Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

TV-Sport: Japan, Action, Irrsinn - Takeshi's Castle

Von Andreas Busche

In gut einer Woche startet hier zu Lande der neue Film des "Goldene Löwe"-Preisträgers Takeshi Kitano. Was das mit Sport zu tun hat? In seiner Heimat liebt man den japanischen Kult-Regisseur weniger für seine Mafia-Dramolette als für die von ihm moderierte Extrem-Adventure-Gameshow "Takeshi's Castle". Und die läuft seit kurzem endlich auch im deutschen Fernsehen.

Japaner sind ein extrem leidensfähiges Volk. Von den Zeiten der Shogunate bis in die Arbeitswelt des modernen Japans ist die Lebensweise von der traditionellen Unterordnung des eigenen Körpers unter eine höhere Ordnung bestimmt. Das Leben im Land der aufgehenden Sonne erscheint von einem westlichen Blickwinkel aus betrachtet nur schwer nachvollziehbar - bis in die Freizeitgestaltung hinein.

Das Gefolge
DSF

Das Gefolge

Ein besonders herausragendes Beispiel unorthodoxen Verhaltens abseits der Kernarbeitszeiten ist seit dem 11. Oktober dieses Jahres im Deutschen Sportfernsehen (DSF) unter Augenschein zu nehmen. Werktags zwischen 17.15 bis 18 Uhr startet der Spartenkanal mit der Extrem-Adventure-Gameshow "Takeshi’s Castle" seine neuerliche Buhlkampagne um junge Zuseher. DSF-Programmleiter Wolfgang Wild: "Besonders beliebt ist "Takeshi’s Castle" bei den 14- bis 29-Jährigen." Ziel sei es "Fiction-orientierte Jugendliche an den klassischen Sport heranzuführen", so Wild.

Zwar hat das DSF mit nicht weniger ungewöhnlichen Sendereihen wie "Monster Trucks", "Außer Kontrolle" und "Blade Warriors" schon mehr oder weniger behutsame Vorarbeit geleistet, der plötzliche Erfolg von "Takeshi’s Castle" aber traf die Ismaninger dann doch überraschend. Durchschnittlich 340.000 Zuschauer sehen die einzelnen Folgen, was einem Marktanteil von 2,9 Prozent entspricht. In der von Wild anvisierten Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen liegt er mit bis zu 23,1 Prozent in der Spitze wesentlich höher.

Ein Kandidat
DSF

Ein Kandidat

"Takeshi’s Castle" startete seinen Siegeszug 1986 in Japan, wo es 1991 eingestellt wurde, und flimmerte danach mit großem Erfolg über TV-Bildschirme in Spanien, Italien, Singapur und Brasilien, bevor es jetzt nach Deutschland kam.

Im "Schloss Takeshis" regiert der blanke Irrsinn. In der Tradition japanischer Unterhaltungs-Fernsehformate, nach der alles möglichst noch alberner, absurder und blöder aussehen muss, zwängte sich der damals als Komödiant bekannte Takeshi über fünf Jahre hinweg in grellbunte Fürstengewänder, um als übermächtiger Regent mit Sicherheitschef und Berater Saburo Ishikura den Sturm des abtrünnigen Generals Hayati Tani und dessen Gefolge auf seine Burg zu beobachten und in der Manier der Muppets-Opas Waldorf und Statler zu kommentieren.

Ein Verteidiger
DSF

Ein Verteidiger

Bis zu 150 Kandidaten durchlaufen dabei neun verschiedene Etappen, auf denen Geschick, Sportlichkeit oder zumeist ganz einfach nur ihr Glück einer harten Probe unterzogen werden. Zwei der obskursten Ausgeburten des infantilen Spieltriebs der Gameshow-Entwickler sind das menschengroße Bowlingspiel und der "menschliche Flipper". Während beim Bowling zehn Teilnehmer in Schaumstoffkegel kriechen und von riesigen Kugeln abgeschossen werden, sind die Mitspieler beim "Flippern" in atmungsaktiven Plexiglaskugeln zusammengepfercht und werden einen Hindernis-Parcours bergab geschickt.

Über 100 solcher Prüfungen haben sich die Macher ausgedacht. Die vier bis zehn Kandidaten, die nach den neun Etappen übrig geblieben sind, werden zum Showdown in Pappmachee-Mobile gesetzt und müssen im Zuge einer chaotischen Verfolgungsjagd mit Wasserpistolen den Panzer des Fürsten Takeshi und seiner Leibgarde abschießen.

Einer der Verteidgier von Takeshis Castle
DSF

Einer der Verteidgier von Takeshis Castle

In Japan war die 121teilige Serie so etwas wie der Prototyp für die berühmt-berüchtigten japanischen Extrem-Gameshows, die schnell eine sehr sadistische Ader entwickelten und in denen es zuvorderst darum geht, in bizarren Spiel-Konzepten körperliche (Schmerz-)Grenzen auszuloten. Im Vergleich dazu verblassen deutsche Formate der neunziger Jahre, wie die "100.000-Mark-Show" oder "Der Krypton-Faktor", die sich primär auf den eher uninteressanten Survival-of-the-Fittest-Aspekt konzentrierten und weniger auf den respektlosen Umgang mit ihren Kandidaten und deren körperlicher Gesundheit.

Hier zu Lande ist "Takeshi’s Castle" auf Grund der relativ späten Entdeckung inzwischen allerdings auch aus einem ganz anderen Grund interessant. Denn Spielleiter "Beat" Takeshi Kitano ist spätestens seit dem Gewinn des "Goldenen Löwen" bei den Filmfestspielen von Venedig 1997 ein Begriff: Seit "Hana-Bi" gilt Kitano als der zeitgenössische japanische Autorenfilmer schlechthin. Seine sehr eigenwilligen Dramen, meist im unmittelbaren Umfeld der japanischen Mafia Yakuza angesiedelt, zeichnen sich durch eine geradezu meditative Ruhe aus, die den Zuschauer mitunter etwas isoliert außen vor lässt. Eine Empfindung, die den Zuschauern von "Takeshi’s Castle" völlig fremd sein dürfte.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: