Relaisstation" in der Ausreißergruppe. Die Idee dahinter: Falls einer der drei Anführer Alejandro Valverde, Mikel Landa oder Nairo Quintana im späteren Rennverlauf aus dem Hauptfeld attackieren sollte, könnte sich Soler zurückfallen lassen und helfen. Am zweiten Berg attackierte tatsächlich Valverde und niemand aus der Favoritengruppe folgte. Soler ließ sich zurückfallen und beide schafften es, eine Minute Vorsprung auf die Konkurrenz herauszufahren. Auf der anschließenden Abfahrt attackierte auch noch Tom Dumoulin mit einem Teamkollegen. Sky setzte auch hier nicht direkt nach. Spannung schien möglich. Aber das änderte sich.

Der Schlussanstieg: Sky drückte jetzt auf das Tempo. Reihenweise Klassementfahrer mussten abreißen lassen. Valverde wurde eingeholt und nach hinten durchgereicht. Aus dem arg ausgedünnten Favoritenfeld attackierte fünf Kilometer vor dem Ziel erst Thomas und später auch noch Froome. Nur Dumoulin war am Ende noch in Reichweite.

Viel probiert - und viel verloren: Besonders bitter verlief die Etappe für Movistar. Mit drei potenziellen Siegkandidaten war das Team in die Tour gestartet. Der Tag begann gut, die Renntaktik schien mit Valverdes Angriff aufzugehen. Am Ende büßte Valverde dann aber 3:30 Minuten auf Sieger Thomas ein, auch Landa (+1:47 Minuten) und Quintana (+0:59) konnten die Angriffe von Thomas und Froome nicht mehr kontern.

Abgehängt: Aber es erwischte nicht nur Movistar hart. Der Vorjahreszweite Rigoberto Uran kam wie schon auf den beiden vergangenen Etappen mit großem Rückstand ins Ziel (+26:07). Auch Rafal Majka (+11:29), Adam Yates (+4:42) oder Jakob Fuglsang (+3:53) verloren viel Zeit. Dan Martin (+0:27), Romain Bardet und Vincenzo Nibali (je +0:59) hielten den Rückstand zwar noch in Grenzen, hatten aber schon vorher Zeit eingebüßt. So sieht das Gesamtklassement nach der elften Tour-Etappe aus:

Letzter Tag: Für zwei prominente Fahrer ist die Tour bereits beendet. Marcel Kittel und Mark Cavendish kamen erst nach dem vorgegebenen Zeitlimit ins Ziel. Für Kittel endet damit eine enttäuschende Tour mit einem weiteren Nackenschlag. Er blieb ohne Etappensieg, wurde von seinem Sportlichen Leiter öffentlich heftig kritisiert und muss die Rundfahrt nun verlassen. Elf Minuten nach dem Zeitlimit rollte er über die Ziellinie. Ganz allein.

Und nun? Folgt bereits am Donnerstag die Königsetappe der diesjährigen Tour de France (Liveticker SPIEGEL ONLINE). 175,5 Kilometer geht es über insgesamt drei Anstiege der höchsten Kategorie bis ins legendäre Alpe d'Huez. Es wird die zweite, aber bereits vorletzte Bergankunft der Tour sein. Die Konkurrenz von Sky muss dort schon ins Risiko gehen, um noch eine Chance auf den Gesamtsieg zu haben.



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Rebierhcs 18.07.2018
1. Gedanken.
Es wird enden wie beim Giro, Froome wird einen glanzvollen Auftritt hinlegen und gewinnen. Oder das war der Deal: Freispruch, aber Froome gewinnt die Tour nicht (mehr). Damit wären sein Gesicht und die Erfolge gewahrt. Übel das Kittel keine Unterstützung bekam (? habe die Etappe nicht gesehen). Damit ist der Flachetappenkapitän ausgeliefert worden. Der Teamchef möchte ihn loswerden. Man stellt ihm keinen funktionierenden Sprintzug zur Verfügung (seit Verpflichtung durchaus möglich den aufzubauen) und dann ist man beleidigt wenn er keine 5 Etappen gewinnt. Kittel sollte gehen solange er noch schnelle Beine hat und sich ein Team suchen das ihn unterstützt. Schade das er sich hat von QuickStep weglocken lassen, diese Saison hätte er dort noch die Nr.1 sein können wegen seinen Erfolgen. Ab nächstem Jahr wäre ihm Gaviria wahrscheinlich davongezogen.
Prussia Culé 18.07.2018
2. Sky ist einfach clever
Unabhängig davon, dass das Sky & Froome immer etwas zwielichtig unterwegs ist, man muss einfach klar sagen, dass Sie taktisch die Cleversten und Erfahrensten sind. Da spielt bestimmt auch ein großes Selbstbewusstsein eine Rolle Teil des besten Teams im Radsport zu sein. Sky hat einfach das Geld den besten Kader zu haben und wissenschaftlich genau zu analysieren wie z.B. ein Froome ein Rennen fahren muss. Sie setzen das viele Geld einfach sehr klug ein. --- Ebenfalls clever ist diesmal auch, dass Sky nicht wie sonst nur einen Leader hat, sondern mit Thomas, der sich in den letzten Jahren kontinuierlich weiterentwickelt hat, einen 2. Kapitän haben. Die Konkurrenz muss also nicht nur Froome im Blick behalten, sondern auch Thomas. Dazu kommt, dass Movistar zwar etwas gewagt hat, aber Landa nicht die Beine hatte, Quintana am Schlussanstieg wohl zu sehr taktiert und gezögert hat. Nibalis Team hat taktisch völligen Unsinn am Col du Pre veranstaltet. ---- Wie könnte man also die Stärke des Teams aufbrechen? Ein Salary Cap wäre eine Möglichkeit. Das würde bedeuten, dass sich die Stärke von Sky relativieren könnte, da sie nicht die besten Fahrer "wegkaufen" können. Eine zweite wäre - was Degenkolb angesprochen hat - Powermeter zu verbieten. Nur noch Tachos mit Basisinfos. Damit hätte man vielleicht wieder mehr Attacken, die nach "Gefühl" gemacht würden. Sportlich aber ist Sky einfach wie die Bayern in der Bundesliga. Sie haben große Mittel, einen klaren Plan und bleiben gelassen, wenn es mal eng wird. Andere Mannschaften agieren da schon mal überhastet oder taktisch unklug. Aber auch Froome hatte schon einige schlechte Tage...
Anna156464641156 18.07.2018
3. Auf den Spuren von US Postal?
Wenn man sich angeguckt wie der Skyzug mit paar Fahrern im Schlußanstieg alle Favoriten (Nibali, Quintana, Bardet, Landa... ) distanzierte und Thomas sowas von leicht Nieve einholte und Froom auch noch Geschenke an Dumoulin verteilt, erinnert das einfach viel zu stark an ganz dunkle Zeiten des Radsport.
coronar 18.07.2018
4. Ein ungutes Gefühl
begleitet mich ebenfalls, wenn ich den Sky- Zug den Berg hochknattern sehe. Auch was Froome auf den letzten Kilometern alleine gut macht, erinnert mich sehr an Armstrong. Diese Dominanz in den letzten Jahren, nie ein schlechter Tag... und es fahren ja nicht nur Amateure mit, das ist schon außergewöhnlich merkwürdig. Es ist zu hoffen, dass Sky dem Radsport nicht einen Bärendienst erweist - so macht es mir persönlich nicht besonders viel Spaß sich das anzugucken.
J.Corey 19.07.2018
5.
Um die Frage zu beantworten: Die pharmazeutische Industrie ist der Boss, und der Veranstalter ASO sollte sich zusammen mit der WADA und der UCI dafür schämen, das sie das Team Sky an den Start gelassen haben. So fördert man keinen sauberen Sport!
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