Umstrittene Läuferin Semenya "Eine Zeit des Ausruhens"

Nach elfmonatiger Sperre kehrt Weltmeisterin Caster Semenya wieder an den Ort ihres WM-Triumphes zurück: Beim Stadionsportfest in Berlin feiert die 19-jährige Südafrikanerin ihr Comeback auf der großen Leichtathletik-Bühne. Über die Zweifel, ob sie eine Frau ist, will sie nicht mehr reden.

Weltmeisterin Semenya (l.): Zweifel am Geschlecht "für meine Karriere natürlich negativ"
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Weltmeisterin Semenya (l.): Zweifel am Geschlecht "für meine Karriere natürlich negativ"

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In Berlin gibt sich an diesem Wochenende der Olympiasieger und Weltmeister im Stabhochsprung, Steve Hooker, die Ehre. Auch Bernard Lagat, Doppelweltmeister von 2007 über 1500 und 5000 Meter, ist beim Istaf-Leichtathletiksportfest im Olympiastadion am Start. Sie sind alles Randfiguren.

Als die frisch gebackene deutsche Europameisterin im Speerwurf, Linda Stahl, am Freitag zur Pressekonferenz erschien, kam ihr ein Gutteil der Journalisten bereits entgegen, die den Saal wieder verließen. Denn der Haupt-Act des Tages hatte seinen Auftritt bereits gehabt: Caster Semenya ist in Berlin, und das gesamte Interesse der Öffentlichkeit zieht die Weltmeisterin aus Südafrika auf sich.

Vor einem Jahr, ebenfalls in Berlin, hat sie den Weltmeistertitel über 800 Meter der Frauen gewonnen. Damit begann ihr Unglück.

Schon kurz nach dem Rennen wurden die Zweifel laut. Zweifel, ob Semenya den Titel zu Recht errungen hat. Zweifel, ob sie überhaupt eine Frau ist.

Erster großer Auftritt vor der Leichtathletik-Weltöffentlichkeit

Elf Monate war Semenya gesperrt, elf Monate ohne jedes Rennen, weil der Weltverband angeblich so lange brauchte, um ihr wahres Geschlecht festzustellen. Bis die Sperre im Juli mit sofortiger Wirkung aufgehoben wurde. Seitdem hat sie ein paar zaghafte Comebackversuche bei zweitklassigen Rennen in Finnland gestartet, Berlin ist ihr erster großer Auftritt in der Leichtathletik-Weltöffentlichkeit.

Es ist gut, dass Caster Semenya ihren Manager Jukka Härkönen zur Pressekonferenz mitgebracht hat. Denn zu den Fragen, die allen erschienenen Journalisten im Kopf herumgehen, will die 19-Jährige nichts mehr sagen. Der Istaf-Pressesprecher umgeht bei der Interviewrunde jegliche Anspielung auf die vergangenen Monate, als habe es die Sperre nie gegeben. Er fragt lieber nach den Erwartungen für Berlin und wie es sei, wieder in die Stadt ihres größten Erfolges zurückzukehren. Es sei "pretty good to be back", sagt Semenya und dass sie nicht genau wisse, was für eine Laufzeit man am Sonntag von ihr erwarten könne. Da sitzt eine schüchterne junge Frau auf dem Podium, und man ahnt, wie sehr ihr das alles zugesetzt haben muss.

Bei den heiklen Themen springt Härkönen für sie ein. "Es ist für eine junge Frau alles andere als angenehm, monatelang gesperrt zu sein und dauernd Gerüchte über sich in den Zeitungen zu lesen", sagt der finnische Manager: "Es war wirklich hart." Schon im März sei dem Semenya-Lager signalisiert worden, die Sperre werde in kürzester Zeit aufgehoben, dann dauerte es doch noch bis Juli. Er habe "wirklich keine Ahnung, warum das alles so lange Zeit in Anspruch genommen hat". Das Ganze sei "für uns alle sehr frustrierend" gewesen.

Welten hinter ihrer Bestzeit zurück

Härkönen versucht ruhig zu reden, aber man merkt ihm die Verärgerung an. Für einen Manager ist eine solche Sperre auch ökonomisch ein Desaster. Die Vermarktung des WM-Titels bei den anschließenden großen Meetings, die für die Leichtathleten finanziell so lukrativ sind, fiel für Semenya nach Berlin komplett flach. Umso intensiver wird das Restjahr 2010 durchgeplant: Die Athletin soll im August und im September noch in Brüssel und zweimal in Italien an den Start gehen. Anschließend warten auch noch die Commonwealth Games auf sie.

Vor einem Jahr lief Semenya die 800 Meter in Berlin in der Siegeszeit von 1:55,45 Minuten, zuletzt in Finnland benötigte sie mehr als zwei Minuten für dieselbe Distanz. Welten in der Leichtathletik. Semenyas Trainer Michael Seme sagt artig, man sei "überzeugt, dass sie bald wieder in der Lage sein wird, sehr schnelle Zeiten zu erzielen", aber es brauche einfach "viele Wettbewerbe, um die Beine wieder richtig ins laufen zu bringen", ergänzt Härkönen.

Der Fall Caster Semenya bleibt in weiten Teilen rätselhaft. Der Weltverband schweigt mehr oder weniger darüber, welche Tests er bei der Athletin vorgenommen hat, um ihr Geschlecht zweifelsfrei nachzuweisen. Das Semenya-Lager will auch keine Details nennen, und die Athletin will einfach nur wieder schnell laufen. Dass Mediziner des südafrikanischen Verbandes Asa vor der WM in Berlin empfohlen haben, Semenya besser nicht starten zu lassen, wurde vom Verband monatelang bestritten und kostete den Asa-Präsidenten Leonard Chuene schließlich den Job.

Ein Satz zu der leidigen Affäre lässt sich Semenya doch noch entlocken: "Das Ganze war für meine Karriere natürlich negativ, aber dafür hatte ich viel Zeit gemeinsam mit meiner Familie. Für mich war es auch eine Zeit des Ausruhens", sagt sie. Es hat im Leben eben alles sein Gutes.

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Seite 1
Emmi 20.08.2010
1. Mann? Frau? Hermaphrodit?
Die Tatsache, dass Caster wieder starten darf - bei den Frauen! - beweist m. E., dass sie jedenfalls nicht als Mann angesehen wird. Andererseits war nirgends zu lesen, dass die Zweifel an ihr als Frau ausgeräumt wurden. Das lässt nur den Schluss zu, dass sie (?) wohl irgendwas dazwischen ist und wirft die Frage auf, wie Sportverbände, die in dieser Frage eigentlich nur Mann oder Frau kennen wollen, mit Menschen umgehen werden, die weder noch bzw. oder teils-teils sind? Werden diese dann fürderhin generell unter Frauen subsummiert, weil sie eben keine "richtigen" Männer sind, oder wird da in jedem Fall individuell entschieden? Und wann? Wenn jemand einen Verdacht äußert? Oder werden alle Sportler neben Doping- auch Geschlechtskontrollen unterzogen? Fragen über Fragen...
Deuterium 21.08.2010
2. Zwickmühle
Zitat von EmmiDie Tatsache, dass Caster wieder starten darf - bei den Frauen! - beweist m. E., dass sie jedenfalls nicht als Mann angesehen wird. Andererseits war nirgends zu lesen, dass die Zweifel an ihr als Frau ausgeräumt wurden. Das lässt nur den Schluss zu, dass sie (?) wohl irgendwas dazwischen ist und wirft die Frage auf, wie Sportverbände, die in dieser Frage eigentlich nur Mann oder Frau kennen wollen, mit Menschen umgehen werden, die weder noch bzw. oder teils-teils sind? Werden diese dann fürderhin generell unter Frauen subsummiert, weil sie eben keine "richtigen" Männer sind, oder wird da in jedem Fall individuell entschieden? Und wann? Wenn jemand einen Verdacht äußert? Oder werden alle Sportler neben Doping- auch Geschlechtskontrollen unterzogen? Fragen über Fragen...
Sowas könnte auch politische gründe haben. Gute frage, keine lösung ist eine für alle befriedigende lösung. Nur die frauen *klugscheiß* :).
Populist 21.08.2010
3. Ein Witz...
Wenn das kein mann ist, heiße ich Sandra... Zudem wird damit die 800m-Szene der Frauen ruiniert.. Welche Frau läuft denn noch dann die 8oom, das kann sie gleich bei den Männern starten.
Gertrud Stamm-Holz 21.08.2010
4. aber wirklich
Zitat von PopulistWenn das kein mann ist, heiße ich Sandra... Zudem wird damit die 800m-Szene der Frauen ruiniert.. Welche Frau läuft denn noch dann die 8oom, das kann sie gleich bei den Männern starten.
Es kann schon passieren, dass Geschlechtsmerkmale nicht "ordnungsgemäß" entwickelt oder vorhanden sind. Es kann auch sein, dass eine glasklare Einteilung auf männlich oder weiblich nicht funktioniert. Ihre Häme packen Sie dann bitte wieder weg. Zu Ihrer Aufklärung, die 800 Meter geben andere Zahlen als Ihre vermuteten her. 1983 hat eine schwer gedopte Frau Kratochvila aus der Tschechoslowakei den Weltrekord mit 1.53,28 gelaufen. Der steht immer noch. Frau Olisarenko aus Russland, ebenso gedopt, hat 1980 eine Zeit von 1.53,43 hingelegt. Caster Semenja ist von 2.04,23 auf 1.56,72 und dann auf 1.55,45 (Berlin WM) gelaufen. Die Weltjahresbeste in der Disziplin, Alysia Johnson (USA) bietet eine Zeit von 1.57,34. Die Männer dagegen haben einen Weltrekord von 1.41,11, aufgestellt von Wilson Kipketer (Dänemark) und gebürtiger Kenianer, stehen. Der Weltjahresbeste ist David Rushida (Ken) mit 1.41,51. Semenja hätte bei den Männer niemals auch nur den Hauch einer Chance. Frauen allerdings haben gegen Semenja eine. Ihre Eindeutigkeiten sind keine.
Gertrud Stamm-Holz 21.08.2010
5. übrigens
Kennt jemand diesen Menschen? http://www.spiegel.de/img/0,1020,65489,00.jpg
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