Schwergewichts-Boxer Fury Nur ein ganz klein bisschen Ali

Nach seinem Sieg gegen Wladimir Klitschko stürzte Tyson Fury ab und wurde drogenabhängig. Jetzt kämpft der "Gypsy King" wieder um die WM - und könnte eines der größten Comebacks der Boxgeschichte feiern.

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Die Waage, mit der die Kampfgewichte von Muhammad Ali und Joe Frazier für den legendären "Thrilla in Manila" ermittelt wurden, zeigt nur bis 100 Kilogramm an. Am 1. Oktober 1975 boxten Ali und Frazier auf den Philippinen um die Schwergewichts-Weltmeisterschaft nach Version der WBA und WBC. Damals war das 100-Kilo-Limit ausreichend.

43 Jahre später sieht das anders aus. Für den Kampf zwischen Tyson Fury und Deontay Wilder, die in der Nacht zu Sonntag (5 Uhr deutscher Zeit, DAZN) in Los Angeles um den WBC-Titel boxen, wurde eine Waage mit höherer Maximallast benötigt - wegen Fury. Der Brite wird mit 116,3 Kilogramm in den Ring steigen.

Ali war nicht nur der "Größte", weil er sich selbst dazu erklärt hatte. Mit 1,91 Metern gehörte er auch zu den körperlich größten Boxern seiner Zeit. Fury wäre mit seinen 2,06 Meter in der Ali-Zeit ein abnormer Riese gewesen. Heute ist er zwar immer noch groß, aber eben auch nicht viel größer als zum Beispiel Wilder (2,01 Meter) oder Anthony Joshua (1,98 Meter).

Fury hat Entertainment-Qualität

Zeiten und Maße ändern sich. Klar ist aber auch: Was aktuelle Schwergewichtler den früheren Idolen körperlich voraushaben, fehlt ihnen im historischen Vergleich an Charakter und Charisma. Dabei hätte gerade Fury innerhalb wie außerhalb des Rings die Voraussetzungen gehabt, zum Ali-Nachfolger zu werden.

Der Boxstil des Briten ist innovativ und unverwechselbar. Für seine Größe ist er bemerkenswert schnell und beweglich - fast and furyous. Das sieht zwar eigenartig aus, ist aber sehr effektiv, wie unter anderem Wladimir Klitschko erfahren musste. Der Ukrainer, der das Schwergewicht zuvor mehr als zehn Jahre dominiert hatte, war gegen Fury im November 2015 chancenlos.

Rund um seinen größten Erfolg stellte Fury auch seine Entertainer-Fähigkeiten unter Beweis. Es gibt keinen Boxer in seiner Generation, der bei Pressekonferenzen unterhaltsamer und lustiger ist als der Brite. Mal verkleidet er sich als Batman, dann macht er Witze über sein Übergewicht. Nach dem Sieg gegen Klitschko sang Fury noch im Ring "I don't want to miss a thing" von Aerosmith - für den Unterlegenen muss das besonders demütigend gewesen sein.

In solchen Momenten erinnert Furys Gehabe an Ali, der sich neben seiner herausragenden Qualität im Ring auch dadurch einen Namen machte, dass er seine Gegner verhöhnte und provozierte.

Die dunkle Seite des Tyson Fury

Doch trotz der Parallelen wird Fury nie in einem Atemzug mit Ali als eine der größten Sportpersönlichkeiten der Geschichte genannt werden. Denn während sich Ali neben all seiner Exzentrik für Menschenrechte, Frieden und Freiheit einsetzte, spaltet Fury, anstatt zu vereinen.

In Interviews hat er Homosexualität mehrfach mit Pädophilie und Sodomie gleichgesetzt. Auch zu rassistischen und antisemitischen Äußerungen lässt sich der Brite immer wieder hinreißen. Es sind die Momente, in denen seine Herkunft am deutlichsten zum Vorschein kommt. Fury nennt sich selbst stolz "Gypsy King". Er entstammt einer Sippe mit Ursprung bei den "Irish Travellers", einer Roma-ähnlichen Volksgruppe mit eigenem Rechts- und Moralverständnis.

Sein Vater John wurde 2011 zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt, nachdem er einem Bekannten bei einer öffentlichen Auktion mit bloßen Händen ein Auge ausgestochen hatte. Auslöser der Auseinandersetzung soll ein Streit über eine Flasche Bier zwölf Jahre zuvor gewesen sein.

Nachdem er Klitschko besiegt und sich zum Weltmeister gekrönt hatte, beklagte Tyson Fury wiederholt, dass ihm in England nicht genug Respekt und Anerkennung für seine Leistungen entgegengebracht werde. Der Grund dafür sei, dass die Briten einem "Gypsy" den Erfolg nicht gönnen würden.

Kokainsucht, Übergewicht, Suizidgedanken

Seine Unzufriedenheit gepaart mit den Millioneneinnahmen und dem Gefühl der Unbesiegbarkeit gipfelte in der bisher dunkelsten Phase in Furys Leben. Ein geplanter Rückkampf gegen Klitschko 2016 platzte, nachdem der Brite bei einer Dopingkontrolle positiv auf Kokain getestet wurde.

In Folge seiner Feierexzesse war er der Droge verfallen. Fury wurde gesperrt, erklärte dann seinen Rücktritt, verlor Fokus und Orientierung im Leben, trainierte nicht mehr, nahm stark zu und wog zwischenzeitlich mehr als 180 Kilogramm. Später sprach er öffentlich über Depressionen und Suizidgedanken.

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Tyson Fury: Titel, Doping und schlechte Sprüche

Inzwischen sagt er, der Boxsport habe sein Leben gerettet. Im Herbst 2017 begann Fury mit der Vorbereitung seines von den allermeisten für unmöglich gehaltenen Comebacks, trainierte 60 Kilo ab und kehrte im Juni 2018, nach Ablauf seiner zweijährigen Sperre, in den Ring zurück. Da er bislang keinen Kampf verloren hat, sieht er sich immer noch als "Lineal World Heavyweight Champion".

Tyson glaubt an Fury

Obwohl der Beweis noch aussteht, dass Fury überhaupt besiegbar ist, gilt der Brite im Kampf gegen Wilder als Außenseiter. Denn auch sein Gegner, der amtierende WBC-Weltmeister, ist noch ungeschlagen und hat eine überragende K.o.-Quote. Und es wäre tatsächlich eins der größten Comebacks der Boxgeschichte, sollte sich Fury nach all den Rückschlägen und persönlichen Dramen erneut zum Weltmeister krönen.

Einer der Experten, die an Fury glauben und sich für ihn freuen würden, ist sein Namensgeber. Mike Tyson war 1988, als Fury geboren wurde, ungeschlagener Weltmeister und auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Heute sagt Tyson, Wilder könne zwar hart zuschlagen, aber eben doch nicht so hart, wie es das Leben bei Fury schon getan habe.

"Nichts ist vergleichbar mit der Willensstärke, die Fury innerhalb und außerhalb des Rings gezeigt hat", meint Tyson. "Natürlich hat er eine gute Chance, den Kampf zu gewinnen." Dem lässt sich schwer widersprechen. Immerhin hat Fury in der Vergangenheit gezeigt, dass er jeden Gegner schlagen kann. Sogar sich selbst.



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Sintemale 01.12.2018
1. Lennox Lewis 116 kg.
So ungewöhnlich ist ein solches Kampfgewicht nicht. Es ist dem Fury nur zu wünschen, dass er die Intelligenz von Lewis hat. Der mit seiner Taktik den gewaltigen K.o.-Schläger Tyson am 8. Juni 2002 in Memphis ins Leere laufen liess und den so zermürbte, dass der in der 8. Runde aufgeben musste. Ähnlich Vitali Klitschko (112 kg) am 21. Juni 2003 im Staples Center in Los Angeles in der 6. Runde.
matthip 01.12.2018
2. Könnte sehr unterhaltsam werden
Boxerisch ist Fury deutlich besser als Wilder, der eigentlich nur wilde Schwinger verteilt - das aber sehr effektiv. Gegen Joshua dürfte keider der beiden eine Chance haben.
Trollflüsterer 01.12.2018
3.
Was ist denn hier los? Der Autor vergleicht ihn boxerisch mit Ali, Voraussetzungen gehabt, zum Ali-Nachfolger zu werden ... ... einer herausragenden Qualität im Ring usw. Und dann Foristen: "Fury deutlich besser als Wilder..." Leute, Fury hat nur zweimal in seinem Leben gegen einen maximal halbwegs brauchbaren Mann geboxt und gewonnen, nämlich Chisora. Und das einmal auch nur nach Punkten. Selbst eine Quali für Olympia 2008 hat er sang und klanglos verpasst. Und dann war da eben der Kampf gegen Glaskinn Klitschko. Was in dem seltsamen Kampf los war... Entweder gab es vorher irg. Absprachen, verhaltener boxen, keine Ahnung, eher unwahrscheinlich. Jedenfalls hatte K. keinen normalen Tag. Er schlug ja gar nicht, wie Wilder in der PK erstaunlich präzise analysiert hat, und schien den Gegner komplett unmotiviert unterschätzt zu haben. Dazu dann noch, dass Fury Nandrolon gedopt war. Und jetzt Wilder. Wenn dieser Kampf komplett sauber abgeht, sprich Wilder frei gewinnen kann, dann wird er Furys Karriere heute Abends endgültig beenden. Der mit Joshua gerade mit großen Abstand beste Schwergewichtler hätte heute das Zeug diese Karikatur eines großen Champs, Ali Herr Autor?, direkt in die Notaufnahme zu schicken. Wilder ist Dynamit und Joshuas sollte schon mal gut trainieren für diesen dann wirklich Mega Fight im Schwergewicht.
nico211 02.12.2018
4. Schade...
Fury hat über weiter Strecken super geboxt...schade, ohne die Niederschläge hätte er es eindeutig gepackt. Auch schade für Wilder, hätte er ihn ausgeknockt, wäre die Sache auch klar.. naja, so in der Revanche wird man sehen, wie es läuft.
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