Deutsche beim Ultimate Fighting Luft und Hiebe

Die UFC ist die Champions League des Kampfsports. Das US-Unternehmen erwirtschaftet Jahr für Jahr Millionengewinne. Bei den Kämpfern kommt davon nicht viel an.

MMA-Kämpfer Nick Hein
Jakob Hoff

MMA-Kämpfer Nick Hein


"Das ist das Beste, was dir als MMA-Kämpfer passieren kann: Endlich wieder vor den Heim-Fans zu kämpfen." Nick Hein muss es wissen. Der ehemalige Polizist ist Deutschlands bekanntester Mixed Martial Artist. Seit 2014 steht Hein bei der Ultimate Fighting Championship (UFC) unter Vertrag, der größten Kampfsportorganisation der Welt. Seitdem hat er sechs Kämpfe bestritten, drei davon in Deutschland. Am 22. Juli gastiert die UFC zum zweiten Mal in Hamburg - und Hein ist natürlich mit dabei.

Entstanden aus der Idee eines kalifornischen Marketingexperten Anfang der Neunzigerjahre, hat sich die UFC zu einem Global Player mit dreistelligen Millionenumsätzen entwickelt. Die prägnanten achteckigen Käfige, in denen sich Kämpfer aus der ganzen Welt schlagen, treten, auf die Matte werfen und würgen, bis einer nicht mehr kann, stehen längst nicht mehr nur in den USA. Im vergangenen Jahr fanden 17 der insgesamt 39 UFC-Veranstaltungen außerhalb der Vereinigten Staaten statt.

Besonders beliebt und gut besucht sind MMA-Veranstaltungen in Brasilien, Russland, Großbritannien und eben auch Deutschland, obwohl viele ältere Sportfans den brutal wirkenden Käfigkämpfen skeptisch gegenüberstehen. Während es beim Boxen und Kickboxen selbstverständlich ist, dass man nicht weiterschlägt und -tritt, wenn der Gegner auf der Matte liegt, gehört der ans Ringen oder Judo angelehnte Bodenkampf in der UFC zum Standardrepertoire.

Dabei ist es Teil des Berufsrisikos, dass sich bei Schlägen oder Tritten stark blutende Cuts öffnen können oder dass man in einem Würgegriff das Bewusstsein verliert. Dem jungen Publikum gefällt die Mischung aus Eleganz und Brutalität - auch, weil es die UFC-Verantwortlichen verstehen, ihr Produkt über die sozialen Medien zu vermarkten.

Bei der letzten UFC Fight Night in Hamburg sorgten knapp 12.000 Zuschauer für Ticketeinnahmen in Höhe von fast 900.000 Euro. Im Juli werden noch mehr Besucher erwartet. Weil das Geschäft seit Jahren boomt, hat eine Investorengruppe das US-Unternehmen im Sommer 2016 gekauft - für knapp vier Milliarden Dollar.

Vier oder fünf Kämpfe reichen für den Lebensunterhalt

Kein Wunder, dass es auch deutsche MMA-Kämpfer in die UFC zieht. Sieben haben es geschafft, sieben von aktuell gut 700 Sportlerinnen und Sportlern, die beim Marktführer unter Vertrag stehen. Wer einen der heißbegehrten Kaderplätze bei einer so großen Organisation ergattert, hat ausgesorgt - sollte man meinen. Aber so einfach ist es nicht. "Wenn ich vier oder fünf Kämpfe im Jahr machen würde, dann würde das reichen, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten", sagt Jessin Ayari.

Jessin Ayari
Zuffa LLC via Getty Images

Jessin Ayari

Der 26-jährige Weltergewichtler gab sein UFC-Debüt vor knapp zwei Jahren. Es folgte ein weiterer Kampf im Mai 2017, seitdem wartet Ayari auf das nächste Angebot. Eigentlich hatte er gehofft, im Juli in Hamburg dabei zu sein, aber andere Kämpfer bekamen den Vorzug.

Gastauftritte bei kleineren Veranstaltern, die er sich durch seine UFC-Erfahrung mehr oder weniger gut bezahlen lassen könnte, sind im komplexen Exklusivvertrag mit dem Branchenführer ausgeschlossen. Um sich über Wasser zu halten, nimmt Ayari Gelegenheitsjobs an: "Als Bedienung beim Kölner Karneval zum Beispiel."

In Trainingslagern sei es für ihn ganz normal, auf einer Pritsche im Gym zu schlafen. "Das Geld fürs Hotel kann ich mir sparen, so was brauche ich nicht", sagt Ayari: "Ich hatte nichts, bevor ich mit dem Sport angefangen habe. Warum sollte ich jetzt irgendwelche Ansprüche stellen? Ich bin derselbe geblieben."

"Fresse halten und weiterkämpfen!"

Vom internationalen UFC-Glamour und den gigantischen Umsätzen des Unternehmens kommt bei den Athletinnen und Athleten offensichtlich kaum etwas an - zumindest nicht, bis sie es zu Haupt- oder Titelkämpfen schaffen. Und selbst die größten Stars der Szene verdienen deutlich weniger als in anderen Sportarten.

Dana White kennt die Diskussion um zu geringe Börsen. Sie nervt ihn. "In diesem Sport gilt die Regel: Du frisst, was du tötest", sagt der UFC-Präsident. Um gut zu verdienen, müsse man sich nunmal nach oben kämpfen. Für Athleten, die sich beschweren, hat er eine einfache Botschaft: "Verkaufe Tickets, verkaufe Pay-Per-Views, dann verdienst du auch gutes Geld. Für alle anderen gilt: Fresse halten und weiterkämpfen!"

Der Ire Conor McGregor verdiente gutes Geld. Für seinen letzten Käfigkampf im November 2016 erhielt er eine Garantiezahlung von einer Million Dollar - die bis heute höchste Börse der UFC-Geschichte. Durch Beteiligungen an Ticket- und Pay-Per-View-Verkäufen hat er seine Einnahmen mehr als verzehnfacht. Das ist sehr viel für einen MMA-Kämpfer, aber doch nur Kleingeld im Vergleich mit den gut 75 Millionen Dollar, die er ein Jahr später für sein Boxmatch gegen Floyd Mayweather jr. kassierte.

Seit dem sogenannten "Milliardenkampf" hat McGregor nur durch Skandale auf sich aufmerksam gemacht. Mal stürmte er als Zuschauer in den Käfig und attackierte einen Ringrichter, dann griff er bei einer UFC-Veranstaltung einen Bus an, in dem potenzielle Gegner saßen. "Solche Aktionen sind nicht gut", sagt Jessin Ayari. "Sie schaden unserem Sport und sind respektlos. Dabei leben wir doch von Respekt."

Das große Geld verdienen nicht die Kämpfer

McGregor wurde suspendiert. Die UFC braucht ihn nicht. Er ist zwar der größte Star, aber niemand ist größer als die Organisation, die sich ihren Status als Weltmarktführer hart erarbeitet hat - und jetzt gnadenlos ausnutzt. Die Sportlerinnen und Sportler repräsentieren das Produkt nach außen und riskieren ihre Gesundheit, um Hallen zu füllen und Jahr für Jahr Rekordumsätze zu erwirtschaften. Doch bei der Verteilung der Einnahmen stehen andere an erster Stelle.

Das meiste Geld fließt in die Vermarktung und in die Taschen der Funktionäre. Der Vater des Erfolgs, UFC-Präsident Dana White, hat beim Verkauf des Unternehmens mehr als 300 Millionen Dollar verdient und ließ sich danach eine Beteiligung von neun Prozent des Netto-Gewinns in seinen Vertrag schreiben, die ihm jährlich zwischen 15 und 20 Millionen Dollar einbringen dürfte.

Von solchen Summen können Ayari, Hein und die anderen deutschen UFC-Kämpfer nur träumen. Trotzdem sind sie froh und stolz, für die größte MMA-Organisation der Welt in den Käfig steigen und die Knochen hinhalten zu dürfen. "Da, wo ich jetzt bin, wollen Tausende andere hin. Ich habe mir das hart erarbeitet und genieße jeden Moment. Die UFC ist das Größte, was es gibt", sagt Ayari.

Video: Mixed-Martial-Arts - Hart aber smart

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Neandiausdemtal 05.06.2018
1. Dekadenz
Ein weiterer Schritt in Richtung römische Gladiatorenspiele. Nur logisch, denn das Imperium bröckelt, den mit dem ausgeprägten Cäsarenwahn gibt's auch schon und der Plebs braucht bei weniger Brot mehr Spiele. Alles nicht neu.
Richard.M 06.06.2018
2. Danke für einen ausgewogenen Artikel
...ist ja nicht selbstverständlich, einen Artikel über MMA zu finden, der ohne sensationslüsterne Übertreibungen auskommt. Eines stimmt aber nicht so ganz: nach dem letzten McGregor-Vorfall hat sich die UFC auffallend zurückgehalten mit Strafmaßnahmen. "Wir warten erstmal ab, was die Justiz sagt", oder so. Die UFC steht nach der Übernahmen durch den Konzern WME/ IMG wegen der dadurch entstandenen Schuldenlast unter hohem Druck, Geld zu verdienen, und kann nicht so einfach auf einen ihrer Goldesel verzichten. (Gut bezahlt haben sie ihre Kämpfer vor der Übernahme aber auch nicht.)
Knossos 06.06.2018
3. "Dabei leben wir doch von Respekt."
Eher handelt es sich bei der Finanzierung um Voyeurismus des Publikums, welches sich psychologisch am Schmerz Dritter, also Verschonung seiner selbst als armseligen Gemüts ergötzt, und statt Respekt um Vorenthaltung der Einnahmen, als asoziale Bereicherung des UFC-Gründers und seiner Nachfolger. Gutteil meines Daseins Kampfsport und Kampfkunst gewidmet, möchte ich mich gleich dem ersten, exakt treffenden Post anschließen. Ein Anachronismus von Käfig- und Tierkämpfen ist bedenkliches Anzeichen kulturellen Standes über 2000 Jahre n.Chr. Nur das seinerzeit bereits hohe Zivilisiertheit wie die der Griechen existierte, die sich weigerten, von Römern eingeführten Gladiatorenkämpfen und Schlächtereien aufgestachelter Tiere beizuwohnen. Und das noch, als die neuen Herrscher sie in Reaktion auf besagte Enthaltung mit kostenlosen Mahlzeiten und Freistellung von der Arbeit zu locken versuchten. Unterdessen bezahlen Retardierte unter unseren Zeitgenossen für pathologische Lust an Inhumanität. Überkommen dabei, wie leicht es ist, den Menschen zurückzuwerfen und wie langwierig hingegen, ihn zu kultivieren und zu resozialisieren. Daß die Gesellschaft Letzteres schon wieder nicht mehr versteht, ist das Alarmierende an derlei Gaudi, von der anfänglich niemand ahnte, daß sie einmal in Deutschland zugelassen würde. Doch: "Money makes the world go round", wie Liza Minnelli es in bezeichnender Geschichte sang.
MikelFriess 06.06.2018
4. Und jetzt mal als Vergleich wie viele Profi-Boxer
von ihren Kämpfen leben können. Hier wie dort verdienen vielleicht die Top 10 genug um keinen Nebenjob mehr annehmen zu müssen.
MikelFriess 06.06.2018
5. Kampfsport und Kampfkunst
Zitat von KnossosEher handelt es sich bei der Finanzierung um Voyeurismus des Publikums, welches sich psychologisch am Schmerz Dritter, also Verschonung seiner selbst als armseligen Gemüts ergötzt, und statt Respekt um Vorenthaltung der Einnahmen, als asoziale Bereicherung des UFC-Gründers und seiner Nachfolger. Gutteil meines Daseins Kampfsport und Kampfkunst gewidmet, möchte ich mich gleich dem ersten, exakt treffenden Post anschließen. Ein Anachronismus von Käfig- und Tierkämpfen ist bedenkliches Anzeichen kulturellen Standes über 2000 Jahre n.Chr. Nur das seinerzeit bereits hohe Zivilisiertheit wie die der Griechen existierte, die sich weigerten, von Römern eingeführten Gladiatorenkämpfen und Schlächtereien aufgestachelter Tiere beizuwohnen. Und das noch, als die neuen Herrscher sie in Reaktion auf besagte Enthaltung mit kostenlosen Mahlzeiten und Freistellung von der Arbeit zu locken versuchten. Unterdessen bezahlen Retardierte unter unseren Zeitgenossen für pathologische Lust an Inhumanität. Überkommen dabei, wie leicht es ist, den Menschen zurückzuwerfen und wie langwierig hingegen, ihn zu kultivieren und zu resozialisieren. Daß die Gesellschaft Letzteres schon wieder nicht mehr versteht, ist das Alarmierende an derlei Gaudi, von der anfänglich niemand ahnte, daß sie einmal in Deutschland zugelassen würde. Doch: "Money makes the world go round", wie Liza Minnelli es in bezeichnender Geschichte sang.
Um was geht es denn bei diesen beiden Begriffen? Wenn ich die Auswahl habe mir einen Karatekampf, bei dem der Gegner kaum berührt werden darf oder einen UFC-Fight anzuschauen, dann nehme ich doch den realistischeren Kampf. Kampfkunst heißt eben auch Austeilen und einstecken können. Wie jemand der sich der Kampfkunst "gewidmet" hat sich über das was die UFC-Fighter machen so negativ auslassen kann, kann ich nicht verstehen.
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