Tour de France Ullrich schreibt Toursieg ab

Direkt sagt es noch niemand im T-Mobile-Team: Aber für Jan Ullrich ist der Traum vom Toursieg ausgeträumt. Alles gegeben, alles verloren - so kann man seinen Tag beschreiben. Und der Sieger von 1997 befürchtet Schlimmes.

Von Steffen Gerth


Erschöpfter Ullrich: "Ich glaube, ich habe zu wenig gegessen"
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Erschöpfter Ullrich: "Ich glaube, ich habe zu wenig gegessen"

Nur, damit es keine Verständnisschwierigkeiten gibt: Jan Ullrich nimmt weiterhin an dieser Tour de France teil. Eine Veränderung hat es aber heute gegeben: Der vor dem Rennen vor allem in Deutschland hochstilisierte Zweikampf mit dem Titelverteidiger Lance Armstrong ist beendet. Spätestens auf dem Pyrenäengipfel Pla-d'Adet musste der Kapitän des T-Mobile-Teams anerkennen, dass Armstrong auch auf seinem Weg zum siebten Toursieg in Folge nicht zu schlagen sein wird.

Und von Ullrich sowieso nicht. Er hat gekämpft wie ein Löwe, und immer, wenn er das tut, sieht man ihm das an. Er bekommt geschwollene Ringe unter den Augen, sein Gesicht wirkt aufgedunsen, der Blick wird starr. Bis acht Kilometer vor dem Ziel konnte er mit Armstrong mithalten, auch mit dem Italiener Ivan Basso. Doch dann sind diese beiden explosiv davongefahren. Ullrich hat sich dahinter im gewohnt schweren Gang den Schlussanstieg hinaufgewühlt und wirkte dabei wie ein Auto mit einem Dieselmotor, der zwar lange läuft, aber über geringe Elastizität, sprich Durchzugskraft verfügt. Geschweige denn Spritzigkeit.

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15. Etappe: Höhlenmenschen auf Klettertour

Oben in Saint-Lary-Soulan war Ullrich dann Neunter, 1:24 Minuten hinter Basso und Armstrong, 6:28 Minuten hinter dem Tagessieger George Hincapie. In der Gesamtwertung bleibt er Vierter - fast sechs Minuten hinter Armstrong. Trotzdem gab es Lob von seinem Sportlichen Leiter Mario Kummer: "Wir haben heute nichts falsch gemacht. Jan ist bis zum letzten Blutstropfen gefahren. Aber man muss auch anerkennen, dass es zwei Bessere gibt. Es war schon klasse, was Armstrong und Basso gezeigt haben."

Das klingt nach nichts anderem als dem Eingeständnis der eigenen Chancenlosigkeit. Im Prinzip müsste T-Mobile eine Presseerklärung herausgeben, in der steht, dass sich das Team vom Versuch, um den Sieg mitzufahren, offiziell verabschiedet hat. Es könnte sogar noch schlimmer kommen, denn Ullrich hat sogar bereits eingeräumt, dass es "nun schwer wird, auf das Podest zu fahren". Schon im vorigen Jahr war er nur Vierter - sollte er den Sprung aufs Treppchen abermals verfehlen, wäre das für den deutschen Radhelden ein Desaster. Und T-Mobile hätte ein richtiges Vermittlungsproblem.

"Es wird schwer, aufs Podest zu fahren"

Dabei hat der Kaptiän in Magenta auf dieser 15. Etappe seinen bisher besten Tourauftritt gehabt, selten sah man den Sieger von 1997 am Berg kämpferischer. Aber als es dann richtig zur Sache ging, als Basso und Armstrong anzogen, hat bei dem Deutschen nur noch das Wollen regiert. Aber nicht mehr das Können. Fazit: Selbst, wenn Ullrich alles gibt, ist es immer noch zu wenig, um Armstrong und mittlerweile auch Basso zu gefährden. So sieht es der Geschlagene auch selbst: "Ich glaube, dass wir uns nichts vorwerfen müssen. Wir haben alles getan, mehr ging nicht", sagte Ullrich. "Es war schon ärgerlich. Ich glaube, ich habe zu wenig gegessen. Ausgerechnet in dem Abschntt, der mir liegt, habe ich eine Minute verloren."

Zu wenig gegessen? Warum passiert das einem Tour-Favoriten? Warum prallt ein Tour-Favorit vor Beginn der Etappenfahrt in die Heckscheibe von Kummers Kombi? Warum wird er auf der 9. Etappe von einer Windböe erfasst, stürzt und zieht sich nochmals schmerzhafte Verletzungen zu?

Armstrong (l.) und Basso: "Das war schon klasse"
AFP

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Vielleicht war ja Ullrich gar kein Favorit auf diesen Toursieg. Vielleicht hat sich das nur keiner getraut zu sagen. Ein Esoteriker würde diese merkwürdige Pannenserie sofort entsprechend einordnen und behaupten: Ullrich war für den Toursieg nicht bestimmt. Immerhin ist er seit heute der souveräne Kapitän des T-Mobile-Teams. Denn der am Berg zuweilen etwas chaotisch fahrende Alexander Winokurow als Zwölfter (mit 7:33 Minuten Rückstand auf Hincapie) oder Andreas Klöden auf Rang 22 (11:27 Minuten) blieben deutlich hinter Ullrich zurück.

Entsprechend klingt auch bei Klöden das Motto für die Resttour: "Eigene Ansprüche gibt es nicht mehr. Wir wollen jetzt nur noch helfen, Jan nach vorne zu bringen." Der Kasache Winokurow sieht es ähnlich: "Wir werden jeden Tag versuchen, mit der ganzen Mannschaft anzugreifen." Jetzt, da das Rennen gelaufen ist, zeigt sich T-Mobile so kämpferisch wie selten. Ein bisschen spät.



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