Ullrich-Karriere: Radstar mit Stützrädern

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Er galt als Jahrhunderttalent auf dem Rad, aber öffentliche Liebesbezeugungen und Druck waren Jan Ullrich nie geheuer. Heute hat der gefallene Superstar seine Karriere, die zuletzt schwere Kratzer bekam, beendet. SPIEGEL ONLINE blickt zurück.

Vielleicht war das Radfahrerleben des Jan Ullrich nie so unbeschwert und schön wie damals, Anfang der neunziger Jahre in Hamburg. Als der Teenager mit seinen Teamkollegen der RG Hamburg durch Schleswig-Holstein fuhr und hatte, was ihm wichtig war: ein Rad und treue Begleiter. Für andere Radprofis ist das Arbeitsgerät der treue Begleiter. Für Ullrich nicht. Das Rad bringt ihn voran, der Begleiter gibt ihm Halt - ein Stützrad sozusagen.

Zusammen mit einer Handvoll Mannschaftskollegen und Trainer Peter Becker wohnt er zu dieser Zeit im Hamburger Stadtteil Hummelsbüttel. "Die hatten nichts im Kopf außer Radfahren", erinnert sich ein ehemaliger Weggefährte. Die Wohngemeinschaft lebt in einem etwas heruntergekommenen Einfamilienhaus, am Wochenende fahren die jungen Männer Rennen, Ullrich gewinnt. Das Ausnahmetalent, geformt in der Kinder- und Jugendsportschule in Berlin, deklassiert die Konkurrenz. Und auch wenn es nicht die Champs-Elysées in Paris, sondern das Industriegebiet von Elmshorn ist, Ullrich ist glücklich. Er hat, was er will. 1992, mit 18 Jahren, gibt er seine Lehrstelle auf. Ullrich will nur noch Rad fahren.

"Ullrich trainierte wie alle anderen, fuhr aber viel schneller", sagt ein Konkurrent von damals. "Er hat uns aufgemischt." Ullrich erinnert sich später, er sei bei den Amateuren "nie so richtig gefordert gewesen". Doch bereits jetzt ist abzusehen, dass ihm das Interesse der Fans mehr Respekt einflößt als jeder Berganstieg. Er freut sich über die Anerkennung, umgehen kann er nicht mit ihr.

Der steile Aufstieg überfordert den stillen, schweigsamen Ullrich. Er braucht Sicherheit, mehr als andere. Er baut sich eine Stützrad-Armada auf: Nach seinem sensationellen Erfolg bei der Junioren-WM in Oslo 1993 wird RG-Teamleiter Werner Strohband Ullrichs Manager, wenig später trifft der junge Mann im Team Telekom auf Rennstallchef Walter Godefroot und Betreuer Rudy Pevenage. Im Dickicht des Pelotons, weit weg von den Freunden der RG Hamburg, findet Ullrich zudem einen mitrollenden Mentor: Bjarne Riis.

Vom gelben Filzball zum Gelben Trikot

Im Windschatten des großen Dänen, von Ullrich selbst als "großer Bruder" bezeichnet, bringt der Rothaarige mit dem Sommersprossengesicht ganz Deutschland in Verzückung, als er 1996 hinter Riis Zweiter der Tour de France wird. Mit seinem Sieg im Jahr darauf lenkt der damals 23-Jährige endgültig das deutsche Sportinteresse vom gelben Filzball auf das Gelbe Trikot. Jan Ullrich ist der neue Boris Becker.

Doch er hat nicht viel mit Becker gemein. "Bobbele" lässt sich gerne vor den Medienkarren spannen, Ullrich zieht hingegen weder gerne, noch lässt er sich gern ziehen. Er ist nicht gern im Wind. Aber das Team Telekom erlaubt ihm diese Freiheit - und richtet dem Superstar ein wohliges Nest ein.

Als Ullrich während der Tour 1997 unfreiwillig zum ersten Anwärter auf den Gesamtsieg avanciert, erschrickt er - der Druck, der plötzlich auf ihm lastet, kostet ihn fast den Triumph. Ullrich taumelt, doch er findet Halt. Als er in der letzten Woche Schwäche zeigt, stützt ihn ein Teamgefährte: "Quäl Dich, du Sau!", schreit ihm Udo Bölts hinterher. Ullrich versteht, kämpft sich ins Ziel und gewinnt die Tour.

Er ist das Jahrhunderttalent, die Speerspitze des deutschen Sports. Doch nicht nur der SPIEGEL bemerkt: "Der stille Königssohn taugt nicht zum Star." Mit der Missgunst, der kleinen hässlichen Schwester des Erfolgs, kann Ullrich nicht umgehen. Wenige Wochen nach seinem Triumph beschwert er sich bereits über die Leute die meinen, er "müsse nun alles gewinnen".

Trotzdem will er es allen recht machen und setzt sich selbst unter Druck. 1998 verliert er die Tour, weil er vergisst zu essen, 1999 stürzt er bei der Deutschland Tour und muss die Frankreichrundfahrt absagen. Im Schatten des Saisonhöhepunktes verringert sich der Druck, Ullrich sammelt eifrig Titel: Vueltasieg und Zeitfahrweltmeister 1999, zudem Olympiagold 2000.

Es die erfolgreichste Zeit in Ullrichs Karriere.

Dann betritt ein Kontrahent die Bühne, der ihm auf Augenhöhe begegnet. Es reicht nun nicht mehr, keine Fehler zu machen. Ullrich besiegt sich nicht mehr selbst - er wird besiegt. 2000, 2001 und 2003 wird Ullrich Tour-Zweiter, jeweils hinter Lance Armstrong. Die Zeiten, in denen seine hervorragende körperliche Konstitution Garantie für Erfolg war, sind vorbei. Ullrich muss etwas tun, was er nur sehr ungern tut: an seine Grenzen gehen.

Zu nett zum Dopen

Doch sein Antrieb überfordert das Knie und die Verletzung stoppt die Aufholjagd. Stattdessen setzt er seinen Porsche im nächtlichen Freiburg in einen Fahrradständer. Als wolle er seiner Berufung ein Ende setzen. Wenig später wird er sechs Monate wegen Dopings gesperrt - nach eigener Aussage hatte man ihm eine Pille zugesteckt, die sich als Ecstasy herausstellte. Er fühlt sich nicht mehr wohl im System Radsport, das nicht seines ist. Der sensible Ullrich entfernt sich vom kritischen Godefroot und der Telekom und bindet sich immer mehr an den loyalen Pevenage, inzwischen sein wichtigstes Stützrad. Dieser führt ihn zurück zum Radsport, Ullrichs Kopf bleibt jedoch gefangen in der Welt der Zweifel und Erwartungen.

In dieser Zeit gesteht Ullrich, er sei "noch nie am Limit gewesen". Heute muss man sagen, er war es nie. Weil der Kopf dem Körper mit den unverschämt guten Genen nicht gewachsen war. "Jan kann sich nicht zwölf Monate im Jahr auf den Radsport konzentrieren", sagt Godefroot 2002. Gegenspieler Armstrong wäre ohne seinen Kopf chancenlos. Er hat den Willen, erwachsen in den schlechten Zeiten seiner Krebserkrankung. Armstrong hat seinen härtesten Gegner bereits hinter sich, Ullrich musste nie für etwas kämpfen.

In den letzten Jahren seiner Karriere leidet Ullrichs Körper immer mehr unter äußeren Einflüssen. Zu Armstrong gesellen sich mit Ivan Basso und Andreas Klöden weitere Besieger. Die Gegner werden stärker, der Erwartungsdruck bleibt. Die Antwort auf die Frage, ob Ullrich mit dem Gebrauch leistungssteigernder Mittel gegen die nicht gewohnte Unterlegenheit ankämpft, wird - wenn überhaupt - den Radsportler Ullrich wohl nicht mehr betreffen.

Aus dem Jüngling, der als viel zu nett zum Dopen galt, wurde zuletzt ein Mann, dem zugetraut wird, in Folge des Erwartungsdrucks zur Spritze zu greifen. Die Indizien sind erdrückend, Beweise gibt es keine. Kein Spitzenteam wollte den ehemaligen Spitzenfahrer zuletzt mehr verpflichten.

Bezeichnend ist, dass sich der 33-Jährige in Hamburg zu seiner Zukunft erklärt. Als wollte er gegen Ende noch einmal einen Bogen zu den schönen Momenten seiner Karriere schlagen. Godefroot hat einmal kritisiert, Ullrich lebe nicht für seinen Beruf. Das stimmt. Ullrich lebt, um Fahrrad zu fahren. Das kann er nach seiner Karriere wieder. Im Windschatten, so wie er es mag.

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