Aus Rouen berichtet Tom Mustroph
So viele Menschen haben sich lange nicht um Tony Martin gekümmert. Vor dem Etappenstart prüft Mannschaftsarzt Helge Riepenhof stets den Sitz der goldenen Manschette an Martins Unterarm. Es ist schon die zweite, die binnen weniger Tage maßangefertigt wurde. "Die zweite Schiene ist etwas leichter und steifer als die erste. Die Hand liegt ruhiger darin", sagt Alessandro Tegner. Der Presseverantwortliche von Omega Pharma Quick Step ist derzeit zu Martins persönlichem Gesundheitssprecher avanciert.
Währenddessen schrauben zwei Mechaniker am Rad mit der Nummer 196 herum. Der Sattel wird noch einmal verändert, die Bremshebel mit Lenkerband umwickelt, damit Martins lädierte Hand sie besser greifen kann. Seit dem Sturz des 27-Jährigen auf der ersten Etappe der 99. Tour de France - Diagnose: Kahnbeinbruch - ist ein ganzes Team von Spezialisten im Einsatz, um der Zeitfahrhoffnung des Rennstalls so weit wie möglich zu helfen.
"Es sieht gut aus. Der Knochen liegt stabil. Er hat sich nicht bewegt. So kann die Fraktur verheilen. Wir haben eine Röntgenkontrolle gemacht", sagte Teamarzt Riependorf SPIEGEL ONLINE. Er ist vorsichtig optimistisch: "Wir versuchen einfach, ihn zum Zeitfahren (am Montag, Anm. d. Red.) zu kriegen, und hoffentlich kann er da dann fahren."
Ein Risiko beinhaltet Martins Verbleib im Rennen dennoch. "Ideal ist das natürlich nicht", gibt Riepenhof zu. "Aber es ist immerhin die Tour de France. Da nehmen wir das Risiko in Kauf", bekräftigt der Mediziner, der Martin schon beim Vorgängerteam HTC-Highroad betreut hatte.
Zeitfahren am Montag ist Martins großes Ziel
Martin fit zu halten für das Rennen, ist eine grenzwertige Angelegenheit. Sportler mit vergleichbaren Brüchen laborierten monatelang daran. Handballtorwart Marcel Beuster vom SC Magdeburg zog sich gar einen zweiten Kahnbeinbruch zu, als er zu früh ins Training zurückkehrte. Ist die Belastung für Ballfänger an dieser Stelle der Hand enorm, so ist sie für Radprofis kaum weniger problematisch. "Hier liegt die ganze Belastung, vom Schalten, Bremsen und Steuern", sagt Martin. Aber er will "unbedingt bis zum Zeitfahren kommen".
Dort rechnet er sich trotz Verletzung gute Chancen aus. Die Form ist schließlich da. Das hatte schon die knappe Zwischenzeit hinter dem späteren Sieger Fabian Cancellara beim Prolog in Lüttich gezeigt. Der vom Profil her sehr gleichmäßige und mit verhältnismäßig wenig Kurven ausgestattete Kurs am Montag (Beginn 9.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist für Martin wie geschaffen. Hier kann er seine Kraft am besten umsetzen. Wenig Abfahrten und wenig Kurven bedeuten auch eine Erleichterung für die Hand. Ganz im Gegensatz zu dem, was vorher kommt.
Am Samstag gibt es die erste von drei Bergankünften bei der Tour. Bis zu 14 Prozent Steigung sind auf dem 5,9 Kilometer langen Schlussanstieg zur Skistation der Planche des Belles Filles in den Vogesen zu bewältigen. Einige heikle Abfahrten stehen ebenfalls auf dem Programm. Und am Sonntag folgt die "für uns Nichtbergfahrer vielleicht schwerste Etappe", wie es Michael Schär, Helfer von Cadel Evans beim BMC Racing Team, ausdrückt. "Von Belfort nach Porrentruy geht es auf und ab, auf und ab", sagte der Schweizer.
Für Martin werden diese Etappen Bewährungsproben. Schon während der Flachetappen hält er sich vorsorglich am Ende des Feldes auf. "So kann ich die Schlaglöcher und andere Gefahrenstellen besser sehen", sagt er. Schlaglöcher und ein gebrochenes Kahnbein sind keine gute Kombination.
Lohnt diese Schinderei? Martin zeigt keinen Zweifel. Er hat einen Weg gefunden, Motivation aus den Strapazen zu ziehen. An die Olympischen Spiele in London, Martins großes Saisonziel, denkt er übrigens noch nicht. "Das ist ganz weit weg. Ich will erst das lange Zeitfahren erreichen. Basta!"
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