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19. Januar 2013, 11:49 Uhr

TV-Dopingbeichte

Armstrongs krumme Tour

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Drei Stunden TV-Interview, ein Dopinggeständnis, keinen einzigen Namen: Die groß angekündigte Beichte von Lance Armstrong entpuppt sich als heiße Luft. Der Texaner gibt sich reuig, der Täter inszeniert sich sogar als Opfer. Und Moderatorin Oprah Winfrey spielt dabei sehr gut mit.

Irgendwann wurde es doch noch spannend zwischen Oprah Winfrey und Lance Armstrong. "Gab es irgendjemanden, der die ganze Wahrheit über Ihr Doping wusste?", fragte die Talkshow-Queen den ehemaligen Superstar des Radsports. Kurzes Zögern, dann die Antwort: "Ja." Wer wird das wohl sein? Armstrongs langjähriger Rennstallboss Johan Bruyneel? Sein alter Team-Kumpel George Hincapie vielleicht? Oder doch einer der Chef-Funktionäre des Radsport-Weltverbands UCI? Wir wissen es nicht. Denn Winfrey fragte nicht, was wohl jeder gefragt hätte, sondern sagte: "Ich möchte noch einmal zu Ihrer Ex-Frau Kristin zurückkommen."

Eine typische Szene aus dieser mit beispiellosem Getrommel angekündigten TV-Beichte des siebenfachen Tour-de-France-Siegers. Die Erwartungen an den Fernsehauftritt waren riesig, die Ergebnisse hingegen kümmerlich. Armstrong hat zugegeben, sämtliche Tour-Erfolge mit Hilfe von verbotenen, leistungssteigernden Mitteln errungen zu haben. Das ist das Ergebnis des Geständnisses. Aber das hatte die US-amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada Armstrong schon vor einem halben Jahr nachgewiesen.

Ansonsten ist die Öffentlichkeit nach diesem Gespräch, das im US-Fernsehen in zwei Teilen von insgesamt drei Stunden gesendet wurde, so schlau wie zuvor. Nach wie vor bleibt im Dunkeln, was die UCI von Armstrongs Praktiken gewusst hat. Kein Wort dazu, welche anderen Spitzenfahrer ebenfalls zu den von Armstrong bevorzugten Dopingmitteln gegriffen haben. Selbst die vor der Ausstrahlung lancierte Meldung, Armstrong werde ankündigen, gegen "mächtige Männer im Radsport auszusagen", entpuppte sich als purer PR-Trick der Winfrey-Redaktion. Im Interview selbst sagte Armstrong kein Wort davon, er klagte niemanden an.

Stattdessen ganz viel Gefühl, Tränchen inklusive. Wie geht es Armstrongs Familie? Wie hat es sein Sohn erfahren, wie seine Mutter? Winfrey verkniff sich zum Glück nachzufragen, wie Armstrong es seinen Haustieren beigebracht hat, dass er ein Dopingsünder ist.

Dafür immer wieder die Frage: Wird er wieder aufstehen? Als ob Armstrong einen Schicksalsschlag erlitten habe. Gefühliges fürs amerikanische Publikum mit einem Täter, der sich reuig genug gab, um zeitweilig als Opfer dazustehen. Schließlich hat er an einem Tag 75 Millionen Dollar verloren, als sämtliche Sponsoren, die ihm zuvor jahrelang die Treue gehalten hatten, es nach Armstrongs Überführung nicht eilig genug hatten, sich von ihm abzuwenden.

Armstrong durfte unwidersprochen die Chuzpe besitzen, seine lebenslange Sport-Sperre als "Todesstrafe" zu bezeichnen. Er konnte ausführen, dass er nach seiner Krebserkrankung "ein besserer Mensch geworden" sei. Das war die Zeit, in der er triumphal in den Leistungssport zurückkehrte. Die Zeit, in der er sein Dopingprogramm systematisierte. Er, der bessere Mensch.

So habe er seiner Ex-Frau, die im Groben über Armstrongs Doping Bescheid gewusst habe, bei seinem Comeback im Jahr 2009 auch versprochen, "nie wieder eine verbotene Linie zu überschreiten", wie Armstrong sagte. Seit diesem Zeitpunkt sei er denn auch komplett ohne Doping Rad gefahren. Die Usada hat mittlerweile mitgeteilt, sie habe deutliche Beweise, dass diese Aussage nicht stimmt und der Texaner auch bei seinem Comeback mit Mitteln nachhalf.

Doping im Radsport zu nutzen, das sei so normal gewesen, wie Luft in die Reifen zu pumpen oder die Wasserflaschen täglich aufzufüllen, hat Armstrong in dem Interview mit Oprah Winfrey gesagt. Das ist einer der Sätze, die möglicherweise Bestand haben werden aus diesem Gespräch. Weil er alles über eine Sportart aussagt, die sich vollständig verloren hatte. "I lost my way", hat Armstrong am Ende des Interviews gesagt. Das gilt viel mehr noch für den Profi-Radsport an sich.

Am Ende gab der überführte Betrüger selbst noch seinen Segen für diese (einst) völlig verseuchte Sportart ab: "Ich gehe davon aus, dass der Radsport heute sauber ist", gab Armstrong den die Absolution erteilenden Beichtvater. Man kann sicher sein, dass die UCI sich auf diesen Satz noch häufig berufen wird. Lance Armstrong - der Kronzeuge für einen heute sauberen Radsport. Das war die amüsanteste Anekdote des gesamten Interviews.

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