Tennisstar Svitolina Die erfolgreichste Verliererin

Elina Svitolina gehört bei jedem Grand-Slam-Turnier zu den Favoritinnen - und ist bisher jedes Mal vorzeitig ausgeschieden. Darin ähnelt sie dem Deutschen Alexander Zverev. Bei den US Open soll alles anders werden.

AP

Von Philipp Joubert


Das Tennisleben von Elina Svitolina könnte derzeit kaum perfekter sein. Gerade einmal 23 Jahre alt, hat sich die Ukrainerin in der absoluten Weltspitze etabliert. Vier der größten Turniere hat sie in den vergangenen anderthalb Jahren gewonnen, in der Weltrangliste ging es in diesem Zeitraum bis auf den dritten Platz hinauf.

Wenn am Montag das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres, die US Open, beginnen, dann wird Svitolina wieder ganz selbstverständlich zur ersten Reihe der Favoritinnen gehören. Es könnte also wirklich kaum besser laufen für sie, wäre da nicht ein Problem. Denn zur Zeit gehört Svitolina noch zu dem Klub, dem im Tennis niemand angehören will: dem Klub der erfolgreichen Verlierer.

Zwar ist Svitolina in der Tat überdurchschnittlich erfolgreich. Aber dort wo die Scheinwerfer am hellsten strahlen, da will es noch nicht klappen. Denn wie ihr Pendant bei den Herren, Alexander Zverev, hat auch Svitolina es noch nicht ein einziges Mal in ein Halbfinale bei einem der vier Grand Slams geschafft.

Bei jedem Turnier dieselben Fragen

An sich ist das kein Problem. Svitolina und Zverev sind jung, alle Zeichen deuten auf zukünftigen Erfolg und viele spätere Seriensieger taten sich einst am Karrierebeginn besonders schwer, wenn der Druck am größten war. Trotzdem können beide im Moment wenig dagegen tun, dass bei jedem regulären Turnier die gleiche Diskussion losgeht. Läuft es mal wieder besonders gut, lautet die Frage an Svitolina genau so wie beim jungen Deutschen: Wann gelingt solch eine Leistung endlich bei einem Grand-Slam-Turnier? Verliert Svitolina hingegen unerwartet früh, ist klar: So kann das nie was werden.

Die einzige Lösung: Ein Grand-Slam-Titel muss her - oder zumindest ein klares Zeichen von Fortschritt. Doch Svitolinas Saison 2018 gestaltet sich wie jene im Vorjahr. Außerhalb der Australian Open, French Open, Wimbledon und US Open steht die Bilanz bei sehr beachtlichen 28:8 Siegen, bei den Grand Slams sind bisher in 2018 lediglich 6:3 Siege vermerkt. Besonders enttäuschend war das frühe Ausscheiden der formidablen Sandplatzspielerin bei den French Open. In Wimbledon verlor sie gegen die Deutsche Tatjana Maria.

Svitolina ist keine, die sich wegduckt oder Fragen ausweicht. Sie versucht sich an öffentlichen Erklärungen und gibt behutsame Einblicke in ihre Arbeit. Andererseits ist sie niemand, die jede neue Idee oder Entwicklung lautstark kommuniziert. Als Svitolina im Jahr 2016 mit der siebenmaligen Grand-Slam-Siegerin Justine Henin zusammenarbeitete, drang nicht viel nach außen. Fortlaufende Statusmeldungen, wie sie andere Tennisprofis nach dem Anheuern von ehemaligen Größen ausgeben, gibt es von Svitolina nicht.

Das Thema Gewichtsverlust kam auf

Gerade ob dieser Zurückhaltung war es bemerkenswert, wie vergleichsweise offen Svitolina beim letzten großen US-Open-Vorbereitungsturnier in Cincinnati auf ein durchaus persönliches Thema reagierte. Ob es Anlass zur Sorge gebe, wurde sie gefragt. Schließlich war immer mehr Beobachtern und Experten der offensichtliche Gewichtsverlust Svitolinas über die letzten Monate aufgefallen. Ein delikates Thema in einem Sport, der in den vergangen Jahren immer wieder Spieler und Spielerinnen gesehen hat, die mit Gewichtsverlust und Essstörungen zu kämpfen hatten.

"Mein Team und ich versuchen etwas Neues," begründete Svitolina die rapide Gewichtsabnahme und fügte an: "Mein Hauptziel ist es, bei den Grand-Slam-Turnieren erfolgreicher zu sein. Ich weiß, dass es einen großen Unterschied in meinem Erscheinungsbild seit dem Beginn der Saison gibt. Aber ich glaube, es liegt an mir und meinem Team zu entscheiden, was gut für mich ist."

Dass Svitolina die spielerischen Voraussetzungen für einen Grand-Slam-Titel hat, bestreiten sowieso nur die Wenigsten. Die 23-Jährige ist zwar manchmal im entscheidenden Moment zu passiv in der Spielgestaltung, anderseits aber so flink und agil, dass es oft aussieht, als hätte sie Sprungfedern in den Schuhen.

Mit guter Technik und solidem Ballgefühl manövriert Svitolina selbst die besten Verteidigungsspielerinnen erfolgreich über den Court. Gegen die drei letzten Grand-Slam-Siegerinnen Caroline Wozniacki, Simona Halep und Angelique Kerber steht die Bilanz in den direkten Duellen seit Beginn der Saison 2017 bei 11:2 Siegen. Kaum jemand spielt so gut gegen die absolute Weltspitze wie Svitolina.

Interessanterweise standen Kerber, Halep und Wozniacki einst vor demselben Dilemma wie Svitolina. Im Herzen Konterspielerinnen, mussten alle drei vor allem eines lernen: die Komfortzone zu verlassen. Genau dann mutig anzugreifen, wenn alles auf dem Spiel steht. Auch Svitolina hat die spielerischen Mittel, um genau diesen letzten und entscheidenden Schritt zu gehen.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.