US-Open-Sieger Murray: Kampf, Triumph, Erschöpfung

Er hat Historisches geschafft: Andy Murray hat bei den US Open den ersten Grand-Slam-Titel seiner Karriere gewonnen und den Briten den ersten Major-Sieg seit 1936 beschert. Doch überschwängliche Freude zeigte er nicht, zu groß schien die Erschöpfung nach einem harten Tennissommer zu sein.

US-Open-Sieger Murray: Unterdrückte Freude Fotos
REUTERS

Hamburg - Er tanzte und jubelte nicht, riss nicht einmal die Arme in die Luft. Wie in Zeitlupe sank Andy Murray auf die Knie, ungläubig schlug er die Hände vor den Mund. Für seinen US-Open-Sieg über Novak Djokovic hatte er hart gekämpft - und doch schien er es nicht glauben zu können. So lange hatte der Brite auf seinen ersten Grand-Slam-Titel warten müssen, so oft war er immer wieder kurz vor dem Ziel gescheitert. Und jetzt: Triumph in New York. Der erste eines Briten seit Fred Perry im Jahr 1936.

Während Murray erschöpft den Schläger zu Boden fallen ließ, hielt seine Mutter, die Freundin und seine britischen Fans Sean Connery und Alex Ferguson in Flushing Meadows nichts mehr auf der Tribüne. Es war Freude und Erleichterung zugleich, hatten Murray und seine Entourage doch nach dessen Goldmedaille bei den Olympischen Sommerspielen in London auf die Grand-Slam-Sensation zu hoffen gewagt. Viermal hatte der Schotte bereits in einem Finale gestanden, viermal hatten er und seine Anhänger gezittert und gebangt, viermal war der 25-jährige Schotte gescheitert. Zuletzt gegen Roger Federer in Wimbledon.

Djokovic spürte die Bedeutung des Sieges für Murray

Auch im New Yorker Arthur-Ashe-Stadion machte Murray es spannend. Erst nach fast fünf Stunden stand fest, dass ihm den historischen Erfolg niemand mehr würde nehmen können. Fünf Sätze benötigte Murray, um den Weltranglistenzweiten Djokovic 7:6 (12:10), 7:5, 2:6, 3:6, 6:2 zu besiegen. Es war eines der längsten Finalspiele in der Geschichte der US Open.

Vorjahressieger Djokovic schien die Bedeutung des Sieges für Murray zu spüren: Er lief auf die andere Seite des Netzes, um seinen Gegner zu umarmen. Eine noble Geste. Nur Murrays Trainer Ivan Lendl stand mit verschränkten Armen da und blickte grimmig auf den Center Court. Sein Schützling wollte das anders sehen: "Ich glaube, das war fast ein Lächeln", sagte Murray bei der Siegerehrung. Auch Lendl konnte es vermutlich einfach nicht fassen, was an diesem Abend in New York passiert war.

"Als ich zum Matchgewinn aufgeschlagen habe, spürte ich, was für ein großer Moment das ist", sagte Murray. Vor der Partie jedoch habe er in der Kabine gesessen und gezweifelt: Niemand zuvor hätte fünf Endspiele verloren. "Und ich wollte nicht derjenige sein, dem das zuerst passiert. Wie oft wurde ich gefragt: Wann gewinnst du einen Grand Slam? Ich bin stolz."

"Ich freue mich innerlich"

Vor Murray stand die silberne Trophäe, aber der neue Weltranglistendritte schien sich in ihrer Anwesenheit nicht ganz wohl zu fühlen. "Erleichterung ist wahrscheinlich das beste Wort, um meine Gefühle zu umschreiben", sagte Murray. Er freue sich innerlich sehr und es tue ihm leid, wenn er "das nicht so zeige".

Vielleicht war es Erschöpfung, vielleicht muss er nach den vielen vorangegangenen Rückschlägen erst einmal verarbeiten, was ihm da gelang. Klar ist: Es war ein harter Tennissommer, Murray ackerte durch die Turniere, wurde im Verlauf der Saison immer besser. Er wird Zeit brauchen, um sich zu erholen - körperlich und mental.

Murray hat in diesem Jahr tatsächlich Denkwürdiges geschafft. In den vergangenen siebeneinhalb Jahren spielten bei 29 von 30 großen Turnieren Federer, Rafael Nadal und Djokovic die Titel unter sich aus. Nun hat sich neben dem Argentinier Juan Martin del Potro, der 2009 überraschend US-Open-Sieger wurde, auch Murray in die Liste der Besten der Besten eingetragen. Bei ihm jedoch war es kein Zufall. Es war vielmehr die logische Konsequenz und die Belohnung harter Arbeit und eisernen Willens.

Murray weiß, was jetzt möglich ist. Er weiß, dass er die drei Großen - Federer, Nadal und Djokovic - nicht mehr zu fürchten hat. "Es war lange schwer, da ranzukommen", sagt er. Aber jetzt wolle er versuchen, die Nummer eins zu werden. Es ist immer leichter, einen Titel zu gewinnen, als ihn zu verteidigen, sich an der Spitze zu halten, als dorthin zu gelangen. Dessen ist auch Murray sich bewusst, seine - zumindest äußerliche - Mäßigung mag so verständlicher erscheinen.

psk/dpa

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Bitte was?
Shamgar 11.09.2012
Del Potro wurde zufällig Grand Slam Sieger? Mit diesem Satz hat sich der Schreiber selbst disqualifiziert. Er hat Nadal an die Wand gespielt und Federers Traumserie gebrochen. Im selben Jahr hat er Federer an den French Open an den Rand einer Niederlage gebracht. Also bitte mehr Respekt.
2. Kein Zufall
Stefan Morgen 11.09.2012
Dass del Potro die US Open vor drei Jahren "eher zufällig" gewann, stimmt so nicht. Er fegte seinerzeit im Halbfinale Nadal regelrecht vom Platz (dreimal 6:2) und besiegte im Finale auch Federer. Dass er nie wieder so gut spielte wie damals, lag an einer komplizierten Handverletzung, die ihn zu einer über einjährigen Pause zwang. Das hat seine Karriere massiv beeinflusst. Aber wer weiß, vielleicht wird er noch einmal so gut, wie er es im Herbst 2009 schon einmal war.
3. optional
hanto2 11.09.2012
Er hat endlich einen 'Grand Slam Titel' und ist jetzt in der Weltspitze angekommen. Ich gönne es Ihm.
4. Sehr gut Murray!
Extrameter 11.09.2012
Murray hat wirklich super gespielt. Hut ab. Djokovic hat sich leider selbst besiegt. Wer nach 0:2 nochmals so zurückkommt wie Djokovic darf sich den Sieg nicht entgehen lassen. Murray ist sicherlich enger and die Invincible Three herangekommen.
5. Glückwunsch Andy!
mezzman 11.09.2012
Endlich hat er es geschafft und für sich und ganz Großbritannien eine lange lange Durststrecke beendet. Nun ist er endgültig im Olymp der Größen angekommen. Nach seinem Sieg bei Olympia , der Absage von Nadal und dem Ausscheiden von Federer im VF war es genau seine Zeit. Er hat die Chance gesehen und endlich genutzt. Dabei war das Match durchgängig auf sehr hohem Niveau , auch wenn Murray in den Sätzen 3 und 4 nicht mehr mit Djokovic mithalten konnte. Wenn bei den Australien Open im nächsten Jahr Nadal wieder fit ist , sind 4 absolute Ausnahmespieler vereint und werden den Tennissport auf ein neues Level heben.
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2009 Juan Martín del Potro Kim Clijsters
2008 Roger Federer Serena Williams
2007 Roger Federer Justine Henin
2006 Roger Federer Maria Scharapowa
2005 Roger Federer Kim Clijsters
2004 Roger Federer Swetlana Kusnetzova
2003 Andy Roddick Justine Henin
2002 Pete Sampras Serena Williams
2001 Lleyton Hewitt Venus Williams
2000 Marat Safin Venus Williams

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