Armstrong-Entscheidung der UCI Ohne Ausweg

Vorgeführt von der US-Anti-Doping-Agentur, beugt sich der Radsport-Weltverband endlich den Fakten und erkennt Lance Armstrongs Tour-Titel ab. Um im Anti-Doping-Kampf Ernst zu machen, müsste die UCI aber eine ganz neue Härte zeigen: vor allem gegen sich selbst.

UCI-Präsident McQuaid: "So etwas darf nie wieder passieren"
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UCI-Präsident McQuaid: "So etwas darf nie wieder passieren"

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Sie hatten gar keine Wahl. Als UCI-Präsident Pat McQuaid am Montagmittag im Hotel Starling in Genf verkündete, dass sich Lance Armstrong, der gefallene Radstar, nun nicht mehr Tour-de-France-Sieger nennen darf, hielt sich die Überraschung in Grenzen. Die UCI beugt sich den Beweisen. Zu eindeutig waren die Ermittlungsergebnisse der US-Anti-Doping-Agentur Usada, die am 11. Oktober in einem mehr als tausend Seiten starken Bericht die Dopingpraktiken des Systems Armstrongs offenlegte.

Für den 41-Jährigen sind die sieben verlorenen Titel der wichtigsten Radrundfahrt der Welt eine weitere Demontage. Dem Sportler Armstrong ist kaum etwas geblieben. Armstrong ist am Ende. Für den Weltverband hingegen kann die Entscheidung nur der Anfang sein.

Will sie im Anti-Doping-Kampf irgendwann ernst genommen werden, muss sie die Causa Armstrong nochmals untersuchen. Gegenstand diesmal: die UCI selbst.

Ausgerechnet im größten Dopingskandal der jüngeren Sportgeschichte machte die UCI eine ganz schlechte Figur. Der Weltverband hat im Fall Armstrong nichts zur Aufklärung beigetragen. Im Gegenteil. Der Usada-Bericht suggeriert, die UCI habe von Armstrongs Praktiken gewusst - und sie zu verdecken versucht.

Ominöse 100.000-Dollar-Zahlung

Das ist die schlimmste Anklage, die man einem Dachverband machen kann. Vorgebracht wurde sie unter anderem von Tyler Hamilton und Floyd Landis, zwei Kronzeugen und frühere Teamkollegen Armstrongs. Sie hatten ausgesagt, Armstrong sei bei der Tour de Suisse 2001 positiv getestet worden und habe dies durch eine Zahlung an die UCI vertuscht. McQuaid selbst hatte eine Armstrong-Überweisung aus dem Jahr 2002 in Höhe von 100.000 Dollar eingeräumt, allerdings sei dies eine Spende und kein Schweigegeld gewesen.

Auch der dopinggeständige ehemalige Radprofi Jörg Jaksche hatte McQuaid im Usada-Bericht schwer belastet. Jaksche habe "Stunden mit der UCI gesprochen" und dem Verband das Ausmaß klarmachen wollen, in dem Doping betrieben worden sei. "Die UCI hat aber null Interesse daran gezeigt. McQuaid sagte mir, er hätte es lieber gesehen, wenn ich die Dinge anders geregelt hätte", so Jaksche.

Wer am Montagvormittag die Website der UCI besucht hat, fand dort genauso wenig über die Causa Armstrong wie in den Tagen zuvor. Ein paar karge Pressemeldungen, meist als Reaktion auf die Usada-Ermittlungen, der Ton oft vorwurfsvoll. Die Usada habe Unterlagen zu spät verschickt, heißt es unter anderem.

Die Haltung kommt nicht von ungefähr. Die Usada hat die UCI im Fall Armstrong vorgeführt und blamiert. Am 13. Juli schickte McQuaid einen Brief an die Agentur. Darin forderte er, das gesamte Material der UCI zu übergeben. "Die UCI möchte, dass der gesamte Fall mit all seinen Beweisen an eine unabhängige Jury geht, die dann entscheidet, ob die Befragten sich verantworten müssen", schrieb McQuaid.

Fuchs und Hühnerstall

Usada-Anwalt Bill Bock konterte. Er schrieb zurück: "Viele könnten berechtigterweise behaupten, dass die Verwicklung der UCI in das Ergebnismanagement des Falls zur Besorgnis führen könnte, was umgangssprachlich auch als 'Der Fuchs bewacht den Hühnerstall' bezeichnet wird." Sein Chef Travis Tygart sagte: "Die UCI und die Beteiligten der Verschwörung, die den Sport mit gefährlichen, leistungsfördernden Drogen betrogen haben um zu gewinnen, haben ein großes Interesse daran, das zu verschleiern."

Stattdessen empfahl er dem krisengeschüttelten Radsport-Weltverband die Einrichtung eines "Wahrheits- und Versöhnungsprogramms". Die Wahrheit ist im Fall Armstrong für den Ex-Präsidenten der UCI, Hein Verbruggen, immer noch simpel. Legendär ist dessen Aussage, er wisse, dass Armstrong keine Dopingmittel nutze. Das war im Jahr 2005, nach dem insgesamt siebten Tour-Sieg von Armstrong.

Sieben Jahre später, nach dem Erhalt des entlarvenden Usada-Berichts, schrieb Verbruggen in einer Textnachricht an die niederländische Tageszeitung "De Telegraaf": "Alles, was ich sagen kann, ist, dass es viele Geschichten und Verdächtigungen gibt, aber keine Spur von Beweisen. Es gibt keine. Lance Armstrong ist niemals positiv getestet worden, auch nicht durch die Usada".

Vor der Bekanntgabe am Montag hatte die UCI dennoch angekündigt, der Entscheidung der Usada folgen zu wollen, wenn deren Bericht "keine eklatanten Mängel" aufweise. Präsident McQuaid hätte die Gelegenheit bei der Pressekonferenz nutzen können, um mehr als das Erwartete zu verkünden.

Am Freitag soll es eine Sitzung des UCI-Managements geben. "So etwas", damit meinte der Ire den Armstrong-Fall, dürfe "nie wieder" passieren. Konkrete Maßnahmen nannte er nicht. Er selbst habe den Kampf gegen Doping immer als seine Priorität angesehen. Zurücktreten werde er wegen der Armstrong-Affäre nicht.

Stattdessen will nun angeblich das Internationale Olympische Komitee (IOC) mögliche Verflechtungen von Verbruggens Nachfolger McQuaid in die Armstrong-Affäre untersuchen. McQuaid ist seit 2010 IOC-Mitglied. Sein Vorgänger Hein Verbruggen, in dessen Ära das Armstrong-Doping fiel, dürfte als Intimus von IOC-Präsident Jacques Rogge unbehelligt bleiben.

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Wunderläufer 22.10.2012
1. Neustart?
McQuaid sagte mir, er hätte es lieber gesehen, wenn ich die Dinge anders geregelt hätte", so Jaksche Sollte allein schon dieser Vorwurf zutreffen, dann müsste McQuaid mitsamt seiner Kollegen mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt werden: ein Neuanfang KANN nur mit unbelastetem Personal erfolgen.
Vergil 22.10.2012
2.
Zitat von sysopREUTERSVorgeführt von der US-Anti-Doping-Agentur, beugt sich der Radsport-Weltverband endlich den Fakten - und erkennt Lance Armstrongs Tour-Titel ab. Um im Anti-Doping-Kampf Ernst zu machen, müsste die UCI aber eine ganz neue Härte zeigen - vor allem gegen sich selbst. http://www.spiegel.de/sport/sonst/uci-entscheidung-weltverband-muss-fall-armstrong-intern-aufrollen-a-862643.html
Das klingt alles nach sehr viel Korruption.
Willi Wacker 22.10.2012
3. ein Versöhnungsvorschlag
Zitat von WunderläuferMcQuaid sagte mir, er hätte es lieber gesehen, wenn ich die Dinge anders geregelt hätte", so Jaksche Sollte allein schon dieser Vorwurf zutreffen, dann müsste McQuaid mitsamt seiner Kollegen mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt werden: ein Neuanfang KANN nur mit unbelastetem Personal erfolgen.
die tauschen mit dem Personal der Fifa. Die neuen Anforderungen an das Arbeitsprofil dürften sich ähneln.
rudolf_mendt 22.10.2012
4. Exit...Stage Left
Verlogen, verfilzt und am Ende werden die Bauern geopfert. Man müsste mehr essen können...
bartali 22.10.2012
5. Objektivität
Im Falle von McQuaid und Jaksche muss man objektiverweise schon sagen, dass McQuaid mit "Dinge anders regeln" gemeint hat, dass Jaksche nicht erst einen Exklussiv-Deal mit der Süddeutschen hätte vereinbaren sollen und sich dann - als sich herausstellte, dass sein Plan nicht aufging - an die UCI gewendet hat. Auf eine Kronzeugenregelung zu beharren, obwohl er sein Wissen über die Tatsachen zunächst kommerziell genutzt hat, bevor er sich der zuständigen Institution gestellt hat, mag seine Gründe (mangelndes Vertrauen in UCI, Existenzängste) gehabt haben. Es ist aber nachvollziehbar, dass die UCI dieses durchsichtige Manöver nicht glücklich gemacht und deshalb sich so geäussert hat. Da etwas anderes hineinzuinterpretieren ist gewagt. Man darf schliesslich auch nicht vergessen: gedopt hat Jaksche und nicht Pat McQuaid.
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