Tennislegende Arthur Ashe Black Power auf dem Center Court

1968 gewann Arthur Ashe als erster und bisher einziger schwarzer Mann die US Open. Das Buch "Crossing the Lines" widmet sich diesem historischen Sieg - und seiner Rolle als politischer Aktivist.

John G. Zimmerman

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Arthur Ashe sitzt mit dem Rücken zum Fotografen in einem Container an einem Tisch. Er trägt eine weiße Jacke, weiße Socken, kurze Hosen. Die Arme hat er vor der Brust verschränkt. Der Raum ist gefüllt mit Reportern, ein Dutzend sitzt auf schlichten Klappstühlen mit am Tisch, der Rest steht dicht gedrängt bis in den letzten Winkel. Sie tragen Hemden, Krawatten, dicke Brillengestelle und Pomade im Haar.

Das Bild, aufgenommen am 9. September 1968 vom legendären "Sports Illustrated"- und "LIFE"-Fotografen John G. Zimmerman (1927 bis 2002), stammt aus dem gerade erschienenen Jubiläumsbuch "Crossing the Line: Arthur Ashe at the 1968 US Open".

Arthur Ashe spricht nach seinem Sieg mit Reportern
John G. Zimmerman

Arthur Ashe spricht nach seinem Sieg mit Reportern

Zum 50. Mal jährt es sich in diesem Jahr, dass Arthur Ashe in New York triumphierte. Ashe hatte damals als 25-Jähriger das Finale der US Open gewonnen: 14:12, 5:7, 6:3, 3:6, 6:3 gegen den Niederländer Tom Okker. Er ist der erste Afroamerikaner, der einen Grand-Slam-Titel gewinnen konnte. Und er sagt damals Sätze, die das historische Ausmaß dieses Moments deutlich machen.

1968 beginnt die Open Era, es ist das Jahr, "in dem das moderne Tennis beginnt", wie Ashe selbst sagt. Er meint zum einen das Spiel als solches, aber auch die Regeln: Erstmals treten Amateure und Profis gegeneinander an. Bis dahin war das Turnier nur Amateuren zugänglich gewesen, genauso wie die Australian Open, die French Open und Wimbledon. Auch Ashe ist 1968 noch Amateur, erst 1970 wird er den Profistatus annehmen. Für seinen Finalsieg bekommt er deshalb nicht die 14.000 Dollar Siegprämie, die an Okker gehen, sondern eine Aufwandsentschädigung von 20 Dollar am Tag.

Fotograf John G. Zimmerman
Tony Triolo

Fotograf John G. Zimmerman

Der schlaksige Ashe, 1,85 Meter groß, 73 Kilogramm schwer, ist ein spektakulärer Spieler. Er punktet oft direkt mit dem Aufschlag, allein im Finale gegen Okker schlägt er 26 Asse. Okker sagt: "Arthur spielte immer alles oder nichts, Gewinnschlag oder Fehler." Immer wieder muss Ashe nach dem Service seine Brille mit dem Finger auf der Nase nach oben schieben, so wuchtig wirft er sich in die Aufschlagbewegung. Damals findet das Turnier noch nicht in Flushing Meadows statt sondern im südlich angrenzenden Forest Hills, gespielt wird auf Rasen, dem schnellsten Belag. Bringt der Gegner den Return zurück, ist Ashe meist schon am Netz, um den Volley zu verwandeln.

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Arthur Ashe: Der historische Triumph

Dauern die Ballwechsel doch mal länger, hat er die Wahl aus einem schier unerschöpflichen Repertoire: harte Vorhandschläge ohne Schnitt, Winkelschläge mit viel Schnitt, eine mühelos wirkende einhändige Rückhand, überraschende Stopps, präzise Lobs, überfallartige Angriffe ans Netz, wenn der Gegner nur Augen für den Ball, nicht aber für Ashe hat.

Er spielt mit Kraft, Eleganz und Lässigkeit. "Ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg ist Selbstvertrauen. Ein wichtiger Schlüssel zu Selbstvertrauen ist Vorbereitung", lautet ein bekanntes Ashe-Zitat. Schaut man sich bei YouTube einige Highlights des Finales gegen Okker an, erkennt man trotz der schlechten Bildqualität in jedem Ballwechsel, was Ashe damit meint.

Ashes Sieg fällt in die politisch vielleicht brisanteste Zeit, die die USA seit dem Zweiten Weltkrieg erleben. 1968, das mythische Jahr. Am 4. April, kein halbes Jahr vor Ashes Sieg, wird Martin Luther King Jr. ermordet. Es folgen Unruhen in über hundert Städten, die vier Tage lang andauern, mehr als tausend Menschen werden verletzt, zwölf sterben.

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Lieven Van Speybroeck (Hrsg), Arne De Winde (Hrsg):
Crossing the Line

Arthur Ashe at the 1968 US Open (Englische Originalausgabe)

Cannibal/Hannibal Publishers; 240 Seiten, 29,17 Euro (gebunden)

Und nun ist der schwarze Arthur Ashe aus Richmond, Virginia, dessen Vorfahren 1735 auf einem Sklavenschiff in die USA kamen, der Beste in einem Sport, der traditionell von der weißen protestantischen Oberschicht in Country Clubs betrieben wird. Schon vor seinem ersten großen Triumph äußerte sich Ashe immer wieder, bezog Stellung gegen Rassismus, ging dabei aber nie so weit, wie die Bürgerrechtsbewegung es sich gewünscht hätte.

Vor den Reportern in dem kleinen Pressecontainer ändert sich das. "Ich habe nie zurückgeschaut. Nun bin ich gezwungen, zurückzuschauen", sagt Ashe: "Wenn du die Zukunft planen willst, musst du die Vergangenheit kennen. Black Power, White Power, Purple Power - alles was man sagt, wird wahrgenommen und bewertet. Ich bin schwarz, also habe ich wohl irgendwie mit Black Power zu tun. Die Frage ist, welchen Weg man geht. Nun, ich bin definitiv nicht konservativ und moderat bei diesen Themen. Ich denke, ich bin militant, wobei es da verschiedene Abstufungen gibt. Vom Ausloten der Grenzen des Erlaubten bis zum tatsächlichen Töten. Ich glaube, ich bin irgendwo dazwischen."

Tom Okker und Arthur Ashe nach dem Finale
NY Daily News Archive via Getty Images

Tom Okker und Arthur Ashe nach dem Finale

Dieses "irgendwo dazwischen" sollte zu Ashes Lebensthema werden, wie er selbst in seinem Reisetagebuch "Portrait in Motion" schreibt. "Ich bin ein soziologisches Phänomen", heißt es dort über ein Leben, das immer pendelt zwischen zwei dieser beiden Welten, die sich nicht vereinen lassen. Überall ist Ashe willkommen, nirgends gehört er so richtig dazu.

Finalgegner Okker sagt: "Einerseits war er politischer Aktivist, andererseits auch wieder nicht. Er musste immer wieder für beide Seiten Kompromisse machen. Das muss sehr schwierig für Ashe gewesen sein. Aber an erster Stelle wollte er immer ein guter Tennisspieler sein. Er hat immer gesagt: 'Wenn ich nicht gut spiele, hört mir niemand zu.'"

Es gibt viele Bücher über das Leben von Arthur Ashe, nach dem inzwischen bei den US Open das größte Stadion benannt ist, über seine großartige Karriere, in der er viermal den Davis Cup gewann und nach den US Open noch zwei Grand-Slam-Turniere (Australian Open 1970, Wimbledon 1975). Über seinen lebenslangen Kampf gegen Rassismus und Apartheid. Über seine Herzerkrankung, die immer wieder Operationen nötig machte, wobei er durch eine Bluttransfusion mit dem HI-Virus infiziert wurde, woran er 1993 mit nur 49 Jahren starb.

"Crossing the Line" lässt vieles davon außen vor. Das Buch konzentriert sich auf das eine Turnier, auf die zwei Wochen, in denen Arthur Ashe zum Star wurde und zur wichtigen politischen Stimme. "Ashe war schon vorher als einer der besten Spieler der Welt anerkannt", sagt Okker, "aber natürlich haben wir damals gemerkt, dass sein Sieg ein historischer Moment ist."



insgesamt 2 Beiträge
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dehnübung 29.08.2018
1. Was für ein Thema
Noch nie von den Williams Schwestern gehört? Oder Louis Hamilton? Tiger Woods? Oh Gott, wir haben noch nie einen Ruder-Achter gehabt der eine Goldmedallie bei Olympia gewonnen hat? Was machen wir da nur? Alles ganz wichtig!
Mr T 29.08.2018
2.
Zitat von dehnübungNoch nie von den Williams Schwestern gehört? Oder Louis Hamilton? Tiger Woods? Oh Gott, wir haben noch nie einen Ruder-Achter gehabt der eine Goldmedallie bei Olympia gewonnen hat? Was machen wir da nur? Alles ganz wichtig!
Sportler wie Ashe haben es erst ermoeglicht, dass Sie das alles als relativ normal ansehen.
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