Machtkampf im Radsport McQuaid greift in die Trickkiste

Brian Cookson will zum neuen Präsidenten im Weltradsportverband gewählt werden. Die Chancen auf einen Wechsel an der Spitze bleiben wenige Stunden vor der Wahl unklar. Neben geheimen Stimmzetteln werden auch Tricks in der Tagesordnung über Sieg und Niederlage entscheiden.

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Aus Florenz berichtet


Am Abend vor der Wahl versammelten sich die europäischen Delegierten im Grand Hotel Meditarraneo in Florenz. Bereits zwei Wochen zuvor hatte Europa seine Nationalverbände zur Abstimmung in Zürich zusammengetrommelt. Danach kommunizierte der europäische Verband UEC: Nach acht Jahren würde man den Wechsel an der Spitze des Radsportweltverbandes UCI befürworten. Man werde für den Herausforderer Brian Cookson anstelle des umstrittenen Amtsinhabers Pat McQuaid mit sämtlichen 14 Delegierten stimmen. Am Freitag fällt in Florenz die Entscheidung.

Das Rennen ist trotzdem offen. Und McQuaid noch lange nicht aus dem Spiel.

Denn so eindeutig war das Votum in Zürich nicht. Zehn Verbände immerhin sprachen sich intern gegen Cookson aus. Mindestens einer dieser Personen wird nach Information von SPIEGEL ONLINE am Freitag als Delegierter einen Stimmzettel in der Hand haben. Der Ire McQuaid rechne mit zwei Stimmen aus Europa, heißt es.

Neben Europa gelten die Nationen Australien, Neuseeland und USA als Cookson-Befürworter. Dem Gegenüber steht eine Überzahl an Stimmen aus Afrika, Amerika und Asien für Pat McQuaid. Wer die absolute Mehrheit von 22 Stimmen erreicht, wird von 2013 bis 2017 die UCI als Präsident führen.

Ein mächtiger russischer Unterstützer

Um die notwendigen Stimmen zu gewinnen, hat der Brite Cookson in den letzten Wochen groß aufgefahren. Seine Kommunikationsagentur Vero kommunizierte in Dauerschleife. Vero-Gründer Mike Lee kennt das Geschäft seit Jahren, verdiente an zahlreichen Olympia Kandidaturen mit, holte die Olympischen Spiele 2012 nach London und 2016 nach Rio de Janeiro. Ein Kommunikationsprofi, der nicht günstig zu bekommen ist.

"Ich erhalte nur über den britischen Radsportverband finanzielle Unterstützung", sagte Cookson SPIEGEL ONLINE. Sein Wahlkampf würde nicht aus Amerika oder von dem Russen Igor Makarow finanziert werden. Dies behauptete zuletzt das McQuaid-Lager. Über die Höhe der genauen Finanzierung schweigt Cookson ebenso wie der eigene Radsportverband. Wiederholte Anfragen von SPIEGEL ONLINE blieben unbeantwortet.

Der steinreiche Russe Makarow gilt als einer der einflussreichsten Personen im modernen Radsport und zählt zu den prominenten Unterstützern von Cookson. Mit seinem Erdgaskonzern ITERA investiert er seit Jahren Millionen in den Radsport. Makarow, der enge Kontakte zu Russlands Präsident Wladimir Putin pflegt, überweist dem europäischen Radsport alljährlich Millionen als Premiumsponsor. Ein einflussreicher Oligarch, der mit Cookson eine neue Führung einsetzen möchte. Diesen Sommer ließ er ein 54-seitiges Dossier für UCI-Mitglieder zusammenstellen, indem er korrupte Handlungen von McQuaid und Vorgänger Hein Verbruggen dokumentierte.

Zu viel Nähe zum eigenen Radsportverband?

Genau hier versucht Cookson zu punkten. In einem Zehn-Punkte-Plan kündigt er an, die Vergangenheit in der UCI aufklären zu wollen und neue - weniger für Korruption anfällige - Strukturen erschaffen zu wollen. Die Anti-Doping Stiftung solle komplett aus der UCI ausgegliedert werden und "nicht mehr auf dem selben Flur wie das Präsidentenbüro liegen."

Die Befürworter des 62-jährigen Briten loben seine Leistungen im britischen Radsportverband, den Cookson seit 1997 als Präsident führt. Nach kurzen Versuchen als Profi in verschiedenen Raddisziplinen wechselte er 1986 die Seite und überprüfte als UCI-Kommissar die Rennabläufe. Vor vier Jahren wurde er ins Management gewählt. Jetzt fehlt dem Politiker nur noch eine Stufe bis zur obersten Ebene im Radsport.

Seine Kritiker sehen in seiner Nähe zum britischen Radsport gerade das Problem. Mit Cookson an der Spitze könnte der sportlich auf Bahn und Straße dominierende Radsport aus Großbritannien noch mehr Macht gewinnen. Genau die engen Verflechtungen zwischen McQuaid und en erfolgreichen Athleten, beispielsweise Lance Armstrong, waren es in der Vergangenheit, die strukturelle Probleme im Weltverband offenbarten.

Bevor es heute zur eigentlichen Wahl kommt, muss beim UCI-Kongress allerdings erst entschieden werden, ob eine Kandidatur von Pat McQuaid überhaupt nach den eigenen Statuten erlaubt ist. Der Ire hatte wiederholt Probleme einen Verband zu finden, der ihn nominiert. Jetzt wird über eine Satzungsänderung abgestimmt werden, die ihm eine Nominierung durch die Nationen Thai und Marokko erlauben soll. Dafür wird allerdings eine Zweidrittelmehrheit benötigt.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE könnte McQuaid diese Abstimmung durch einen unerwarteten Schachzug umgehen. Der Schweizer Radverband zog die Nominierung von McQuaid nach einem Rechtsstreit im August zurück. Da die Schweizer ihre Entscheidung erst nach dem 29. Juni, dem Stichtag für die Nominierungen, revidiert haben, möchte der Ire offenbar die Annullierung nicht akzeptieren. Der Trickser McQuaid ist wieder in seinem Element.



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MellieMuc93 27.09.2013
1. Der Fisch stinkt vom Kopf her!
Der Fisch stinkt vom Kopf her und in diesem Fall ist das der Präsident! Als jahrelanger Beobachter des Radsports und früherer Fan muss ein kompletter Neuanfang her. Ich habe bereits eine Abstimmung gefunden, die er hoffentlich auch verliert --> http://bit.ly/uci-praesident
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