Seglerin Anna-Maria Renken Im Alleingang über den Atlantik

Sie kündigte ihren Job als Juristin, zog nach Frankreich, jobbte in einer Pizzeria - alles für ihren Traum vom Segeln. Jetzt steht Anna-Maria Renken vor ihrer größten Herausforderung.

Anna-Maria Renken
thetransatbakery

Anna-Maria Renken


Es ist jeden Tag das Gleiche. Immer wieder erlebt Anna-Maria Renken diese emotionale Achterbahnfahrt. Morgens, wenn die 35-Jährige aufwacht, nimmt sie sich fest vor, nicht zu starten, nicht dieses Atlantik-Abenteuer zu wagen, allein über den Ozean. Doch je länger der Tag dauert, je mehr sie sich mit dem Boot und den Vorbereitungen befasst, desto mehr verschwinden die Bedenken.

Das Hadern hat nun ein Ende. Am Montag legt sie im englischen Plymouth auf einer 40-Fuß-Jacht ab und will nach 16 Tagen und knapp 3500 Seemeilen New York erreichen. Zusammen mit Renken starten 24 weitere Boote in vier Klassen bei der Transat. Die Traditionsregatta hat ihren Ursprung in einer Wette zweier Briten. Beide stritten sich 1960 darum, wer wohl schneller den Atlantik überqueren könne.

Renken hat die Strecke bereits viermal zurückgelegt - allerdings jeweils mit einer oder zwei weiteren Personen an Bord. Die Transat aber ist eine Einhand-Regatta. Mehr als zwei Wochen lang wird sie völlig auf sich alleine gestellt sein. In einem Boot, das "natürlich keine Heizung und kein fließend Wasser" hat. In dem die Temperatur unter Deck der außerhalb des Rumpfes entspricht, "fünf, sechs, sieben, acht Grad und feucht". Alles ist sehr spartanisch, ihr einziger Komfort warme Kleidung. "Ach, und das Klo", erwähnt sie fast beiläufig, "ist ein Eimer."

Bloß nicht müde werden

Eine echte Gefahr sieht Renken trotz Wellen von bis zu sechs Metern Höhe und möglichen Treibeises nicht. Man müsse natürlich aufpassen, nicht ins Wasser zu fallen, sich deshalb immer anleinen. Ganz wichtig sei es auch, nicht zu müde zu werden. Aber das könne man ja letztlich selbst steuern, so Renken. "Es ist viel schwieriger, 14 Tage in überhaupt kein Gesicht blicken zu können", sagt sie.

In ihrer Klasse der zwölf Meter langen Boote starten neun weitere Jachten, außer Renken nur eine weitere Frau. Und sie wäre im Erfolgsfall die erste Deutsche, die nur mit Wind, Wellen und Willenskraft die US-Küste erreicht. Edith Baumann war 1968 bisher die einzige Deutsche, die das Abenteuer gewagt hatte, sie musste wegen Schäden an ihrem Trimaran jedoch vorzeitig aufgeben.

Renken ist zwar in Freyersen zwischen Hamburg und Bremen aufgewachsen, in der Nähe des Wassers, dennoch blieb ihr das Segeln zunächst fremd. Trotz ihres Großvaters, der zur See fuhr und ihr viel und gern von seinen Reisen erzählte. Und der ihr vor dem Schlafengehen "An der Nordseeküste" oder auch "Wir sind Ostfriesenkinder" vorsang.

Im Jurastudium das Segeln kennengelernt

Aber selber segeln? "Nee, das war für mich in Deutschland ein Sport für alte, reiche Männer". Bis sie während ihres Jura-Referendariats 2007 in Bilbao ein Mitbewohner mit zum Regatta-Segeln nahm. Renken hat kräftige Arme, ist somit bestens geeignet, um an Bord die Schoten der Segel zu ziehen. Anschließend entwickelte sich alles ziemlich schnell. Sie habe die richtigen Leute getroffen, sagt Renken und von interessanten Segelprojekten gehört.

Renken fing 2009 in Hamburg bei einer Klassifikationsgesellschaft an, ein "todsicherer Job". Doch selbst Gleitzeit, Urlaub und andere freie Tage zusammen reichten nicht aus, um ihren Traum vom Segeln zu leben, so wie sie sich das wünschte. Renken wog ab und entschied sich für das Ungewisse, das Abenteuer.

2012 zog sie ins westfranzösische La Rochelle. Ein Jahr zuvor hatte sie dort Jean Christoph Caso kennengelernt, einen erfahrenen französischen Transatlantik-Segler. Beide verliebten sich, segelten 2012 gegeneinander eine Regatta von Frankreich nach Mexiko. Renkens erste Atlantiküberquerung.

Mit Gelegenheitsjobs über Wasser

Der Spaß war groß, die Einnahmen gering. Der Gedanke, alles aufzugeben, nach Deutschland zurückzukehren, wieder als Juristin zu arbeiten, kam ihr dennoch nie. Renken nahm stattdessen lieber Gelegenheitsjobs an, zum Beispiel in einer Pizzeria. "Ich konnte kaum Französisch und brauchte etwas, wo ich nicht viel Französisch sprechen und verstehen musste." Renken arbeitete in der Küche, rollte Pizzateig, für 8,50 Euro die Stunde. Renken suchte nie langfristige Anstellungen, sondern immer nur Arbeiten, die sie finanziell über Wasser hielten und ihr Zeit für das Segeln und die Sponsorensuche ließen.

Segeln ist für Renken ein "Abenteuer", aber auch "etwas, das man gar nicht so richtig erklären kann". Ganz alleine auf dem Ozean, umgeben von nichts als Wasser: Das seien die Momente, in denen sie "ganz demütig" werde und "gewaltig übers Leben sinniere".

Manchmal kommen ihr dann die Tränen, doch die Belohnungen überwiegen die Entbehrungen. Sie sieht Delfine, malerische Sonnenauf- und -untergänge. "Dann denkt man wieder, 'Mensch, wie privilegiert bin ich eigentlich? Wie viele Menschen können das hier machen, haben das Glück, das hier zu erleben?'"

Mehr zum Thema


insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kasam 02.05.2016
1. Finde ich toll
DER Traum schlechthin.... Besser auf Abenteuer Tour, als zu Hause sitzen und Nachrichten verfolgen, da verliert man eher seinen Verstand, als wenn man alleine segelt. Alles Gute und immer frische Winde----
fuzzi-42 02.05.2016
2. ICH könnte DAS nicht.....
.....hätte es nie gekonnt. Aber es ist gut, dass es solche Leute gibt. Sämtliche Daumen sind gedrückt!
kalim.karemi 02.05.2016
3. cool
und ich bin ein bißchen neidisch. Bräuchte ich nicht, könnte ihr ja nacheifern. Viel Erfolg.
MaseratiMob 02.05.2016
4. Immer los...
...es kann nichts Schlimmes passieren! Guten Wind und eine Handbreit Wasser unterm Kiel gibts kostenlos dazu :-)
politikus_ii 02.05.2016
5.
Viel schöner als eine Atlantiküberquerung selbst zu machen, ist es, gemütlich zuhause zu sitzen und darüber zu lesen und zu träumen. Da schaukelt nix und schlechtes Wetter ist, durch eine stabile Iso-Glasscheibe gesehen, viel angenehmer zu ertragen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.