Jan Frodeno im Interview "Vielleicht hätte ich mit Triathlon aufgehört"

Er ist zweimaliger Ironman-Weltmeister und hält den Weltrekord. Aber heute kann Jan Frodeno auf Hawaii nicht starten. Im Interview erzählt er, wie das Schicksal von Kristina Vogel ihm geholfen hat, sein Leiden einzuordnen.

Jan Frodeno
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SPIEGEL ONLINE: Herr Frodeno, Sie wollten Mitte Oktober zum dritten Mal Ironman-Weltmeister auf Hawaii werden. Jetzt zwingt Sie eine Stressfraktur im Kreuzbein-Darmbeingelenk zum Zuschauen. Machen sich 15 Jahre Profisport langsam bemerkbar?

Jan Frodeno: Dachte ich auch. Deshalb habe ich vor Kurzem einen Bluttest gemacht und meine Knochendichte messen lassen. Die jahrelange Plackerei ist nicht Schuld an der Verletzung.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Frodeno: Wohl ein Sturz bei der WM in Südafrika Anfang September. In der zweiten Wechselzone hat mir ein Helfer das Rad bei der Übergabe so schnell aus den Händen gezogen, dass ich auf dem nassen Asphalt weggerutscht und mit der linken Hüfte auf den Boden geknallt bin.

SPIEGEL ONLINE: Trotz Sturz sind Sie zum zweiten Mal in Ihrer Karriere Weltmeister über die Ironman-Halbdistanz geworden.

Frodeno: Das ist ja das Kuriose. Beschwerden hatte ich im Rennen und selbst am nächsten Tag keine. Erst auf dem Heimflug nach Australien bekam ich nie gekannte Rückenschmerzen. Eine MRT-Untersuchung brachte dann Gewissheit, wie ernst es ist.

SPIEGEL ONLINE: Hawaii ist Höhepunkt und Gradmesser jeder Saison. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als klar wurde, dass Sie unmöglich starten können?

Frodeno: Anfangs war ich am Boden zerstört. Triumph und Niederlage lagen in meiner Karriere nie zuvor so eng beieinander. Ich habe in diesem Jahr alle Wettbewerbe gewonnen, hatte mehr Spaß am Triathlon als je zuvor. Und plötzlich war es vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie mit dieser Enttäuschung umgegangen?

Frodeno: Ich habe in Ruhe analysiert, wie ernst meine Verletzung tatsächlich ist und was sie für meine Zukunft bedeutet. Als ich im SPIEGEL gelesen habe, wie es der querschnittsgelähmten Bahnradsprinterin Kristina Vogel nach ihrem Trainingsunfall ergangen ist, wusste ich, wie klein meine Sorgen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wer unterstützt Sie, Rückschläge zu verarbeiten?

Frodeno: Das mache ich mit mir selbst aus. Früher bin ich oft wütend über mich geworden. Heute weiß ich, dass Erfolg nicht geradlinig kommt, sondern in Wellen. Verbittert zu sein, bringt nichts. Das raubt mir nur Energie, die ich brauche, um fit zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie wieder trainieren?

Frodeno: Nein. Das Gelenk braucht zur Regeneration mindestens sechs Wochen Ruhe. Nur Schwimmen geht. Mit zusammengebundenen Füßen und einer Schwimmhilfe aus Schaumstoff zwischen den Oberschenkeln. Ansonsten muss ich untätig abwarten. Das ist das Schlimmste.

SPIEGEL ONLINE: Schon vergangenes Jahr quälten Sie sich auf Hawaii mit üblen Rückenschmerzen eine Stunde nach dem Sieger ins Ziel. Jetzt sind Sie erneut verletzt. Macht es das umso frustrierender?

Frodeno: Hawaii 2017 war ein anderer Fall. Da habe ich mir hinterher schwere Vorwürfe gemacht und mich gefragt, was ich in der Vorbereitung verbockt hatte. Dieses Jahr war ich machtlos.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht haben Sie gelernt, zu akzeptieren, was Sie nicht ändern können.

Frodeno: Ich habe vor allem gelernt, in Enttäuschungen das Gute zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Gute daran, verletzt zu sein?

Frodeno: So kann ich mich nächstes Jahr noch einmal mit den Besten messen. Wäre ich nach dieser grandiosen Saison noch WM-Sieger auf Hawaii gewonnen, hätte ich vielleicht mit dem Sport aufgehört.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie der Erfolg endgültig satt gemacht hätte?

Frodeno: Eher weil es der perfekte Zeitpunkt gewesen wäre, um am Höhepunkt meiner Laufbahn abzutreten. Diesen Moment zu erwischen, ist ja das Schwierigste.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt 37 Jahre alt, waren Triathlon-Olympiasieger, Europameister, Weltmeister und halten die Ironman-Weltbestzeit von 7:35:39 Stunden. Was treibt Sie noch an?

Frodeno: Die Suche nach dem perfekten Rennen, in dem ich einhundert Prozent mit mir zufrieden bin - so wie in Südafrika. Dort habe ich gegen meine ärgsten Konkurrenten Alistair Brownlee und Javier Gómez im richtigen Moment die Leistung meines Lebens abrufen können. Nie zuvor habe ich eine so tiefe Zufriedenheit gespürt. Dieses Glücksgefühl will ich noch einmal erleben.

SPIEGEL ONLINE: Zeiten und Rekorde interessieren Sie nicht mehr?

Frodeno: Wichtiger ist mir, meine absolute Leistungsgrenze zu finden. Einen Punkt, an dem ich sagen kann: Das war es. Mehr geht nicht. Aber ich weiß, bei mir geht noch etwas.

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Sibylle1969 13.10.2018
1. Iliosakralgelenk
Das Kreuzbein-Darmbeingelenk ist besser bekannt als Iliosakralgelenk. Ich hatte mal eine Blockade des Iliosakralgelenks, das waren ohne Übertreibung die schlimmsten Schmerzen meines Lebens. Eine Stressfraktur des Iliosakralgelenks stelle ich mir sehr unangenehm vor.
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