Zweites Tour-Zeitfahren: "Dägänkooolp! Allez, allez, allez!"

Aus Chorges berichtet

Zeitfahren bei der Tour: 32 Kilometer volles Risiko Fotos
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Im Auto hinter einem Radprofi herfahren, während der sich über die Berge quält: Das muss sich entspannt anfühlen! Und dann erlebst du die heftigste Achterbahnfahrt deines Lebens - immer hinter John Degenkolb her.

Es ist schon fast Nacht, als die SMS auf meinem Handy aufblinkt: "Wenn du willst, kannst du morgen beim Zeitfahren hinter John Degenkolb herfahren", schreibt der Pressesprecher des Argos-Teams. Ich antworte schnell "Na klar!" und denke zufrieden: Sehr gut, Degenkolb ist ein Sprinter, Bergzeitfahren sind nicht gerade seine Spezialität, das dürfte eine entspannte Etappe werden.

Wie man sich täuschen kann.

Um Punkt zwölf Uhr soll ich mich am Teambus in Embrun einfinden, im Schatten strampelt Degenkolb locker auf der "Rolle", einer Standvorrichtung für das Rennrad. Er nimmt einen Schluck Cola, plaudert mit Kollegen, so relaxt habe ich mir das vorgestellt. Um 12.23 Uhr soll Degenkolb auf die Strecke geschickt werden, zehn Minuten vorher steigen der sportliche Leiter Christian Guiberteau, ein Mechaniker und ich ins Auto und rollen zum Start. Zwei Begleitfahrzeuge stehen vor uns in der engen Gasse rechts neben dem Starthäuschen, Guiberteau begutachtet noch einmal einen Zettel mit den unleserlich gekritzelten Zwischenzeiten von Degenkolbs Teamkollege Tom Veelers.

Degenkolb schiebt sein Rad auf die Rampe, ein Helfer hält ihn von hinten am Sattel fest. "Three, two, one": los. Oder auch nicht, direkt vom Start weg geht es in den ersten Anstieg. Degenkolb tritt stehend an, ein paar Menschen rechts und links des Bergs lesen seinen Namen auf der Motorhaube unseres Autos, sie schreien: "Dägänkooolp! Dägänkooolp! Allez, allez, allez!"

Mit 16, 17 km/h schleichen wir den Berg hoch, Guiberteau sagt: "Das ist hart gleich zu Beginn, das sind sechs, sieben Prozent Anstieg." Degenkolb ackert Meter um Meter, hinterher wird er sagen, dass er Probleme hatte, seinen Rhythmus zu finden. Über den Streckenfunk hören wir, dass Zeitfahrspezialist Tony Martin gestartet ist, aber Guiberteau sagt: "Dieses Profil ist nichts für Martin, Chris Froome wird es machen." Seine Ahnung sollte sich am Ende des Tages bestätigen, der Gesamtführende triumphiert knapp vor Alberto Contador.

Mit 76 km/h den Berg runter

20 Minuten brauchen wir bis zum ersten der beiden Gipfel. Ich habe nicht einmal Zeit, mich dort über die wunderbare Sicht auf den türkis-blauen Lac de Serre-Ponçon zu freuen, sondern krache ohne Vorbereitung mit der rechten Schulter gegen das Seitenfenster. "Festhalten", sagt Guiberteau. Er grinst, als er aufs Gas tritt. Vor uns fliegt Degenkolb in die zweite Kurve, ich kralle mich am Türgriff fest. Erst traue ich mich nicht, auf den Tacho zu schauen, dann schiele ich doch: 76 km/h sind wir schnell. Bergab, Serpentinen, mit einem Skoda-Kombi.

Degenkolb nimmt Kurve um Kurve, das innere Knie zur Balance stets leicht nach außen gedreht. Manchmal hupt Guiberteau, um den 24-Jährigen vor besonders tückischen Kehren zu warnen. Aber wer hat mich gewarnt? Mit quietschenden Reifen schlittern wir um Bergvorsprünge, das Heck kommt der kleinen Steinmauer vor dem Abgrund immer wieder bedrohlich nahe. Meine ich. Guiberteau ist völlig gelassen, er hat nur den weißen Hintern auf dem Rad vor uns im Blick. Ich versuche, wieder etwas von dem Bergsee zu sehen und flüstere mir zu: Wenn es das jetzt gewesen sein soll, hast du wenigstens ein schönes letztes Bild vor Augen.

Ich weiß nicht wie, aber wir schaffen es heil nach unten, mit schweißnassen Händen krame ich mein Handy hervor: "Sollte ich das hier überleben, brauche ich im Ziel einen Schnaps", tippe ich an einen Kollegen. "Hallo, hallo!", krächzt der Funk, "Tony Martin ist derzeit auf dem fünften Platz." Guiberteau schaut auf seinen Zettel und gibt wieder etwas Gas, um neben Degenkolb zu kommen: "Mach so weiter wie bisher, voll in der Zeit", ruft er ihm zu, Degenkolb nickt.

Wir kriechen schon den nächsten Berg hinauf, in einer Kurve stehen ein paar Zuschauer, die Degenkolb erst anschreien und ihm auf den Hintern klopfen. Ich wundere mich über nichts mehr, er auch nicht, Degenkolb strampelt stoisch weiter. "Das ist die Tour", sagt Guiberteau und zeigt auf einen Mann, der mit einem riesigen Plüschpferd auf den Schultern neben Degenkolb her rennt: "Tout-fou! Total verrückt." Degenkolb wirft seine leere Trinkflasche ein paar Kindern zu, sie stürzen sich darauf wie auf Bonbons am Rosenmontagsumzug.

"Ein bisschen Angst hat man manchmal schon"

Meine Hand krampft sich noch immer um den Türgriff, als wir den nächsten Gipfel erreichen. Nun bin ich besser vorbereitet, ich versuche, jeden Muskel anzuspannen und werfe mich nach vorne, um den Sitzgurt einrasten zu lassen. Aber Guiberteau winkt ab, diesmal werde es nicht so heftig. Er untertreibt nicht, zum Glück. Die zweite Abfahrt zum Ziel zieht sich zwar, ist aber nicht mehr so kurvig. Degenkolb kauert sich immer wieder auf die Stange seines Rads, um sich möglichst stromlinienförmig zu machen.

Nach 57:53 Minuten und 32 Kilometern rauschen wir in Chorges durchs Ziel, der Etappen-113. Degenkolb ist eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 32,9 km/h gefahren. Wir also auch. Eigentlich gar nicht schlimm, denke ich, doch als ich aus dem Auto aussteige, muss ich mir Mühe geben, dass niemand meine zitternden Hände sieht.

Während ich noch damit beschäftigt bin, meinen Herzschlag zu sortieren, sitzt Degenkolb schon lässig im Campingstuhl vor dem Teamwagen. Ob er nicht auch zu Tode erschreckt war? "Ein bisschen Angst hat man manchmal schon", gibt er zu. Na also.

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1. nein
RainerCologne 17.07.2013
Ist der Reporter bisher nur Mofa gefahren? 76 Stundenkilometer in einem Auto, pardon: Skoda-Kombi. Vielleicht sollte er erstmal in einem Renntaxi über die Nordschleife heizen, um zu realisieren, was für einen Käse er da schreibt...
2.
bilch_76 17.07.2013
Zitat von RainerCologneIst *der Reporter* (...) was für einen Käse *er* da schreibt...
"Aus Chorges berichtet Sara Peschke" Wer schreibt hier nochmal Käse? :P
3.
taglöhner 17.07.2013
Zitat von RainerCologneIst der Reporter bisher nur Mofa gefahren? 76 Stundenkilometer in einem Auto, pardon: Skoda-Kombi. Vielleicht sollte er erstmal in einem Renntaxi über die Nordschleife heizen, um zu realisieren, was für einen Käse er da schreibt...
Vielleicht begibt der Herr sich mit seinem Renntaxi mal in die Seealpen und schaut, was er da so rausholt. Vorsicht, keine Leitplanken, allenfalls Granitquader und ab und zu 2-300m freier Fall im Versagensfalle. Nicht wundern, wenn Radler überholen.
4. Re: nein
hrun0815 17.07.2013
76km/h ist in der Tat nicht so schnell im Auto... es sei denn man fährt im Kombi Haarnadelkurven den Berg hinab.
5. Na ja,...
ghibli 17.07.2013
Zitat von RainerCologneIst der Reporter bisher nur Mofa gefahren? 76 Stundenkilometer in einem Auto, pardon: Skoda-Kombi. Vielleicht sollte er erstmal in einem Renntaxi über die Nordschleife heizen, um zu realisieren, was für einen Käse er da schreibt...
...kann ja schließlich nicht jeder so ein toller Hecht sein wie Sie und sich mit ´nem Renntaxi über die Nordschleife *chauffieren* lassen.
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