Übertragungs-Coup: Politiker protestieren gegen Sat.1-Tour

Coup oder Flop, genial oder geschmacklos? Die Übernahme der Tour-Berichterstattung durch Sat.1 stößt in der Politik fast ausschließlich auf Ablehnung. Der Privatsender will ARD und ZDF erfahrene Radsport-Reporter abjagen.

Hamburg - Kaum hatte Sat.1 heute seinen Coup verkündet, künftig statt ARD und ZDF die Tour de France zu übertragen - da setzte der Sender schon zum nächsten, etwas kleineren Coup an: Er will den Öffentlich-Rechtlichen auch noch Reporter abjagen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE plant der Sender eine rasche Regelung, damit künftig freie Mitarbeiter von ARD und ZDF für Sat.1 tätig werden können.

Kameras vor Tour-Logo: "Unsolidarische Entscheidung"
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Kameras vor Tour-Logo: "Unsolidarische Entscheidung"

Der Schritt ist nötig - schließlich hat Sat.1 längst nicht so viel Rad-Erfahrung wie ARD und ZDF. Expertise mit Berichterstattung über den Sport ist zwar vorhanden, liegt jedoch lange zurück. 1999 war die Wiederauflage der Deutschland-Tour bei Sat.1 zu sehen, auch Pläne für einen Einstieg in die deutlich größere Tour de France soll es damals schon gegeben haben.

Wie viel der Sender für den Fernsehcoup zur Tour bezahlen muss, ist noch nicht bekannt - und wird womöglich auch nicht bekannt werden. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE gibt es im Vertrag zwischen Sat.1 und der Tourorganisation Aso eine Klausel, der zufolge der Sender den Preis für die Übertragungsrechte nicht veröffentlichen darf. ARD und ZDF hatten sich die Tour-Rechte jährlich 2,6 Millionen Euro kosten lassen. Sie hatten nach eigenen Angaben die Live-Rechte zurückgegeben, um möglichen Schadenersatzklagen der Tour-Geldgeber und -Organisatoren gegen die EBU aus dem Weg zu gehen. Die EBU ist die europäische Vereinigung der Rundfunkveranstalter, ARD und ZDF hatten über sie ihre Übertragungsrechte bekommen. "Die EBU fürchtet mit jedem Tag, an dem nicht übertragen wird, Schadenersatz leisten zu müssen", teilte die ARD heute mit.

"Ich halte die Entscheidung für einen Skandal"

Dass deshalb nun Sat.1 die Chance bekam, die Tour trotz des Dopingverdachts gegen T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz zu übertragen - das stößt nicht überall auf Zustimmung. Mit harscher Kritik reagierten Politiker auf die Entscheidung von Sat.1, in die Live-Berichterstattung einzusteigen.

Der Sportausschuss-Vorsitzende Peter Danckert (SPD) kommentierte süffisant: "Die Privaten können ja machen, was sie wollen. Und das tun sie offensichtlich gerade. Die Öffentlich-Rechtlichen haben dagegen eine besondere Verantwortung und eine Vorbildfunktion." Klaus Riegert, sportpolitischer Sprecher der CDU, nannte den Entschluss von Sat.1 "unsolidarisch". Der Tour-Ausstieg von ARD und ZDF sei nach Sinkewitz' positiver A-Probe das richtige Zeichen gewesen sei. "Außerdem ist zu befürchten, dass ein privater Sender nicht ganz so kritisch über das Doping-Problem berichtet."

Diese Sorge hat auch SPD-Sportpolitikerin Dagmar Freitag. Die Entwicklung sei "eine Katastrophe und das falsche Signal", sagte sie und kritisierte: "Wenn jetzt ein Sender nahtlos in die Lücke springt, dann ist das ein Zeichen, dass er Doping toleriert." Deutliche Worte auch von Winfried Hermann (Grüne): "Ich halte die Entscheidung für einen Skandal. Man kann auch von den privaten Sendern erwarten, dass sie ethische Maßstäbe bei ihrer Programmauswahl ansetzen und nicht nur auf den schnellen Profit achten." Ansonsten entstehe "der Eindruck, dass sie zu Doping-Sendern werden".

Der FDP-Politiker Detlef Parr äußerte sich differenzierter. Er begrüße den Wiedereinstieg des Fernsehens in die Tour, sagte er - allerdings nur, wenn die Redaktion kritisch berichte. "Ich halte nichts von einem Total-Boykott. Damit schaden wir denjenigen, die für einen Neuanfang stehen."

Sat.1 hatte heute Mittag mitgeteilt, die Rechte für die Live-Berichterstattung der Tour de France erworben zu haben. Ab 15 Uhr übertrug der Sender die elfte Etappe der Frankreich-Rundfahrt. Erst nachdem ARD und ZDF die Rechte abgegeben hatten, konnte der private Konkurrent das Paket als Sublizenznehmer erwerben. SPIEGEL ONLINE erfuhr, dass der Privatsender schon gestern Nachmittag um 14 Uhr die Verhandlungen mit der Aso über die Übertragungsrechte aufgenommen hatte.

Bei ARD und ZDF liegen weiter die Rechte für die Tour 2008. Eine Option für die Rechte 2009 wurde bisher nicht gezogen. Die Sender hatten gestern ihren vorläufigen Ausstieg aus der Berichterstattung über die Tour de France verkündet.

Für Sat.1 werden N24-Sportchef Timon Saatmann und Ex-Radprofi Mike Kluge kommentieren. "Ich bin sehr froh, dass wir so kurzfristig eines der weltgrößten Sportereignisse zeigen können. Alle, die dem Radsport verbunden sind, haben eine gute Berichterstattung verdient", sagte Sat.1-Chef Matthias Alberti.

N24 wird an allen Renntagen um 19.30 Uhr eine halbstündige Tageszusammenfassung zeigen. Das Einzelzeitfahren am Samstag, 21. Juli, werde wegen der Sat.1-Übertragung des Fußball-Ligapokals auf ProSieben zu sehen sein.

fpf/weh/sid/dpa

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Forum - Die Tour auf Sat 1 - genial oder geschmacklos?
insgesamt 293 Beiträge
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1.
M. Michaelis 19.07.2007
Zitat von sysopEinstieg nach dem Ausstieg: Der Privatsender Sat.1 übernimmt die Live-Berichterstattung der Tour. Der Sender übertrug schon heute die elfte Etappe der Frankreich-Rundfahrt. Die Tour auf Sat 1 - genial oder geschmacklos?
Folgerichtig, ein weiteres insziniertes Format das Quoten und Werbeeinnahmen bringt.
2. weder - noch sondern:
hans-werner degen, 19.07.2007
Zitat von sysopEinstieg nach dem Ausstieg: Der Privatsender Sat.1 übernimmt die Live-Berichterstattung der Tour. Der Sender übertrug schon heute die elfte Etappe der Frankreich-Rundfahrt. Die Tour auf Sat 1 - genial oder geschmacklos?
Dopingverlängernd! Weiterhin schöne Fernsehauftritte für die Gedopten!
3.
Frank Wagner, 19.07.2007
Zitat von sysopEinstieg nach dem Ausstieg: Der Privatsender Sat.1 übernimmt die Live-Berichterstattung der Tour. Der Sender übertrug schon heute die elfte Etappe der Frankreich-Rundfahrt. Die Tour auf Sat 1 - genial oder geschmacklos?
Nein, sondern ehrlich. Die Tour ist ein Geschäft, eine Art Circus auf Rädern. Das Dopping insteressiert die Zuschauer kaum, die wollen das Rennen sehen. Von daher eine gute Entscheidung, besser als die Verlogenheit bei ARD und ZDF . Dort wird Leistung verlang, aber gleichzeitig über die Leute hergezogen die die nötigen Schritte dazu unternehmen um mithalten zu können.
4. Sehr strange
Mourny, 19.07.2007
Also weder genial noch geschmacklos, muss man sagen - allerdings durch die absolute kritiklosigkeit zum thema Doping mehr als amüsant. So der Kommentator zum thema andreas Klöden: "Ich kann dsa vollkommen verstehen, dass er sich da herausgehalten hat, denn man will sich seine Konzentration ja nicht durch Dumme Fragen kaputt machen lassen!" Wat hab ich gegröhlt! :) Also man kann festhalten - ARD und ZDF haben sich einen Bärendienst erwiesen, indem sie ausstiegen, denn kritische Berichterstattung darf man nun nicht mehr erwarten! Gut, um die ARD ist es nicht schade, ZDF hatte immer eine schöne Übertragung die auch Spass machte - kritisch aber nicht zu nervig! :) nun, dann auf zu SAT1! Auch wenn man sie ja eigentlich nicht unterstützen sollte, aber was will man machen?
5. dieTour auf SAT 1
Moonsilver 19.07.2007
Zitat von sysopEinstieg nach dem Ausstieg: Der Privatsender Sat.1 übernimmt die Live-Berichterstattung der Tour. Der Sender übertrug schon heute die elfte Etappe der Frankreich-Rundfahrt. Die Tour auf Sat 1 - genial oder geschmacklos?
Ich finde das super - denn ich kann wirklich nichts dafür, dass Fahrer dopen - die Tour läuft weiter - warum muss man Fernsehzuschauer bestrafen. Dann darf man von Anfang an nicht mitmachen. Wurde schon jemals ein WM-Fussballspiel vom Fernsehen abgeschaltet - weil ein Spieler fehlte - da gibt es eine rote Karte und er geht hinaus.
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