Trampolin-Talent Schmidt Der Überflieger

Salti, Schrauben, Sturzgefahr: Trampolinturnen ist spektakulär und riskant. Daniel Schmidt aus Hamburg ist das größte deutsche Talent in dieser Sportart. Der 19-Jährige wird von seinem Vater trainiert, startet jetzt bei der Weltmeisterschaft und will zu den Olympischen Spielen.

Olaf Schmidt

Von Florian Haas


Mit vier Jahren hüpfte Daniel Schmidt erstmals auf einem Trampolin. Als er sechs Jahre war, fragte ihn sein Vater, ob er den Sport ernsthaft betreiben wolle. Daniel nickte.

13 Jahre später, in einer Hamburger Sporthalle: Daniel befindet sich sieben Meter über dem Boden. Unten schiebt sein Vater eine Matte mit - nur für den Fall. Er ruft nach oben: "Lang werden, Dampf raus. Höhe!"

Laut Definition ist Trampolinturnen eine Einzelsportart. Eigentlich ist es eine Zweiersportart. Trainer und Turner. Supervisor und Sportler. In diesem Fall auch Vater und Sohn. Daniel Schmidt übt acht Mal die Woche. Laufen, Kraftübungen, Beweglichkeit. Bis zu 500 Sprünge am Tag. Trainiert wird er von seinem Vater Olaf, der den Sport wiederum von seinem Vater erlernt hat. "Trampolinturnen bedeutet mir viel", sagt Daniel.

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Trampolinsport: Hohe Sprünge, teures Tuch
Olaf Schmidt ist 48 Jahre alt; er ist wie einst sein Vater bei der Polizei beschäftigt und begeisterter Trampolintrainer, war früher selbst Weltklasse. Sein Sohn Daniel ist 19; er hat vor einem halben Jahr das Abitur mit 1,9 bestanden, konzentriert sich seitdem auf den Sport und beginnt bald eine Ausbildung - bei der Polizei. "Etwas besseres kann ihm nicht passieren", sagt Vater Schmidt.

Eine Familie - eine Sportart

Drei Generationen. Eine Familie, ein Beruf, eine Sportart. Vor allem eine Sportart. Trampolinturnen ist für die Schmidts nicht nur ein Hobby. Es ist Teil ihres Lebens. Fast kann man sagen: Es ist ihr Leben. Der Großvater begleitet seinen Enkel zu Wettkämpfen. Wer Olaf Schmidt eine Mail schreiben will, kommt um das Wort Trampolin in der Empfängerzeile nicht herum. Daniel hat schon Autogrammkarten.

Mit 1,68 Meter Größe, den kurzen blonden Haaren und den definierten Armmuskeln ähnelt er ein wenig Weltklasseturner Fabian Hambüchen. Auch Hambüchen wird seit seiner Kindheit von seinem Vater trainiert; er war 19 Jahre alt, als er das erste Mal Weltmeister wurde.

Daniel bringt mehrere Sprungelemente unter Anstrengung zu Ende. Er ist sehr gut, für sein Alter extrem gut. Er sammelte über die Altersklassen hinweg 14 deutsche Meistertitel, wurde in diesem Jahr Doppel-Europameister auf dem Mini-Trampolin und Vereinsmeister mit dem TGJ Salzgitter. 2009 war er Dritter bei den Deutschen Meisterschaften, 2010 schon Zweiter - hinter seinem Vorbild Henrik Stehlik, Bronzemedaillen-Gewinner bei den Olympischen Spielen 2004.

Er startet jetzt bei der Weltmeisterschaft, die vom 11. bis zum 13. November im französischen Metz ausgetragen wird. Dort ist er mit Abstand der Jüngste im deutschen Männer-Nationalteam, das bei der WM noch von Stehlik, Dennis Luxon (beide 30 Jahre) und dem 27-jährigen Martin Gromowski vertreten wird. "Bald steht eine Wachablösung an", glaubt Olaf Schmidt, "und Daniel ist einer der Kandidaten." Sein Sohn dreht oben Schrauben. Zeit für Anweisungen.

Das Ziel sind die Olympischen Spiele

Das größte Ziel des familiären Springer-Konzerns: Olympische Spiele. 2012 ist der Traum, 2016 der Plan. Seit 2000 ist Trampolinturnen olympische Disziplin. 2008 holte China bei den Frauen und Männern Gold. In China, sagt Olaf Schmidt, können Trampolinturner reich werden, Millionäre. Chinesische Sportler üben 60 Stunden die Woche. "Eine andere Welt", sagt Olaf Schmidt. "Wir kämpfen um jeden Euro." Spätestens hier enden die Parallelen zu Turn-Großverdiener Hambüchen.

Die Schmidts suchen gerade Geldgeber, die ihnen das neue Sprungtuch mitfinanzieren. Das Tuch kostet 6000 Euro. Die Reisen zu nationalen und internationalen Wettkämpfen müssen die Schmidts zum Teil selbst zahlen. Während an Olympia-Stützpunkten wie in Stuttgart oder Bad Kreuznach Trainer und Geräte ständig zur Verfügung stehen, müssen sie das schwere Trampolin jeden Abend selbst auf- und abbauen.

Der Boden der Halle in Hamburg bereitet Probleme. Wenn das Trampolin nur wenige Zentimeter schief steht, verändert das den Sprung in seitlicher Richtung um bis zu einen halben Meter. 50 Zentimeter, die über Sturz oder Stand entscheiden können. "Das Ding zieht heute", sagt Daniel und rückt das Gerät gerade.

Daniel springt fast bis an die Hallendecke, die eigens für ihn um eineinhalb Meter erhöht wurde. Es sieht elegant aus, fast majestätisch. Dann passiert es: Er dreht einen Dreifachsalto zu weit nach außen, kann nicht mehr korrigieren und kracht aus fünf Metern auf die Trampolin-Bande und von dort auf den Boden. Er hat Glück, bleibt unverletzt. Vater und Sohn sind bleich geworden. Kurze Pause. Dann versucht sich Daniel erneut an der Übung. Er sagt, er hat keine Angst vor der Höhe. Fallschirmspringen findet er super. Sein Hobby ist Angeln. "Das gibt mir Ruhe und Kraft."

"Wir sind ein Team"

"Die Deutschen", sagt Vater Olaf, "gelten als die Chinesen Europas." Es gibt hierzulande immerhin 20.000 Trampolinturner in gut 500 Vereinen. Die Besten unter ihnen sind international erfolgreich, zählen zur europaweiten Spitze und üben professionell. So wie Anna Dogonadze, Olympiasiegerin von 2004, die in Bad Kreuznach trainiert. So wie Daniel in Hamburg.

Er schreibt jeden Fehlversuch in ein Trainingsbuch, sein Vater selbst führt genau Notiz über die Übungseinheiten, sie besprechen sich im Training alle paar Minuten. "Wir sind ein Team", sagt Olaf Schmidt.

Daniel ist gut einen Meter unter den Sprunghöhen der weltbesten Turner, die sich bis auf neun Meter federn. An Timing und Sprunggefühl muss er noch arbeiten. Auch die für diesen Sport sehr wichtige Routine fehlt ihm. Noch. "Er hat das Zeug, ein Großer zu werden", sagt sein Vater, der wie sein Sohn Mitglied beim Bramfelder SV ist. Beide tragen heute die Trainingskleidung der Nationalmannschaft.

Die WM in wenigen Tagen wird Daniels erste sein. "Er soll es genießen, die Atmosphäre mitkriegen. Die Platzierung ist egal", sagt der Vater. Er fragt seinen Sohn, ob er jetzt aufhören will. Daniel sagt, er wolle die Übung noch einmal springen. Die Antwort stellt auch seinen Vater zufrieden. Es sei toll, dass sein Sohn das alles von sich aus mache, sagt Olaf Schmidt. "Er ist sehr ehrgeizig."



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