Materialdoping im Radsport Guter Stoff

Hauptsache schön schlüpfrig: Im Kampf um Sekunden experimentieren die Teams bei der Tour de France mit der Ausrüstung. Auch dabei ist Sky führend.

REUTERS

Von der Tour de France berichtet Tom Mustroph


Neun von 21 Etappen haben die Fahrer bei der diesjährigen Tour de France schon hinter sich, es führt, wie erwartet, Chris Froome: Vorjahressieger, Top-Favorit - und der Mann mit der stärksten Mannschaft im Rücken, dem Team Sky. Hinter dem Rennstall aus Manchester steckt das größte Budget im Teilnehmerfeld und jede Menge Know-how, das Team ist dicht verwoben mit dem britischen Radsportverband British Cycling. Beste Voraussetzungen für das Großprojekt, den vierten Gesamtsieg des 32-Jährigen beim wichtigsten Radrennen der Welt.

Sky tut dafür alles, was erlaubt ist. Der Kampf um Sekunden betrifft nicht mehr nur Trainingspläne, Teamkonstellationen und Renntaktiken: Er hat sich in den vergangenen Jahren auch auf das gesamte Equipment ausgeweitet.

Ob das Team nicht vielleicht auch weiter geht, ist seit einiger Zeit Mittelpunkt von Ermittlungen der britischen Anti-Doping-Agentur Ukad. Sie untersucht eine dubiose Medikamentenlieferung an Bradley Wiggins aus dem Jahr 2011. Dass Sky Ärzte und sportliche Leiter mit Dopingvergangenheit anstellte, hatte schon früher für Irritationen gesorgt.

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Tour de France: Was ist eigentlich Materialdoping?

Gleich zu Beginn der jüngsten Auflage der Tour de France, beim Zeitfahren in Düsseldorf, hatte Sky die Konkurrenz aus einem anderen Grund skeptisch werden lassen: Auf den Rennanzügen der Sky-Fahrer hatten sie an den Armen kleine Blasen entdeckt. Dadurch sollte der Fahrtwind besser abgeleitet werden. Manche vermuteten darin einen Regelverstoß, das französische Team FDJ legte offiziell Protest ein.

Frederic Grappe, Sportwissenschaftler und Leistungsdiagnostiker bei FDJ, hatte einen Vorteil von etwa einer Sekunde pro Kilometer beim Zeitfahren in Düsseldorf errechnet und zweifelte an, dass die Blasen integraler Bestandteil des Rennanzugs seien. Der internationale Radsport-Verband (UCI) sah das anders. Er erlaubte Sky die runden Verwirbelungselemente.

"Radsport von heute ist wie die Formel 1", sagt der Italiener Matteo Trentin, Teamgefährte von Marcel Kittel bei Quickstep: "Selbst der kleinste Vorteil kann etwas bringen. Wer die Möglichkeiten hat, Studien zu betreiben, der macht das."

Und kein Team hat mehr Möglichkeiten als Sky. Schon 2007, zwei Jahre vor der offiziellen Gründung des Rennstalls, ging Sky eine Partnerschaft mit dem Formel-1-Team von Mercedes ein. Seitdem werden im Windkanal im britischen Brackley die Rennräder getestet. Auch mit dem English Institute of Sport, einer Forschungseinrichtung von Sportwissenschaftlern, Sportmedizinern und Ingenieuren, kooperiert das Team von General-Manager Dave Brailsford.

"Die Idee von Sky ist wirklich gut"

Mehrere Patente sind laut britischen Medien aus dieser Zusammenarbeit erwachsen, zum Beispiel für einen Helm, bei dem die Luft durch Öffnungen so austritt, dass die Verwirbelungen für einen aerodynamischen Vorteil sorgen. Ein anderes betrifft V-förmige Erhebungen, die an der Unterseite der Trikotärmel angebracht werden, und die ebenfalls für einen geringeren Luftwiderstand sorgen sollen.

2013 wurden diese Elemente bereits entwickelt. Bis zu sieben Prozent Zeitgewinn im Bahnradsport sollte das bringen, es gibt wissenschaftliche Studien dazu. Sechs Goldmedaillen bei insgesamt zehn Bahnwettbewerben für Team Großbritannien sprechen zumindest dafür, dass die Erfindung nicht bremst. Zu den umstrittenen Zeitfahr-Anzügen der Straßenfahrer wollte sich Team Sky auf Nachfrage nicht weiter äußern. Das sei alles "top secret".

Da wird natürlich die Konkurrenz hellhörig. Der Niederländer Tom Davids ist Forschungs- und Entwicklungsdirektor beim deutschen Rennstall Sunweb. Zu den Sky-Anzügen sagt er: "Mit der Verringerung von Luftwiderstand durch Materialien ist eine ganze Menge zu gewinnen. Wir arbeiten selbst daran. Und die Idee von Sky ist wirklich gut."

Für Rolf Aldag ist die Suche nach den Materialien ein komplexes Geschäft. "Es gibt schon seit Langem viele Versuche. Man experimentiert mit der Webrichtung der Textilien, mit den Nähten. Im Peloton sind die Windverhältnisse aber sehr schwierig. Du hast keinen Rückenwind, weil Fahrer hinter dir sind. Du hast keinen Gegenwind, weil du ja im Windschatten eines anderen fährst", sagt der Manager von Team Dimension Data.

Als Trinkflaschen umfunktioniert wurden, griff die UCI ein

Forschungen hält er dennoch für sinnvoll: "Die meisten Leute vergessen ja, dass du mit Aerodynamik oft mehr gewinnen kannst als mit Gewicht. Schnelle Laufräder, ein aerodynamischer Rahmen, windschlüpfrige Kleidung und ein aerodynamischer Helm sind einfach wichtig." Was davon erlaubt ist und was unter Materialdoping fällt, müsse die UCI entscheiden.

Dass das in der Vergangenheit schon einmal ganz gut geklappt hat, habe sich am Beispiel der Trinkflaschen gezeigt. Experimentierfreudige Profis wie Frank Schleck und Tony Martin hatten sich Wasserbehälter auf den Rücken geschnallt und so eine windschlüpfrigere Körperform erreicht. Die UCI hat anschließend das Volumen der Flaschen auf 500 Milliliter begrenzt und beschlossen, "dass die Flaschen vorn getragen werden können, aber nicht auf dem Rücken. Das brachte dann keinen aerodynamischen Vorteil mehr", erinnert sich Aldag.

Ähnliche Sorgfalt ist nun auch von der UCI gefordert. Denn nicht nur Sky fährt mit umstrittenen Techniken. Torsten Schmidt, sportlicher Leiter bei Katusha Alpecin, sagt: "Alle testen, wir auch. Niemand schläft hier, und es ist kein Ende in Sicht bei all den Dingen, die ausprobiert werden."

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suplesse 10.07.2017
1. Die Dinger sind schnell!
Irgendeiner , ich glaube bei der Tour de Suisse ist jetzt den Pass runter 135 km/h gefahren. Was das bedeutet, wenn irgendetwas dazwischen kommt, sieht man bei den zahlreichen Unfällen , bei den Passabfahrten s. Richie Porte. irgendwann wirds unbeherrschbar, weil unglaublich leicht und aerodynamisch. Die Fahrer fliegen durch die Luft und landen dann sehr unsanft. Da helfen dann auch keine Scheibenbremsen, ganz im Gegenteil. Fahre selber so ein DIng und weis wie schnell das wird. Im Spreint fahren die bis zu 80 km/h. Mit den Fahrrad. Das kann sich kaum einer vorstellen.
gerd0210 10.07.2017
2.
Zitat von suplesseIrgendeiner , ich glaube bei der Tour de Suisse ist jetzt den Pass runter 135 km/h gefahren. Was das bedeutet, wenn irgendetwas dazwischen kommt, sieht man bei den zahlreichen Unfällen , bei den Passabfahrten s. Richie Porte. irgendwann wirds unbeherrschbar, weil unglaublich leicht und aerodynamisch. Die Fahrer fliegen durch die Luft und landen dann sehr unsanft. Da helfen dann auch keine Scheibenbremsen, ganz im Gegenteil. Fahre selber so ein DIng und weis wie schnell das wird. Im Spreint fahren die bis zu 80 km/h. Mit den Fahrrad. Das kann sich kaum einer vorstellen.
Macht endlich Schluss mit der menschengefährdenden Raserei. Tempo 25 reicht für Fahrräder völlig aus. Venen die fünf Minuten später ankommen, geht die Welt nicht unter.
zivcoedge540 10.07.2017
3.
Zitat von suplesseIrgendeiner , ich glaube bei der Tour de Suisse ist jetzt den Pass runter 135 km/h gefahren. Was das bedeutet, wenn irgendetwas dazwischen kommt, sieht man bei den zahlreichen Unfällen , bei den Passabfahrten s. Richie Porte. irgendwann wirds unbeherrschbar, weil unglaublich leicht und aerodynamisch. Die Fahrer fliegen durch die Luft und landen dann sehr unsanft. Da helfen dann auch keine Scheibenbremsen, ganz im Gegenteil. Fahre selber so ein DIng und weis wie schnell das wird. Im Spreint fahren die bis zu 80 km/h. Mit den Fahrrad. Das kann sich kaum einer vorstellen.
Über 120km/h hatte ich auch mal drauf, ist aber nicht wirklich zu empfehlen und lässt einem im Nachhinein nicht nur die Beine zittern. Bei Passabfahrten macht die Bremsscheibe schon viel Sinn. Der schmerzfreiste Beragbhasardeur war m.M.n. Paolo Salvodelli, der sogenannte Falke.....unter den ganzen schmerzfreien Profiradlern war er noch einmal in einer eigenen Liga.
zivcoedge540 10.07.2017
4. Diesen Anzug
.....benutzte Sky aber schon beim Giro diese Jahr. Da hatte keiner Bedenken diesbezüglich geäußert. Natürlich bringt die Aerodynamik eine Menge Potential mit sich, sowohl beim Rahmen, noch mehr bei den Laufrädern, als auch beim Fahrer. Nur wo soll das enden, nicht ohne Grund hat die UCI nach diversen Auswüchsen in Richtung Triathlonrädern die Diamantform vorgeschrieben. Wenn jetzt mit Dimple, Delle, Spoiler etc. erfolgreich experimentiert wird, sitzt demnächst optisch eine Art Speedskifahrer auf dem Rad. Ulle hielt von all dem nichts, er trug nur das Mützchen und verzichtete beim Zeitfahren auf den Helm, obwohl der richtig was bringt.
Gottloser 10.07.2017
5. Materialdoping
Was ist dann die F1? Materialdoping wären versteckt eingebaute Elektromotoren. Alles andere ist eben eine Weiterentwicklung von Rennrädern, wie auch in der F1 die Motoren und die anderen Parameter weiterentwickelt werden. Fordert hier schon mal wieder das Ende der Forschung? Ich schätze mal, dass die neuen Räder vielleicht 0,25% Vorsprung bringen. Dafür muss man aber einen wesentlich höhere Wattzahl treten.
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