Frankreichs Tourheld Virenque: Vom Dopingsünder zur Werbe-Ikone

Aus Le Grand-Bornand berichtet

Festina-Uhrenwerbung: Gutaussehender Dopingsünder Zur Großansicht

Festina-Uhrenwerbung: Gutaussehender Dopingsünder

Richard Virenque war der Hauptdopingsünder im Festina-Skandal 1998. Jetzt verdient der Franzose wieder Geld mit Werbung - ausgerechtet bei dem Uhrenhersteller, dessen Image er so großen Schaden zufügte. Es gehe um "Glaubwürdigkeit", so der Konzern.

Ein Prunkstück ist die Kirche von Le Grand-Bornand, einem Örtchen in den Savoier Alpen, nicht gerade. Ein schlichtes Gebäude aus grobem, grauen Stein, einzig das Türmchen schmückt ein verschnörkeltes Zwiebeldach. Doch nun, da die Tour de France da ist, ist das Gotteshaus herausgeputzt: Mit einem riesigen Stoffkleid in Tour-Gelb, am Glockenturm prangt ein lebensgroßer Radfahrer aus Pappe. Gibt sich Frankreich ohnehin viel Mühe, dem Betrachter zu gefallen, so wird während der drei Wochen Tour noch einmal eine Schicht Make-up aufgelegt, selbst das kleinste Dorf an der Strecke soll so hübsch wie möglich sein.

Dass unter all der Tour-Kosmetik auch Unschönes stecken kann, zeigt eine Randbegebenheit. Richard Virenque, einst Held der Nation, dann geständiger Dopingsünder, prangt auf den Werbefotos eines offiziellen Tour-Sponsors. Es könnte alles halb so tragisch sein, wäre Virenque nicht ausgerechnet das neue Gesicht des Uhrenherstellers Festina, dem Zeitnehmer der Rundfahrt - und dem Namensgeber des 1998 wegen Dopings aufgeflogenen Skandal-Rennstalls.

Verträumt blickt Virenque auf dem Werbebild in die Ferne, im weißen Hemd und ins rechte Licht gerückt macht der 43-Jährige optisch durchaus etwas her, auch mit dem üppigen Chronografen an seinem linken Handgelenk. Doch führt man sich vor Augen, welche Geschichte Virenque mit Festina verbindet, verkommt das Bild zur Farce. Und es sagt vielleicht mehr über den Radsport in Frankreich aus, als man zunächst annehmen mag.

Erst 2000 gestand Virenque Doping

1992 nahm Virenque zum ersten Mal an der Tour de France teil und fuhr prompt einen Tag im Gelben Trikot. Die Liebe zwischen den Franzosen und dem jungen Mann aus Casablanca war entfacht. Viermal in Folge gewann der Kletterer danach das gepunktete Trikot des besten Bergfahrers, 1997 wurde er in Paris Zweiter hinter Jan Ullrich. Im Jahr darauf setzte Frankreich alle Hoffnungen in Virenque, doch schon nach wenigen Tagen entspann sich um seine Figur die Festina-Affäre, er und seine Teamkollegen hatten systematisch gedopt. Obwohl fast alle anderen zugaben, betrogen zu haben, beteuerte Virenque immer wieder und unter vielen Tränen seine Unschuld.

Erst zwei Jahre später gestand er, ebenfalls Drogen genommen zu haben, für ein halbes Jahr wurde er gesperrt. Bis 2004 machte Virenque weiter, als sei nichts geschehen, gewann noch dreimal das Bergtrikot und mehrere Tour-Etappen. Seit seinem Karriereende arbeitet er als Kommentator für den französischen Ableger von Eurosport - und nun offenbar auch als Fotomodell für das Unternehmen, dem er einst einen so großen Imageschaden zugefügt hatte.

Wie so etwas funktionieren kann? Diejenigen, die Richard Virenque während seiner aktiven Zeit kennengelernt haben, sagen: Er ist einfach nicht besonders clever, stumpf wäre wohl ein passendes Adjektiv. Doch was nur bringt Festina dazu, Virenque als Testimonial, so heißt es in der Werbesprache, zu gewinnen?

"In Frankreich genießt Virenque wieder ein hohes Ansehen"

"Es war eine Idee des spanischen Mutterhauses", sagt Dirk Proksch von Festina Deutschland. "Man suchte dort einen französische Persönlichkeit, die so bekannt wie beliebt ist." So sei man auf Virenque gekommen. Dass die Zusammenarbeit mit ihm nach den Vorkommnissen von 1998 etwas seltsam anmutet, dass es beinahe wäre, als würde Jan Ullrich für die Telekom werben, möchte Proksch nicht gelten lassen.

"Das ist vielleicht die deutsche Sichtweise. Aber in Frankreich genießt Richard Virenque mittlerweile wieder ein hohes Ansehen, die Menschen achten ihn und vertrauen ihm. Sein Geständnis hat ihm eine enorme Glaubwürdigkeit verliehen." Seit Virenque vor einigen Jahren den Franzosen in der französischen Variante des Dschungelcamps auch noch Einblicke in Privates gewährt habe, sei die Liebe wieder grenzenlos.

Proksch mag mit seiner Einschätzung nicht unrecht haben: Als Virenque vor der 15. Etappe auf dem Mont Ventoux durch das Zuschauerspalier fuhr, natürlich mit einem Festina-Auto, jubelten ihm die Menschen zu, als sei ihm soeben auf dem Rennrad der Tagessieg gelungen.

Es ist für einen Fremden schwer nachzuvollziehen, was die Tour de France für Frankreich und die Franzosen bedeutet, wie wichtig die einstigen Helden wie Virenque oder Bernard Hinault für den Stolz einer ganzen Nation sind. Sie sind es, für die sich der hinterste Winkel des Landes hübsch macht, um doch, bitte, bitte, auch einmal gesehen und beachtet zu werden. Verstehen muss man das alles nicht.

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insgesamt 11 Beiträge
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1.
Michels Pierre 20.07.2013
Zitat von sysopRichard Virenque war der Hauptdopingsünder im Festina-Skandal 1998. Jetzt verdient der Franzose wieder Geld mit Werbung - ausgerechtet bei dem Uhrenhersteller, dessen Image er so großen Schaden zufügte. Es gehe um "Glaubwürdigkeit", so der Konzern. Tour-Dopingsünder Richard Virenque wirbt für Festina - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/tour-dopingsuender-richard-virenque-wirbt-fuer-festina-a-912112.html)
Vom Dopingsünder zur Werbeikone; das spiegelt nur unsere verlogene Gesellschaft wieder, nicht mehr und nicht weniger !!!
2. eine Uhr für ein Königreich
diamant755 20.07.2013
oder eben nicht bin mal gespannt wie sich das auf die Verkaufszahlen auswirkt oder aber ein geschickter Schritt um zu einer Billigmarke zu verkommen und bald werden Festina Uhren bei Kick für nen 5er verscherbelt natürlich mit Schalke Symbol.
3.
burgundy2 20.07.2013
Zitat von Michels PierreVom Dopingsünder zur Werbeikone; das spiegelt nur unsere verlogene Gesellschaft wieder, nicht mehr und nicht weniger !!!
Das tut es, Sie haben recht, macht Virenque aber nicht weniger liebenswert, zumindest nicht für uns Franzosen. In einer Welt, in der alle dopen, lügen und betrügen, und das immer mehr und eben nicht nur im Sport, hat er sich, Festina und Frankreich doch sehr gut vertreten. Und so gesehen darf Deutschland auch stolz auf Jan Ullrich sein. Alle, gegen die Ullrich angetreten ist, waren gedopt (zumindest die wesentlichen Fahrer). Also war er unter allen Gedopten einer der Besten. Eine beachtliche Leistung, wie die Virenques eben. Machen wir uns nichts vor, eine Kultur der Ehrlichkeit hat wohl nie existiert. Dafür ist der Mensch einfach nicht geschaffen. Man sollte sie gerade jetzt nicht zum Fetisch erheben, wo die Kultur der Unehrlichkeit allenthalben grassiert und hoffähig, ja sogar zum Gesellschaftszwang geworden ist.
4.
Rainer Helmbrecht 20.07.2013
Zitat von sysopRichard Virenque war der Hauptdopingsünder im Festina-Skandal 1998. Jetzt verdient der Franzose wieder Geld mit Werbung - ausgerechtet bei dem Uhrenhersteller, dessen Image er so großen Schaden zufügte. Es gehe um "Glaubwürdigkeit", so der Konzern. .......
Virenque hat sich in meinen Augen als wirklicher Sportler gezeigt. Er hat S.... gebaut, hat es zugegeben, seine Strafe kassiert und danach eine Leistung gezeigt, die seinen Können angemessen war. Etwas was sehr viele Betrüger im Radsport nicht mal annäherungsweise gezeigt haben und dass er mit seinem Sport Geld verdient, ist nicht ungewöhnlich, soweit mir bekannt, machte das auch Ullrich, allerdings nicht so elegant;o). MfG. Rainer
5.
silberstern 20.07.2013
Zitat von Rainer HelmbrechtVirenque hat sich in meinen Augen als wirklicher Sportler gezeigt. Er hat S.... gebaut, hat es zugegeben, seine Strafe kassiert und danach eine Leistung gezeigt, die seinen Können angemessen war.
Welche ebenfalls gestofft erbracht wurde. Lustigerweise wurde er damit zu einem der wenigen Ankerpunkte der französischen Radnation, die sich in den letzten 15 Jahren sehr schwer getan hat, große Helden hervorzubringen. Wie auch wenn man es halbwegs sauber versucht ;-)
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Sieger Land Titel Zeitraum
Lance Armstrong USA 7* 1999-2005
Miguel Indurain Spanien 5 1991-1995
Bernard Hinault Frankreich 5 1978-1985
Eddy Merckx Belgien 5 1969-1974
Jacques Anquetil Frankreich 5 1957-1964
Greg LeMond USA 3 1986-1990
Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt