Überraschungssieger del Potro Der neue Riese

Der Sieg von Juan Martin del Potro im Finale der US Open läutet eine neue Ära im Spitzentennis ein. Stars wie Roger Federer und Rafael Nadal bekommen Konkurrenz durch eine Riege hochveranlagter Talente, die technisch perfekt ausgebildet sind und nur ein Ziel haben - die neue Nummer eins zu werden.

REUTERS

Von , New York


Nach dem Ende dieses denkwürdigen Fünf-Satz-Finales im Arthur-Ashe-Stadion steht die Tenniswelt vor einer Neuordnung. Roger Federer, der King von New York, ist entthront.

Gestürzt wurde der Schweizer Supermann von einem jungen, erst 20-jährigen Argentinier, den man sich spätestens jetzt, seit den US Open im Jahr 2009, merken muss: Juan Martin del Potro, 198 Zentimeter lang, ein starker Taktiker, bestens ausgebildeter Techniker, schlauer Stratege und harter Aufschläger. Ein Himmelsstürmer, der drauf und dran ist, die Hackordnung im Tennis kräftig durcheinander zu rütteln.

"Es ist ein Moment, von dem ich mein ganzes Leben lang geträumt habe", sagte der argentinische Riese nach dem hart umkämpften Sieg über den zuvor in 41 US-Open-Duellen ungeschlagenen Federer. Und dann gab er nach knapp vier Stunden Spielzeit auf die Frage, was er mit insgesamt zwei Millionen Dollar Preisgeld anfangen werde, erfrischend profan zurück: "Einen Käsekuchen zum 21. Geburtstag kaufen."

Fahrig wirkender Ballkünstler aus Basel

Zuvor, in einer Nachtshow mit dramatischem Finish, hatte die Stunde del Potros geschlagen. Wo sonst der Dominator Federer bei den Big Points cool, souverän und mit aufreizender Selbstsicherheit das Geschehen diktiert, war es in diesem denkwürdigen, beinahe unheimlichen Schauspiel der "Turm von Tandil", der das Spiel bestimmte.

Erst gewann del Potro den Tiebreak des vierten Satzes gegen den fahrig wirkenden Ballkünstler aus Basel, dann ließ er Federer auch im fünften, entscheidenden Satz keine Chance. "Das war eines Grand-Slam-Champions würdig", sagte Federer neidlos und attestierte sich selbst trotzdem eine Supersaison: "Vier Grand-Slam-Finals, zwei Titel. Dazu - noch schöner - die Hochzeit und die Geburt unserer Zwillinge. Was will ich mehr?" Natürlich den sechsten Titelcoup in New York.

Doch den verhinderte der hochbegabte del Potro, ein Spieler, dessen Erfolg alles andere als ein Zufallsprodukt ist. Schon seit Jahren arbeitete sich der Argentinier zielstrebig, zäh und beharrlich in der Weltrangliste nach oben, war nacheinander der jüngste Profi in den Top 100, in den Top 50, in den Top Ten und in den Top Fünf. "Es ist nur konsequent, dass er auch so früh zu solch einem Sieg kommt", sagte John McEnroe, "wie er sich Federer hier in dieser Schlacht gegenüber gestellt hat, war geradezu famos."

Federer wollte zaubernd ins Ziel, del Potro nahm die Herausforderung an

"El Palito" nennen sie ihn daheim in Argentinien, "die Bohnenstange". Oder auch "Enano": "Der Zwerg". Nun aber, 32 Jahre nach dem US-Open-Sieg von Guilermo Vilas, ist der Gigant zum neuesten Exportschlager der tennisverrückten Nation geworden. Gegen die peitschenden Vorhände del Potros und seine kluge Defensivarbeit war Federer schließlich machtlos - nachdem er sich nach klarer Führung zu viele Mätzchen und Tricksereien mit del Potro erlaubt hatte. Federer wollte zaubernd ins Ziel, mit Stopps, Lobs und allerlei verwinkelten Schlägen. Del Potro nahm die Herausforderung an, kämpfte sich in der Pose des harten Malochers zurück - und plötzlich war alle Magie Federers fort.

"Ich dachte, ich hätte ihn im Griff, aber das war ein Irrtum", gestand der Geschlagene später. Der Versuch, als erster Spieler nach Bill Tilden sechs Grand-Slam-Titel in Serie in New York zu holen, war damit ebenso gescheitert wie der endgültige Nachweis, dass Federer auch als junger Vater weiter die Rekordbilanzen seines Sports umschreiben kann.

Hochgeschwindigkeitsartist del Potro verdienter Champion eines Turniers

"Aufgeschoben ist nicht aufgehoben", sagte der 28-Jährige, dessen sportliches Glück in New York dann allerdings endgültig aufgebraucht war. Denn schon in Paris (gegen Tommy Haas) und in Wimbledon (gegen Andy Roddick) hatte Federer neben aller Tatkraft und Eleganz auch ein bisschen Dusel in kritischen Situationen gehabt.

Der Hochgeschwindigkeitsartist del Potro indes war allemal der verdiente Champion eines Turniers, in dem er im Halbfinale den (leicht angeschlagenen) Rafael Nadal und dann im Endspiel auch Federer geschlagen hatte - also die Nummer zwei und die Nummer eins der Welt. Er, so scheint es, ist der Stärkste einer Riege hochveranlagter Tennistalente, die allesamt um die 20 sind. Neben Del Potro und Marin Cilic zählen auch der Japaner Nishikori und der Lette Ernests Gulbis dazu.

Der neue US Open-Champion sei einer, so der frühere Weltranglisten-Erste Jim Courier bereits zu Saisonbeginn, "bei dem man schon Angst hat, wenn er den Platz betritt. Und erst recht, wenn er auf den armen Ball eindrischt". Zugleich sei der Argentinier aber "unglaublich versiert": "Der kann alles - und zwar exzellent".

"Mein nächstes großes Ziel ist, die Nummer eins zu werden", sagte del Potro am Montag. Eine Kampfansage an die Herren Nadal und Federer, eine Warnung, für die er in der Vorstellung von New York gute Argumente lieferte.

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