Radprofis und Social Media: Tour de Twitter

Von Franziska Ringleben

Glückwünsche an Kollegen, Fotos von der Etappe, Alltags-Anekdoten und Banalitäten, kompakt verpackt in 140 Zeichen. Kaum ein Radprofi kommt beim wichtigsten Radrennen des Jahres ohne den Kurznachrichtendienst Twitter aus - mit teils skurrilen Folgen.

Twitter bei der Tour de France: Wut-Tiraden und Team-Interna Fotos
AFP

Der Australier Adam Hansen vom Team Lotto Belisol brachte mit einem Tweet seine ganze Wut zum Ausdruck: "Solche Idioten, die überall Reißzwecken verteilt haben. Kiserlovski hat sich das Schlüsselbein gebrochen. So viele sind gestürzt. Es ist Sport und Spaß, bis sich jemand verletzt." Kurz vor der Passhöhe an der Mur de Péguère hatten Unbekannte Reißnägel und andere spitze Metallgegenstände auf die Strecke geworfen.

Twittern bei der Tour de France, das ist im Fahrerfeld mittlerweile eine häufig genutzte Kommunikationsform. Doch nicht immer geht es dabei um so wichtige Dinge wie die Aufarbeitung einer Reißnägel-Attacke. So werden auch etliche Banalitäten kundgetan. Beispielsweise von Mark Cavendish: "Mist, habe im TV ein Interview mit mir gesehen. Muss mich vor dem Schlafengehen rasieren", twitterte er.

Zumindest beim Griff zum Handy ist der Brite immer ganz vorne mit dabei. An manchen Tour-Tagen hat der Sky-Fahrer sogar mehr Kurz-Einträge als Punkte auf der Etappe vorzuweisen: "Ich hatte heute üble Magenkrämpfe und habe unabsichtlich gefurzt. Habe echt gedacht, ich hätte Durchfall. Sorry an die Liquigas-Jungs, die hinter mir fuhren." Rund 360.000 Follower scheint es zu interessieren.

Soziale Emotionen lassen sich über Twitter gut verbreiten

Unzensiert, ungehobelt, aber durchaus mit Bedacht: "Nirgendwo lassen sich Emotionen besser verbreiten als bei sozialen Netzwerken wie Twitter. Es wird den Sportlern leicht gemacht, ihre Fans bei Laune zu halten", erklärt Dr. Thomas Horky, Professor für Sportjournalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg und Experte für den Einsatz von Social Media bei sportlichen Großereignissen.

Bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver war es die US-amerikanische Skirennläuferin Julia Mancuso, die den Twitter-Boom auslöste. Seitdem entdecken immer mehr Athleten den Kurznachrichtendienst als Sprachrohr für sich und nutzen ihn für Werbung in eigener Sache.

Während der Fußball-Europameisterschaft 2012 war im Lager der DFB-Elf Twittern zwar durchaus erwünscht, aber nur unter Vorbehalt. Bundestrainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff versorgten ihre Spieler mit einem Leitfaden für den richtigen Umgang mit Social Media.

"Er will uns seine Backe nicht zeigen"

Anders verfahren wird hingegen bei den US-Open oder Spielen der US-Amerikanischen Basketball-Liga NBA. Sie wurden längst zu twitter- und facebookfreien Zonen ernannt. "Aus Angst vor Kontrollverlust. Es soll vermieden werden, dass Interna über Verletzungen oder Taktik nach außen dringen oder Lizenzinhaber verärgert werden", sagt Horky.

Diese Befürchtungen scheinen bei der Frankreich-Rundfahrt noch nicht Einzug gehalten zu haben. Im Gegenteil. "Er will uns seine Backe nicht zeigen", verkündete Cavendish nach dem fehlgeschlagenen Versuch, ein Foto des Hinterteils seines gestürzten Teamkollegen Bernhard Eisel zu ergattern - er übermittelte dann immerhin noch ein Bild des Österreichers auf der Krankenliege. "Plastische Chirurgie im Teambus. Vier Stiche, nichts Ernstes", gab Eisel nach dem Massensturz vor dem Ziel der vierten Etappe ebenso via Twitter Entwarnung.

"Radfahrer haben bei der Tour de France im großen Peloton nur wenig Möglichkeiten, sich selbst als Marke in den Medien darzustellen. Um als Fahrer 93 von 198 Tour-Teilnehmern Aufmerksamkeit zu generieren, musst du entweder eine Etappe gewinnen oder du tweetest eben ein Foto von deinen schwieligen Händen", so Horky.

Banale Tweets sollen heile Welt konstruieren

Wenn Radsport eine Rolle in den Medien spielt, dann vor allem, wenn er wegen Dopings für Schlagzeilen sorgt. So überlagerten bei dieser Tour die Anklage des französischen Profis Rémy di Grégorio wegen Besitzes verbotener Substanzen und die mögliche Aberkennung aller sieben Tour-de-France-Siege des einstigen Pyrenäen-Königs Lance Armstrong die Berichterstattung.

Horkys Fazit: "In Deutschland ist die Berichterstattung von der Tour de France oft sehr auf Doping reduziert. Sportler haben kaum eine Chance, mit anderen Themen in den Medien präsent zu sein. Daher versuchen sie offenbar, sich mit Twitter zu Wort zu melden - ohne Abhängigkeiten von Journalisten."

Deshalb nutzen Sportler die Möglichkeit, mit Hilfe von Twitter eine heile und faire Sportwelt zu konstruieren. Sie teilen Schnappschüsse oder beglückwünschen sich gegenseitig zum Etappensieg. Der deutsche RadioShack-Fahrer Andreas Klöden zeigte sich etwa von der Leistung André Greipels angetan: "Gratulation an André Geipel für seinen Etappensieg. Ich denke, das war nicht sein letzter der Tour. Starker und netter Typ."

Doch irgendwann gehen auch bei Cavendish, Greipel und Co. Licht und Handys aus. So twitterte Zeitfahr-Weltmeister Fabian Cancellara nach der vierten Etappe aus seinem Hotelzimmer in Rouen: "Noch ein kleiner Mitternachtssnack (Keks) vor dem Schlafen. Das hab ich mir verdient."

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Die Sieger der Tour de France
Jahr Sieger Land
2014 Vincenzo Nibali Italien
2013 Chris Froome Großbritannien
2012 Bradley Wiggins Großbritannien
2011 Cadel Evans Australien
2010 Andy Schleck Luxemburg
2009 Alberto Contador Spanien
2008 Carlos Sastre Spanien
2007 Alberto Contador Spanien
2006 Óscar Pereiro Spanien
2005 Lance Armstrong* USA
2004 Lance Armstrong* USA
2003 Lance Armstrong* USA
2002 Lance Armstrong* USA
2001 Lance Armstrong* USA
2000 Lance Armstrong * USA
*Aberkannt

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